Ungebremst auf dem Ring unterwegs

Ungebremst auf dem Ring unterwegs

Wieder ein Fahrrad-Event in München: die Initiative Radlhauptstadt München lädt zur Ringparade auf dem Mittleren Ring. Für die Nicht-MünchnerInnen: Der Mittlere Ring ist ein vierspurige Straße um München herum, ist offiziell ein Teil der B2, hat eine Länge von etwa 28 Kilometern und gilt als Deutschlands staureichste Strecke, sagt Wikipedia und ich kann bestätigen, dass “Stau am Mittleren Ring” zum Münchner Autosalltag gehört. Auch so heute. Für die Ringparade war nämlich fast die ganze westliche Hälfte in einer Richtung für den Autoverkehr gesperrt. Die Autos, die das nicht wussten, stapelten sich schon weit vor der Sperrung. 

Einige Radfahrer mit weißen T-Shirts mit der Aufschrift des MVG Bikes Stau im Candidtunnel Zwei Gesichter Radfahrer auf dem Mittleren Ring. Leute auf einer Brücke klatschen.

Für die Radlerinnen und Radler blieb es weitgehend staufrei. Der Mann und ich kommen zügig voran (nein, wir sind natürlich nicht gerast, könnte ich ja auch gar nicht, aber wir waren doch vornehmlich auf der linksten Spur unterweg).

Mit Genuss beobachte ich wieder die Diversität der Radszene. Im Gegensatz zu den vorherigen Veranstaltungen (z. B. hier) sind etliche Kinder dabei, manche mit wirklich sehr kleinen Reifen, sie mühen sich ab, aber haben offensichtlich Spaß. Bassdröhnen kündigt so ein paar wirklich ganz coole Teenager mit Musikmaschine und Skateboard hinten drauf an. Wir sehen die Hipster mit Bärten auf Single Speed oder Retro-Peugeot-Rennrad. Bei diesem Anblick muss der Mann unweigerlich immer bedauern, dass er “damals” sein altes Rennrad wegwarf anstatt es aufzuheben. Tja, wenn man immer wüsste, welcher Schrott irgendwann mal wieder cool wird.

Wir überholen weiter: die lässige Oma auf einem Brompton, den wirklich sehr schweren Mann auf einem Rad, das aussieht als könne es nicht mehr. Noch mehr Bäuche in grellbunten nagelneuen Rennoutfits, die Damen auf Hollandrad mit Korb vorne (wahlweise mit oder ohne Hund), die Mütter, die während der Fahrt gekonnt Flaschen austeilen und Jacken im Korb hinten verstauen, die Väter, die den Burley oder den FollowMe mit dem Nachwuchs ziehen und und und

So vielfältig die Radszene ist, so viele Klischees bedient sie auch. “Zeig mir dein Rad, und ich sag dir, wer du bist”, ein Spiel, dass ich genauso gerne spiele wie die Ähnlichkeiten zwischen Hund und Herrchen bzw. Frauchen festzustellen.

7.000 Zweiräder waren heute unterwegs, trotz unsicheren Wetters. Respekt, München!

Franken erradeln

Franken erradeln

Boot auf der Regnitz, Bamberg im Hintergrund

Noch ein paar Tage Urlaub übrig, der Sohn hat noch Sommerferien, was fällt mir da sofort ein: Eine Radtour. Der Sohn ist aus Reflex erstmal dagegen, aber mit ein paar Überredungstricks gelingt es ihn zu überzeugen. Start soll Ingolstadt sein, weil das das Ende der letzten Tour war, Ziel ist die Oma in der Rhön. Die gesamte Strecke werden wir in den drei möglichen Tagen nicht schaffen, daher plane ich so, dass wir in der Nähe von Bahnstrecken bleiben.

Am Ende ist es so, dass wir am Montag am Nachmittag in Nürnberg starten. Das Loch zwischen Ingolstadt und Nürnberg müssen wir halt wann anders füllen. 

