“Ich kann alles am besten!”

“Ich kann alles am besten!”

Dieser Satz ist ein Insider zwischen C. und mir. Er bezieht sich auf mein ebenso grenzenloses wie unbegründetes Selbstbewusstsein, das ich an den Tag lege, wenn es darum geht, etwas zu können. Diese Worte zitiert C. stets, wenn ich wieder mit irgendeinem Unfug ankomme – Marathon laufen, ein Kriterium fahren, einen Triathlon machen. Einen Triathlon?! Na klar, kann ich! Sofort anmelden! Da spricht doch alles dafür: Ich fahre super Rennrad! Laufen kann ich auch! Ich liebe Schwimmen! Heimvorteil! Mehrere Freundinnen machen ebenfalls mit! Außerdem hat Maren gesagt, Triathlon sei toll! C. rollte noch mit den Augen, als ich längst meine Startnummer (13!) für den Eyller-See-Triathlon in Aldekerk im vergangen Juli in den Händen hielt.

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Falls alles schiefgeht, habe ich eine hervorragende Ausrede.

Ich wähne mich bestens gerüstet: Während der sonnigen Monate fahre ich mehrmals in der Woche Rennrad. Meist sogar schnell. Jeden Mittwoch rackere ich mich unter Ehrenflamingo Martins strenger Aufsicht auf der Tartanbahn ab. Ab und zu gehe ich ins Freibad und kraule vergnügt durch die Fluten.

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Ich passe bei der Streckeneinweisung strebermäßig auf. Daran soll es nicht scheitern.

Außerdem schwimme ich, als Generalprobe sozusagen, mit einer triathlonerfahrenen Freundin von den Ciclisti eine Runde durch den Eyller See. Bisschen trübe, aber warm. Und mein Radelanzug/Triathlonanzug in spe sitzt auch. Dann lese ich mich zur Sicherheit noch durch sämtliche triathlonrelevante Blogs (und ignoriere dabei großzügig den Begriff “Koppeltraining”). Das dürfte an Vorbereitung genügen. Ich packe sehr viele Quetschbeutel in meine Tasche, pumpe Bonnie auf und los geht’s.

Am Eyller See, ganz bei uns in der Nähe, sind erstmal Plaudern und Wiedersehensfreude angesagt. Denn neben Rebekah und Saskia von den Ciclisti sind auch Julia und Naomi mit von der Partie. Alle haben schon mindestens einen Triathlon hinter sich und gehören zur äußerst fixen Fraktion.

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Während Naomi wunderbar entspannt lacht, ziehe ich nervöse Grimassen. (Das Foto stammt von meinem ehemaligen Redaktionskollegen, Gerhard Seybert. Danke, Gerry!)

Damit ich Bonnie später im Gewusel wiederfinde, merke ich mir (wie auf einschlägigen Blogs empfohlen) unseren Standort ganz genau. Angesichts der Tatsache, dass dieser Triathlon eher klein und gemütlich-familiär ausfällt, war das eventuell ein bisschen übertrieben. Zumal ich Schuhe und Co. auf einem nicht zu übersehenden, himmelblauen Pandabär-Badehandtuch drapiere (besonders ordentlich übrigens, zwecks besseren Handlings später).

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Bonnies knallpinke Bidons bieten auch einen ziemlich guten Anhaltspunkt. Das Foto stammt von Silke Cosler vom Brander SV, auf deren Foto ich mich zufällig wiedergefunden habe.

Ich finde mich ein bisschen dämlich, weil ich noch kein einziges Mal die Kombination Kontaktlinsen-Schwimmbrille getestet habe. Premiere also. Naomi und ich stratzen in den lauen braunen See, wegen der Wassergewöhnung, und damit ich stundenlang an meiner Brille fummeln kann. Irgendwann hat sie sich, wahrscheinlich für immer, an mein Gesicht gesaugt. Ich hoffe, der Startschuss fällt bald, denn mit jeder Sekunde beschlägt die Brille stärker.

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Ich renne fröhlich ins Verderben.

PENG! Ich laufe allen anderen blindlings hinterher, im wahrsten Sinne des Wortes. Mein sorgfältig ersonnener Plan sieht vor, erst ein paar Züge Brust zu schwimmen, wegen des zu erwartetenden Gemetzels beim Start, um dann meinen Kraulrhythmus zu finden. Zur Entspannung will ich nur auf der Schokoseite (links) atmen, aber zur Orientierung ab und zu hochblicken.