Tag 1: Nürnberg – Erlangen – Forchheim (37 km)

Nürnberg stresst uns gleich mal ordentlich, und zwar nicht nur der Burgberg sondern auch der Stadtverkehr. Der Sohn wird von einem Laster angehupt und verliert verständlicherweise gleich mal die Fassung. Der Arme. Es dauert ein bisschen bis er wieder fahrfähig ist und noch ein bisschen mehr bis wir endlich aus diesem Verkehr raus sind. Zum Glück führt uns der Weg bald einen breiten neuen Radweg, der uns geschützt bis Erlangen bringt. Aber schön ist was anderes. Direkt an einer vierspurigen Bundesstraße entlang, viel Rad(gegen)verkehr. Insgesamt ein stressiger Beginn. In Erlangen gönnen wir uns die erste Pause. Der Sohn hat ein neues Smartphone/Kamera und muss immer mal wieder Fotos machen. Aus Erlangen raus wird es langsam besser, noch ein Stückchen an der Autobahn entlang und dann wird es tatsächlich ruhig. Am Main-Donau-Kanal entlang, über die Regnitz und nach Forchheim rein. Forchheim ist wunderschön und das schönste ist das Kopfsteinpflaster in der Innenstadt. Es sieht aus wie ein Killerpflaster lässt sich aber überraschend gut fahren, überhaupt nicht holprig (könnte man das nicht allen anderen hübschen alten Innenstädten verkaufen?). Der Abend klingt aus auf dem Marktplatz mit einem spitzen Burger und selbstgemachtem Eistee. Passt.

Der Marienplatz von Erlangen mit einem Brunnen Räder im Zugabteil Junge steht an der Autobahn und filmt mit dem Handy Marktplatz mit Fachwerkhäusern

Tag 2: Forchheim – Bamberg – Haßfurt (61 km)

Es gelingt mir tatsächlich, dass wir schon um halb zehn im Sattel sitzen. Ganz hinten in meinem Kopf habe ich als Ziel Schweinfurt, was gut achtzig Kilometer wären. Der Sohn  ist skeptisch. Wir fahren einfach mal los. Bis Bamberg ist es toll: Am Kanal entlang, schön ruhig, gut zu fahren, noch nicht zu heiß. Der Sohn gibt wieder den Navigator und macht das wirklich gut. Kurz vor Bamberg sehen wir das Schild zu Fähre von Pettstadt. Der Sohn drängt auf den Umweg. Ich wundere mich, aber dann nicht mehr als ich sein langes Gesicht sehe beim Anblick der Fähre. Die bringt einen nämlich nur von einem Flussufer zum anderen und nicht, wie er annahm, bis Bamberg oder darüber hinaus. Ich glaube, er hatte noch von den Schwedenfähren im Kieler Hafen ein anderes Bild im Kopf. Also doch weiterradeln. Jetzt auf der “falschen” Seite der Regnitz werden wir in Bamberg vor die Wahl gestellt: 60 Stufen zum Stephansberg hoch oder nochmal Fähre fahren.  Wir sind uns einig. Keine Diskussion nötig.

In Bamberg gibt’s was leckeres zu essen und nach einer klitzekleinen Stadtverfahrung sind wir auch schon am Mainradweg. Inzwischen ist es wirklich heiß geworden. Das Windchen vom Wasser hilft nicht viel. Der Sohn zeigt jetzt schon Ermüdungserscheinungen, rote Handflächen und Poweh. Ich verspreche, dass Schweinfurt heute nicht mehr unser Ziel sein wird, und dass wir vorher ein Bett finden. Weil uns die Hitze beide ganz schön nervt, googlen wir nach Bademöglichkeiten in der Nähe. Diesmal dachten wir nämlich an Badesachen. Schade, die letzte Badestelle im Main liegt hinter uns. Keine Option also. Der nächste See ist der Baggersee in Sand am Main. Noch acht Kilometer. Kurz: Wir erreichen den See, kühlen uns auch kurz darin ab, aber ein Genuss war das nicht, dazu war das Wasser zu schmutzig und das Kieswerk am anderen Ende zu laut. Und es hing so ein komischer Geruch in der Luft. Aber egal, wir sind wenigstens soweit wieder hergestellt, dass wir die restlichen zehn Kilometer oder so bis Haßfurt schaffen.

Zwei Fahrräder auf einer Flussfähre mit dem Fährmann im Hintergrund Steile Straße mit einem Straßenschild mit 20% Steigung Gerader Radweg, Autobahnbrücke im Hintergrund Hotel mit Raddekoration auf dem Balkon Boot auf der Regnitz, Bamberg im Hintergrund Fluss mit spiegelglatter Oberfläche

Tag 3: Haßfurt – Schweinfurt (22 km) – Würzburg (74km)

Plan für heute: Bis Schweinfurt mit dem Rad, dann mit dem Zug nach Bad Kissingen und von dort bis in die Rhön hoch. Wie gesagt, Plan. Das schöne an Plänen ist ja, dass man sie umwerfen kann.

Teil eins ziehen wir noch durch, und wie. Der Sohn scheint gedopt. Er legt ein Tempo vor, dass mir für den frühen Morgen und überhaupt zu ungemütlich ist. Weil auf dem Mainradweg nicht viel passieren kann und Verfahren auch nicht so leicht ist, lasse ich ihn ziehen. Am Ortsschild von Schweinfurt wartet er dann auf mich, total happy über seinen Schnitt von knapp 22 km/h. Und dann hält er mir noch einen Vortrag über wie schön Radfahren ist, aber nur wenn man den Weg noch nicht kennt und immer weiter fahren kann. Zur Schule radeln oder im heimatlichen Umland ist zu langweilig. Ich freue mich.

Dann formuliere ich meine Idee, die ich schon eine Weile denke: Wie wäre es, wenn die Mutter einfach weiter auf dem Mainradweg fährt und der Sohn allein in die Rhön abbiegt. Dreizehn Kilometer müsste er allein bewältigen. Navi lesen kann er ja. Zu meiner Riesenüberraschung sagt er ja. Um dann kurz darauf doch Muffensausen zu bekommen. Aber: Er organisiert, dass die Großeltern ihn abholen in Bad Kissingen und als ich ihn in Schweinfurt in den richtigen Zug gesetzt habe, darf ich allein weiterfahren.  OK. So einfach ist das jetzt mit einem Teenager. Muss ich mich auch erst dran gewöhnen.

Den Mainradweg habe ich schnell wieder gefunden, alles super ausgeschildert. Jetzt zur Mittagszeit ist er auch schön leer. Die Rentnertrupps sind entweder schon am Ziel oder gerade am Essen. Ich möchte heute noch nach Würzburg und von da mit dem Zug heim. Mainradweg dachte ich, aber irgendwann sehe ich ein Schild nach Würzburg, dem ich folge. Der Weg geht weg vom Main, hinein ins tiefste unterfränkische Hinterland. Zwischen Werneck und Würzburg ist nichts außer leere Dörfer, und ich meine leere Dörfer. Inzwischen sind meine beiden Trinkflaschen nämlich fast leer und ich halte aktiv Ausschau nach Menschen, die ich um einen Tropfen Wasser anbetteln könnte. Nichts. Wo sind die alle? Zwischendurch twittere ich an den Fränkischen Tourismusverband, sie mögen doch mal über Trinkwasserbrunnen in den Dörfern nachdenken. Die Radwegführung ist auch nicht eben hilfreich, denn die leitet einen eher zu einer Wallfahrtskirche als durch ein Dorf mit Laden oder Tanke, was vielleicht auch daran liegt, dass ich tatsächlich auf dem Fränkischen Marienweg unterwegs bin.