Als ich endlich ein bisschen Platz habe (Spoiler: sehr weit hinten) fange ich an zu kraulen. Doch bevor ich auch nur ansatzweise in so etwas wie einen “Rhythmus” verfallen könnte, habe ich Schnappatmung. Auch psychisch. Ich sehe nichts! Wasser im Mund! Ich werde sterben! Ich reiße mir die Schwimmbrille vom Gesicht. Ein Wunder! Ich kann wieder sehen – aber leider nicht mehr kraulen, weil wegen Wasser überall. Also Brust. Meine spontan erworbene Abneigung gegen Wasser im Gesicht hindert mich leider an der Ausführung korrekter Schwimmzüge. Ich gehe dazu über, mich großmuttermäßig und mit giraffenhaft gestrecktem Kopf vorwärtszuächzen und versuche, Augenkontakt mit dem DLRG-Paddler herzustellen, weil ich bestimmt gleich wiederbelebt werden muss.

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Immerhin: Ich weiß jetzt, wie sich Walrösser fühlen, wenn sie sich an Land wälzen.

Irgendwann ist Land in Sicht. Land! Alle zwei Zentimeter stoppe ich und probiere, ob ich bereits mit den Füßen den Boden berühre. Ha! Zwar auf Zehenspitzen, aber da ist er. Also “laufe” ich die letzten Meter und muss mich beherrschen, nicht auf die Knie zu fallen, um weinend die Erde zu küssen. Jetzt wird alles besser, denn gleich darf ich Rennrad fahren. Leider gibt es ein Problem. Wie komme ich vom Strand zu Bonnie? Am Liebsten würde ich auf allen Vieren vorwärts kriechen. Das macht aber sonst niemand. Waren die alle im Höhentrainingslager? Die Option scheidet also aus. Ich wähle die Variante “Schleichen wie ein Faultier”.

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Aktive Schwimmtrauma-Verarbeitung auf dem einzig wahren Sportgerät.

Einen Vorteil hat mein Versagen: Ich muss Bonnie nicht lange suchen. Ich sause los. Yay! Ich trete in die Pedalen, winke meinen pfeifenden und fotografierenden Fans (C., Ehrenflamingo Martin, Mama und Papa, Marder Manfred) und fange an, andere Radler zu überholen.

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Natürlich habe ich auch massig Fans. Beispielsweise Manfred, den Marder.

Warum eigentlich vorher Schwimmen, wenn Rennrad fahren allein so glücklich macht? Ich sinniere vor mich hin, als ich plötzlich C. höre: “Da vorne ist Naomi, komm, die kriegst du noch!” Muhahaha, denke ich, ziehe an und überhole sie kurze Zeit später tatsächlich. Die Freude währt natürlich nicht lange.

Fast forward auf die Laufstrecke: Nach wenigen Metern rast Naomi gazellengleich an mir vorbei. Lächelnd, wie immer. Ich fühle mich wie ein Elefant, stampfe aber vergnügt weiter. Inzwischen haben Julia und ich uns auf der Strecke gefunden, und wir absolvieren die letzte Runde gemeinsam.

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Julia und ich beweisen: Triathlon macht Spaß.

Die Aussicht, dass die Strapazen gleich ein Ende haben, machen uns auf den letzten Metern noch ein bisschen schneller. Die Stimmung ist fantastisch, meine Mutter bläst munter in eine Trillerpfeife, die einst meinem Urgroßvater gehörte, der damit Züge am Duisburger Bahnhof zum Weiterfahren brachte, sodass auch das Kerkener Umland in den Genuss der Triathlon-Atmosphäre kommt.

Nach 1:21:44 (zeitgleich) bekommen wir, was wir verdient haben: Schorle, Kuchen und eine Massage. Fazit: Geil! Aber bitte nie wieder.

P.S.
“Nie wieder” hieß immerhin knapp zwei Monate. Dann habe ich mich beim Weseler Triathlon an den Start gewagt.

 

 

Call me Kittel!

Call me Kittel!