Leere Felder und ein einsamer Radweg Fahrrad vor einem Fußballplatz

Inzwischen weht auch noch ein richtig fieser Wind, der den nahen Wetterumschwung ankündigt, aus der Fahrtrichtung natürlich. Auf den baumlosen Höhen kann er sich auch so richtig austoben.  Und endlichendlich in einem Dorf sitzt eine Frau mit ihrem Kind im Hof, und ich bekomme meine beiden Flaschen gefüllt. Und ich erfahre, dass Würzburg nun gar nicht mehr weit ist. Nur noch da im Bachgrund lang und über den Berg und schon da! Über den Berg schiebe ich, und auf der anderen Seite vom Berg freue ich mich über meine neuen Bremsen. Und dann bin ich tatsächlich da. Noch Zeit für ein Stück Zwetschgendatschi und kurz darauf sitze ich im Zug nach München. In der Zugtoilette versuche ich mir und meinen Mitreisenden einen Gefallen zu tun, und den gröbsten Kleb und Stink von mir zu waschen. Und weil ich fürchte, dass es nicht gut gelungen ist, bewege ich mich einfach so wenig wie möglich. Anschlusszug in Nürnberg wartet schon auf mich, die passende S-Bahn in München auch, und der Mann daheim auch. Fertig. Drei tolle Tage, mit Sohn, mit Fahrrad, mit Sonne und wieder einem Flussradweg zum Abhaken.

Siehste wohl, geht doch!

Siehste wohl, geht doch!

In der Morgensonne warten Frauen auf Rennrädern auf den Start

Was hab ich mir Gedanken gemacht, gerechnet, gezweifelt, geplant, gegrübelt. Und dann ging alles ganz schnell und es war super schön. Acht Monate Vorbereitung physisch wie psychisch für zwei Stunden und vierundvierzig Sekunden Rennen. Siehste wohl, geht doch. Und wie es ging!

Tag 1 vor X : Ausflug nach Hamburg für 1. Startnummer abholen 2. Wettkampf-Tüte mit Werbung und Alpecin-Shampoo entgegennehmen 3. Exhibition auf dem Rathausmarkt genießen 4. Handschuh-Schnäppchen kaufen 4. mit Onkel und Tante treffen 5. essen gehen, 6. Elbphilharmonie angucken und 7. wieder heimfahren 8. Siebensachenpacken 9. früh schlafen gehen.

Plastik-Beutel auf dem Rücken des Sohnes Zielleinlauf noch ohne Räder Lange Theke mit Leuten, die ihre Startnummer abholen Alexandra hält ihre Startnummer und grinst in die Kamera Zielbogen in der Mönckebergstraße Elbphilharmonie
Morgendämmerung vor einer Waldsilhouhette.
Vor dem Aufstehen aus dem Haus. Müdigkeit schlägt Nervosität.

Tag X: Der Wecker klingelt als noch eine vier vor den zwei Punkten steht und es noch nicht mal hell ist. Um sechs fährt der Zug im etwas entfernten Ort. Eine weitere Stunde später sind wir in Hamburg Dammtor, mit genügend Zeit vor dem Start. Genügend Zeit, um über die Kleidungsfrage nachzudenken. Ich entscheide mich gegen Jacke und für Kurz, obwohl es noch ein bisschen frisch ist. Der Mann gibt mir den Rat: Wenn dir kalt wird, musst du schneller treten. Ich sortiere mich in den Frauenblock ein, mittleres Starterfeld. Lauter Frauen wie ich, von Form und Alter her. Ich fühle mich wohl, die Nervosität schwindet deutlich. Schwätzchen mit einer, die genauso unerfahren ist. Das tut gut. Nach dem Start fahren wir ein Stücken nebeneinander her und treffen uns immer mal wieder. Genauso wie ich immer mal wieder die selben Namen sehe. Die Rücken von Sandra, Nina, Jessica kenne ich jetzt gut, ihre Gesichter weniger.

In der Morgensonne warten Frauen auf Rennrädern auf den Start
Frauenblock vor dem Start

Fünf – zehn – fünfzehn Kilometer. So langsam komme ich in Tritt. Finde immer wieder Löcher in den Menschenknubbeln, die mich entspannt fahren lassen. Lieber fahre ich mal ein bisschen langsamer und lasse eine Gruppe vorbei, als dass ich mich in den Pulk einsperren lasse, denn inzwischen sind wir schon am zweiten Unfall vorbeigekommen. Auf einer großen Bundestraße, autobahnähnlich und gesperrt für uns fällt vor mir ein alter Mann vom Rad. Ich steige ab und helfe ihm und seinem Rad von der Straße bevor er von der heranfahrenden Meute überfahren wird. Mit etwas schlechtem Gewissen fahre ich weiter, bevor der Notarzt da ist.
Etwa zur Hälfte der Rennstrecke schaue ich mal auf mein Garmin. Bisher hatte ich nur die Kartenansicht in der Anzeige, hatte mir die Geschwindigkeitsanzeige verboten. Aber: 29 km/h Durchschnitt. Wow!

Die zweite Hälfte der Strecke begrüßt uns mit einigen Gegenwind-Kilometern und nicht ganz so perfektem Straßenbelag. Jetzt sind alle nicht mehr so hektisch, habe ich den Eindruck. Ich genieße die Landschaft, den Blick auf die Elbe irgendwann, winke den Winkern am Straßenrand zu (weil ich weiß, dass die sich freuen, wenn ein Feedback aus der Masse kommt). Und kurz denke ich über die 120-Kilometer-Runde nach. Ein bisschen bin ich enttäuscht, dass die vielen Monate und Trainings-Kilometer nicht die Form dafür brachten, aber was soll’s. Ist halt so.

Rennradfahrer und -fahrerinnen, die ihr Rad durch die Finisher-Zone schieben.
Wir sind fertig.

Kurz vor Kilometer vierzig werde ich nervös, denn da kommt der schlimme Anstieg von Blankenese. Innerlich auf Absteigen vorbereitet bin ich sehr erstaunt, dass ich zum einen fahre und zum anderen sogar an einigen vorbeiziehe. Gutes Gefühl — trotz des 170er-Pulses. Und dann ist der Anstieg geschafft. Ich bemühe mich um ein Lächeln in die automatische Fotoanlage, fahre durch das Luftschlauch-Tor und genieße die Abfahrt. Das war’s. Die restlichen fünfzehn Kilometer trete ich zügig und oft zeigt der Tacho ordentlich über dreißig.

Selfie
Lacht sie oder weint sie? Sie weiß es selbst nicht.

Dann der Zieleinlauf. Die berühmte Mönckebergstraße. Eng abgesperrt, ordentlich Zuschauer, die Radau machen. Plötzlich bildet sich ein superfetter Kloß in meinem Hals der unweigerlich aufsteigt. Ich trete in die Pedale, damit ich sagen kann, dass die Tränen vom Fahrtwind kommen. Ziel. Ausrollen, ein paar hundert Meter um den Block. Finisher-Medaille einsammeln, Selfie machen, Breze essen. Fertig. Das war es. Ich habe es geschafft. Die Familie findet mich und gratuliert. Ich habe es tatsächlich geschafft. Ein Twitter-Kommentar fasst alles in kurzen Worten zusammen: Siehste wohl, geht doch!

Für die Statistik:

Offizielle Streckenlänge 56,7 km
Durchschnittliche Geschwindigkeit 28,18 km/h
Platzierung unter 992 Frauen 559
Platzierung unter 269 Seniorinnen 2 161
Platzierung unter allen 4841 Männern und Frauen 3716
Jetzt wird es dann langsam ernst

Jetzt wird es dann langsam ernst

Mein Rad vor dem Nord-Ostsee-Kanal, und ein großer Frachter dahinter

Vier Wochen Angststarre lösen sich langsam und ich fahre wieder Rennrad.