Ich schmeiß alles hin und werde Radprofi! C. weiß es noch nicht, und ein Team habe ich auch noch nicht gefunden. Aber mit diesem Artikel wird sich beides ja ganz schnell ändern. Jedenfalls: Bonnie und ich sind am 3. Oktober nach Münster gefahren, um am weltberühmten Münsterlandgiro teilzunehmen. Ehrenflamingo Martin und unser Freund Peter waren mit von der Partie.

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Ich trage eine schicke Mütze und werde auch noch schick umrahmt.

Zunächst verhielt ich mich jedoch sehr unprofessionell (interessierte Teams wie Katusha Alpecin oder BORA-hansgrohe – diesen Absatz jetzt bitte überspringen). Nachdem ich meine Startnummer an meiner neuen, flamingopinken Jacke gefixpointed und an Bonnies schmalen Lenker geknüpft habe, musste ich noch den Transponder für die Zeitmessung an der Gabel befestigen. Dank der im Starterset befindlichen Kabelbinder war auch das kein Problem. Super, wir können losrollen! Theoretisch. Praktisch habe ich den Transponder nicht nur an der Gabel, sondern auch an einer Speiche festgezurrt.

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Eine große Schmach in meiner Radsportkarriere.

Ich kann mich glücklich schätzen, dass Ehrenflamingo Martin in seinem Auto stets eine umfangreiche Werkzeugsammlung und Tape mitführt. Zudem tröste ich mich mit dem Gedanken, dass ich demnächst als Radprofi solche profanen Aufgaben nicht mehr selbst erledigen muss. Es könnte auch eventuell sein, dass mich dieses Schicksal nicht als einzige ereilte.

Doch danach ging es auf meiner “Feeling like a Radprofi”-Skala stetig aufwärts. Allein das Gefühl, im Startblock D der 95-Kilometer-Strecke ganz hinten zu stehen fand ich wundervoll. Überall Menschen, die genauso gerne Rennrad fahren wie ich. Die Polizei dirigierte selbstherrlich Autofahrer vondannen, und wir hörten den Countdown, …möööp… wir fahren!

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Meine neuen Strava-Freunde. (Foto: sportfotograf.com)

Und zwar im Sonnenschein, auf trockenen und gesperrten Straßen! Darüber hatte ich vorher gar nicht nachgedacht. Kein Auto weit und breit! Stattdessen: Polizeimotorräder, Notarztwagen (die leider ein paar Einsätze hatten) und Technischer Service. Freie Bahn! Rennrad rulez! Endlich kann ich ballern!  Und wir ballern! Pedalieren! Überholen! Treten! Flitzen! Sehr geil. Irgendwann pendeln wir uns mit einer kleinen Gruppe ein, und wir wechseln uns mit Windschatten geben ab. Ich auch, allerdings lässt das Gesamttempo dann immer ein wenig nach. Dafür ziehe ich bei Rückenwind ein längeres Stück und hoffe, dass das auch gilt.

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Ehrenflamingo Martin gibt alles, damit ich gut wegkomme. (Foto: sportfotograf.com)

Weitere Faktoren, die dazu beigetragen haben, dass ich mich fühlte wie bei der Tour de France:
Die Zuschauer.
Sie jubeln, tröten, klatschen, rufen und scheinen komplett vergessen zu haben, dass sie eigentlich ruhige, sture Münsterländer sind. Ich winke dauernd begeistert zurück, muss dies aber aus Sicherheitsgründen bald unterlassen. Leider.
Der Zwischensprint.
Ich habe zwar nicht ganz geblickt, ob der 1000 Meter lang ist, in 1000 Metern anfängt und wenn ja, wo. Ich bin einfach weiter schnell gefahren.
Die Verpflegungsstation.
Wie jetzt? Absteigen und Eierwaffeln essen wie bei einer RTF? Nichts da! Am Straßenrand standen mutige Helfer und streckten uns Bananen und Müsliriegel entgegen, die es galt, während der Fahrt möglichst elegant und komplett zu erhaschen. “Mein” Helfer lebt noch, und (Achtung, Team in spe) ich glaube, dass ich Musettes sogar noch leichter ergreifen könnte. Profipotenzial also!
Erwähnte ich die gesperrten Straßen?