What?!? 

Großes Schiff mit Containern auf dem Kanal
Großes Schiff mit Containern

Ja, ich weiß, nicht so ganz die richtige Strategie für eine Wettkampfvorbereitung. War aber so, und ist jetzt vorbei und am Sonntag fahre ich halt einfach so mit. Werde schon unter die vorderen Zehntausend kommen. Vielleicht. Erzählen wollte ich aber hier und jetzt nur kurz von meiner heutigen Ausfahrt. Die ging nämlich von Felde nach Eckernförde. Vollkommen unbekanntes Terrain für mich, was daran liegt, dass wir hier im Urlaub sind, und vorher noch nicht hier waren.

Sohn und Mann machen das Schlauchboot klar und wollen den nahen See erkunden, und ich mach mich dann mal so langsam auf den Weg. So langsam, kann man wörtlich nehmen, weil es dann doch schon nach zwölf ist, als ich los komme. Zum Glück ist Mittagshitze hier und heute kein Thema. Angenehme umdiezwanzig Grad und eine mittelsteife Brise.

Großes Schiff mit Containern auf dem Kanal
Großes Schiff mit Containern

Erstes Etappenziel ist der Nord-Ostsee-Kanal bei Sehestedt bei Kilometer vierzehn. Gleich mal ein Päuschen, nicht dass ich es schon bräuchte, aber ein bisschen auf’s Wasser starren und auf große Schiffe warten muss schon sein. Der internationale Schiffsverkehr ist nett zu mir und schickt mir schon ein paar Minuten nach der Fährüberfahrt ein großes Containerschiff. Gefreut, fotografiert und weiter.

Straßenschild in den Ort Profit zeigt nach links
Profit lassen wir heute mal links liegen.

Das Schleswig-Holsteinische Stonehenge, das ich mir in die Tour eingebaut hatte, nehme ich leider nicht wahr. Schade. Vermutlich war meine Aufmerksamkeit vom Straßenbelag in Beschlag genommen. Der war nämlich auf großen Strecken einfach schaurig, zuweilen auch gefährlich. Sowohl auf Radwegen als auch auf manchen Straßen. MTB wäre schön gewesen, aber ist nicht, und daher langsam fahren. Oder auf der Straße. Aber die Straßen hier sind gewunden und oft unübersichtlich und viele Autofahrer finden, ich sollte auf dem Radweg fahren. Allein auf den paar Kilometern heute, hatte ich zwei recht unerfreuliche Autosituationen und eine Anhupung. Dann doch lieber Radweg mit Wurzeln und hoffen, dass mir die Kette beim nächsten Hüpfer nicht rausspringt.

Aber insgesamt ist es schon schön hier. Wellige Landschaft (kommt unerwartet für mich), und eine üppige Botanik, die leider oft den Blick in die Ferne versperrt. Vereinzelte Tiere auf den Weiden, und aufgeräumte Dörfer mit roten Häusern. Ich muss zugeben, dass ich mir Ostsee gaaanz anders vorgestellt habe. Nur der Wind passt dazu.

Sandstrand, Strandkörbe, Meer und blauer Himmel Meer, Strand, im Hintergrund eine Stadt Fähranlegestelle, die Fähre ist am anderen Ufer, ein Segelboot Zweimaster im Mittelgrund Blick auf einen Kanal mit einem Segelboot mit eingezogenen Segeln

In Eckernförde ist Halbzeit. Mit dem obligatorischen Radtour-Eis in der Hand starre ich wieder einmal aufs Wasser und frage mich, ob das die Eckernförder Förde ist. Nein, ist es nicht, weiß ich später. Es ist die Eckernförder Bucht.

Der Rückweg hat zwar Wind im Rücken aber auch ein paar ganz schlimme Straßen, die dringend einen neuen Belag brauchen. Wo kann ich spenden?

Noch eine Fährfahrt, ein paar Bodenwellen, und dann bin ich schon wieder daheim, im Haus unserer Tauschfamilie.

Knapp sechzig Kilometer mit einem sehr gemütlichen Schnitt. Naja, einen Blumenpott gewinne ich damit nicht, aber für die vorderen Zehntausend reicht es vielleicht.

Waterloo liegt im Vilstal

Waterloo liegt im Vilstal

Generalprobe, es ist dringend Zeit für eine  Generalprobe. Für die Cyclassics.  Endlich die hundertzwanzig Kilometer fahren, vielleicht auch mehr. Und mit den voraussichtlichen fünfhundert Höhenmetern. Diese Gedanken spuken schon länger in meinem Hirn herum.

Schon letztes Wochenende sollte es sein, aber da war es zu heiß, zu gewittrig, und so wurden es nur fünfundsechzig. Also dann nochmal. Ich frage beim Bruder an, der winkt aber ab, er ist überbucht. Der Mann dagegen sagt sofort ja. Wir wollen früh los, die Zeit nutzen, die der Sohn in seinem Teenagerkoma verschläft. Ich bastel eine Acht durch das Vilstal zusammen, weil die Landschaft dort ist hügelig (wegen der Höhenmeter), ich will dem Mann den Vilstalradweg zeigen (weil den mag ich), und weil es dort insgesamt schön ist.

Das Hinterrad hoppelt. Schnell einen neuen Schlauch eingezogen. Perfekter Radständer inklusive

Die eine Stunde, die eine Radfahrt hinaus aus dem Vorortgürtel kostet, ersparen wir uns durch zwanzig Minuten Autofahrt. So sitzen wir tatsächlich schon um acht im Sattel. Das ist schon mal gelungen. Gleich auf den ersten Kilometern fällt mir wieder dieses Hoppeln meines Rades auf. Nein, es ist nicht der Asphalt, weil der ändert sich ständig, während das Hoppeln bleibt. In meinem Kopf spielen sich schlimme Dinge ab, die mit geplatzten Reifen während schneller Abfahrten zu tun haben. Der Mann bleibt hinter mir, höflicherweise bremst er bergab auch, sein Zähneknirschen höre ich durch den Fahrtwind.

Der Maibaum und der Kirchturm der Stadt Dorfen im Isental
Maibaum und Kirche. Mehr brauchts in einem bayerischen Dorf nicht.

Nach einer Stunde erreichen wir Dorfen, den Schnittpunkt der Acht. Ich habe mich inzwischen entschlossen, den Schlauch lieber zu inspizieren. Der Mann macht es sich in einem Café bei Latte Macchiato und Eisbecher gemütlich, während ich so professionell und zügig wie möglich, weil vor Publikum, mein Rad verarzte. Siehe da, der Schlauch hat einen Flicken, der vermutlich unwuchtig das Rad zum Hoppeln brachte. Scheint nicht schlimm zu sein, trotzdem mach ich lieber einen neuen Schlauch rein. Der Mann, vom Eis gestärkt, pumpt ihn mir netterweise auf.

Perfekte ostbayrische Landschaft am Vilstalradweg

Weiter, geht es, inzwischen auf dem Vilstalradweg, einer aufgelassenen Bahntrasse. Schön zu fahren, neben den Dörfern her, aber leider viel zu viele Querstraßen und -wege, die natürlich so angelegt, sind, dass der Radverkehr Vorfahrt zu achten hat. Natürlich. Dies hier geht an den dortigen Tourismusverband: Wäre doch mal schön, wenn es anders rum wäre, zumal Autos und Räder etwa in gleicher Zahl vertreten sind. Und die Kopfsteinpflaster-Barrieren nerven auch. Aber sonst ist’s schön.