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Windschatten lutschen tat zwischendurch ganz gut. Ich gebe es zu. Aber das macht man doch so als Teamkapitänin, oder? Oder?! (Foto: sportfotograf.com)

Ich habe heute wirklich gute Beine! Ob das mein Marathontraining macht? Jedenfalls trete ich durch und wenige Kilometer vor dem Ziel wird das Tempo nochmal deutlich schneller. Dann taucht ein Schild auf: “Noch 20 km”.

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Ich wie ich mich saumäßig quäle. (Foto: sportfotograf.com)

Ich möchte völlig unprofessionell zusammenbrechen. Eventuell weinen.
“Das Schild gilt nicht für unsere Strecke”, sagt Martin, während er an mir vorbeizieht, um mich für den Schlussspurt mitzunehmen. Oh.

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Geschafft! Aber total! (Foto: sportfotograf.com)

Und dann rasen wir auf das Ziel zu! Links und rechts Werbebanden und dahinter jubelnde Zuschauer. Da muss man doch Profi werden wollen! Nach 2:57 h piepst der an die Gabel getapte Transponder, und wir rollen in die Chillzone. Ich bin völlig euphorisch, auch wenn meine Zeit das nicht hergibt (liebes zukünftiges Team: das wird besser, weil ich ja bald nur noch trainiere). Meine Platzierung und mein gefühlter Einsatz decken sich nicht.

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Nach der Zieleinfahrt ist vor dem Start 2018. Mission “Da geht noch was”.

Aber das ist völlig wurscht. Es hat so unfassbar viel Spaß gemacht, auf dieser tollen Strecke, bei dieser genialen Stimmung und dieser fantastisch organisierten Veranstaltung zu fahren! Wir umarmen unsere Mitfahrer und bedanken und beglückwünschen uns gegenseitig. Dann taucht noch die ganze Düsseldorfer Gang auf. Na klasse!

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Jan und Maren sind die 65 Kilometer geflitzt und Christian war uns auf den 95 meilenweit voraus. Darauf Bier und Cola!

Wir füllen unser Kalorien- und Kohledydratdefizit  (Martin reicht sogar Flamingomuffins) und fachsimpeln über Strecken, Räder und Zeiten. Und Ziele. Meins: Radprofi werden. Bei jedem Rennen solche Bedingungen, da bin ich dabei. Falls das nicht klappt sofort klappt, macht nix. Hauptsache, ich bin im nächsten Jahr wieder am Start!

P.S. Tiersichtungen
– sehr viele hübsche Hunde

 

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Geht in die Hose. Teil VII.

Geht in die Hose. Teil VII.

Genaugenommen wollte ich gar keine neue Radhose kaufen. Aber dann ist es doch passiert. Wirklich zufällig! Alles begann damit, dass ich mir im Rapha-Sale ein hübsches Trikot gegönnt habe (Das dunkelblaue mit den zwei Streifen, Ihr wisst schon. Das, das jeder hat). Dann fiel mir auf, dass es nicht perfekt zu meiner Radhose passt. Das geht natürlich gar nicht.

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Die Farbe nennt sich übrigens navy. Der Beinabschluss ist wunderbar pink – hier ein bisschen schlecht zu sehen. (Foto: Rapha)

Außerdem, so redete ich mir (naja, in erste Linie C.) den Kauf schön, führe ich doch so viel Rennrad, da brauche ich dringend eine weitere Hose, bla, immer nur waschen doof, blabla, in gutes Material investieren, blubb, und schau, wie hübsch sie ist! Aufgrund der Farbe und des bodyartigen Schnitts bestellte ich also munter drauflos:

Produkt
Women’s Brevet Bib Shorts von Rapha, Größe S (eher eine Nummer kleiner wählen)
Model
Radflaminga Annette

Fazit
Oh. Yeah. Sie sitzt ganz wunderbar! Obenrum: perfekt! Untenrum: fantastisch. Sie schmiegt sich angenehm eng an den Körper, und ich bilde mir sogar ein, dass sie der Figur schmeichelt. Vielleicht machen mich die dezenten pinken Unterlegungen und die weißen, reflektierenden (!) Punkte auch ein bisschen schummrig. Übrigens mag ich es sehr, wenn etwas reflektiert. Ein Argument, das ich C. vortrug: “Ich kaufe die Hose für meine Sicherheit! Das ist sehr tüchtig im Straßenverkehr! Ich werde besser gesehen.”