Zwischen Taufkirchen und Velden, beide jeweils an der Vils, telefonieren wir mit dem Sohn. Ihm geht es gut, aber so ganz wohl ist uns nicht, und deshalb beschließen wir die Acht ein bisschen abzukürzen. So geht es ohne großen Ostbogen direkt nach Schwindegg und von dort wieder nach Dorfen, mit Planungsfehler: Die sehr kleine Straße ist zu voll, auch am Sonntag rollen dort LKWs. Die neue Autobahn ist schon als Baustelle zu sehen. Hilft uns aber jetzt nicht.

Ortsschild von Mitterbuch, Gemeinde Buch am Buchrain

Es geht gegen Mittag, die Sonne brennt. Mir ist heiß. Der Mann hat dann doch mal seine Jacke ausgezogen. Inzwischen fragt er nicht mehr nach meinem Puls und vergleicht mit seinem. Man sieht mir wohl an, dass mein Puls seinen um etwa 50 Punkte schlägt. Gewonnen. Aber auch nur hier. Ansonsten verliere ich immer mehr: Kraft, Laune, Zutrauen, Geschwindigkeit, um nur ein paar zu nennen. Diese Hügel sind nichts für mich.  Ich erwarte, dass ich jeden Moment zusammenbreche. Tue ich natürlich nicht, aber fast. An einem sonnigen Hügelchen kippt mir der Kreislauf fast und die Fassung komplett weg.

Jedes Dorf hat seine eigene Kirchturmform.

Ich bin verzweifelt. Wie soll das denn jemals ein 120-Kilometer-Rennen werden mit einer MINDEST-Geschwindigkeit von sechsundzwanzig Stundenkilometern. Jetzt haben wir nicht mal hundert und der Schnitt ist Schitt. Da kann man man doch mal traurig sein.

Ich hatte nämlich wirklich das Gefühl, trainiert zu haben in diesem Jahr bis jetzt. Habe die viertausend Trainingskilometer, die ich mir vornahm, einen Monat vor Ablauf fast zusammen. Ja, das waren nicht immer “Ich-geb-alles”-Fahrten und es waren oft Anstrengungsvermeidungsstrategien im Spiel, hier zum Beispiel. Aber dafür bin ich im Winter gefahren, mit dem Mountainbike durch Schnee. Und solche Sachen bleiben mir halt eher in Erinnerung als die weniger rühmlichen.

Ich beschließe, mein Cyclassics-Ticket zu verticken. Ich will nicht vom Besenwagen von der Straße gekratzt werden. Außerdem habe ich eh noch kein Hotel für die Nacht vor dem Rennen gebucht. Vorausahnend?

Noch auf der Heimfahrt lese ich auf der Website der Cyclassics, dass die Frist für Ummeldungen noch am selben Tag ablaufen wird.  Mist, also keine Chance, zu verkaufen. Zumal es eh noch Plätze auf dem ersten Markt gibt. Also verfallen lassen.

Gegen 22 Uhr, also zwei Stunden vor Ablauf, kommt der Mann mit der Idee, ich solle doch downgraden und die 60-Kilometer-Strecke fahren. Da sei der geforderte Schnitt nicht so hoch und die Strecke kürzer. Beides wäre näher an dem, was ich zurzeit leisten kann. Da hätte ich die Chance auf ein Erfolgserlebnis. Das stimmt natürlich. Ich habe zwei Stunden, mich zu entscheiden.

Zuerst schaue ich mir die Strecke auf komoot genau an, vor allem das Höhenprofil, google den Waseberg in Blankenese und erfahre dass der lustige 16% Steigung hat. Dann sehe ich aber die Bilder der Jedermänner und -frauen der letzten Jahre, die ihre Citybikes hier hoch geschoben haben. So what. Ich bin auch nur eine Jedefrau und noch dazu eine, die recht gut geübt im Radschieben ist. Also buch ich eine halbe Stunde vor Schluss um von Hundertzwanzig auf Sechzig, zahle die Strafgebühr und akzeptiere die Schmach Realität. So it goes.