Wer vom vielen Radfahren coole Oberschenkelmuskeln entwickelt hat, könnte eventuell Probleme bekommen, weil die Hose am Bein recht eng sitzt. Bei mir aber noch ganz angenehm. Allerdings ist sie etwas länger als meine geliebte Protective-Hose. Schreck! Ich werde ein tanline-Problem bekommen. C. sah das übrigens als Vorteil: “Jetzt kommt ja der Herbst, dann passt das doch.”

Meine Abschlussbemerkung: Das Material fühlt sich wirklich sehr hochwertig an. So. Damit sollte ich mich als Rapha-Ambassador qualifiziert haben.

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I’m a sucker for reflektierende weiße Pünktchen.

Hosen-Zeugnis
Preis/Leistung: unverhältnismäßig! (210,00 Euro!) Sind da Goldfäden eingewebt?
Passform: herausragend
Polster: sehr gut (nicht zu dick, schwarz)
Umwelt: ich hoffe das Beste
Werbung: leider cool
Bestellabwicklung: sehr gut (direkt über den Shop)

Links
www.rapha.cc

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Ein Klassiker

Ein Klassiker

A wie Anmeldung
“Hat noch jemand Lust, beim LBL Ardennen Klassiker im August mitzufahren?”, fragte Nicole in der Rennradfrauengruppe auf Facebook. Also Lüttich-Bastogne-Lüttich! Voll cool! “Ich!”, schrieb ich also und meldete mich sofort an. Danach checkte ich den Streckenverlauf: 125 Kilometer und 2200 Höhenmeter. Herr im Himmel, hilf! Schick Beinmuskeln! Und Realitätssinn, falls ich mich jemals wieder für irgendeinen Quatsch anmelden will. Ich wage keinen Rückzieher, weil ich überall herumposaune, wie sportlich ich sei. Außerdem scheinen meine Mitfahrerinnen sehr nett zu sein.

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Wer nicht vorher lesen will, sollte Nairo Quintana sein.

B wie Belgien
Immerhin: meine Mitfahrerinnen Nicole, Fatma, Dani, Beatriz und Veronique sind wirklich total nett. Wir gönnen uns am Freitagabend in Lüttich (die Stadt, die auf meiner Hässlichsten-Städte-der-Welt-Rangliste den ersten Platz belegt) eine Pizza und fühlen uns wie bei einer Klassenfahrt. Aber nur bis Samstagmorgen um 6 Uhr. Dann stehen wir nämlich auf, damit wir pünktlich losrollen können.

Bonnie hat vorn ein kleines Schild mit meinem Namen drauf. Ich fühlte mich damit sehr professionell.

Bonnie trägt vorn ein kleines Schild mit meinem Namen drauf. Ich fühle mich sehr professionell.

Gestern herrschten tolle Radfahrbedingungen: Bedeckt, windstill, 18 Grad. Für den Großen Tag ist eine Regenwahrscheinlichkeit von 30 bis 99 Prozent angesagt, je nach Wetter-App. Um 8 Uhr stehen wir am Start, und natürlich beginnt es zu regnen. Dünne, leichte Tropfen. Aber davon viele. Und stetig mehr. Und dann eine Regenwand, die waagerecht auf uns zukommt. Aber alle tragen es mit Fassung und finden den Regen genau so bescheuert wie ich. Meine Laune ist gut, meine Füße trocken, mir ist warm, es geht sanft bergab, und die Landschaft außerhalb von Lüttich ist wirklich wunderschön. Soweit ich das durch die Dunstschwaden erkennen kann. Herrlich also.

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Lüttich, 8 Uhr, leichter Regen. Die Helme sitzen.

C wie Chillig ist anders
Herrlich bis Kilometer 3,4. Anstatt dass meine Füße nach und nach feucht werden, wie ich es mir ausgerechnet hatte, ergießen sich auf einmal mehrere Liter Wasser mit einem Schwall in meine Schuhe. Immerhin nicht kalt. Und meine Wind-Schrägstrich leicht wasserabweisende Jacke hält sogar noch bis Kilometer 10. Ich bin komplett nass. Jetzt ist auch alles egal. Noch 115 Kilometer. Wann kommen eigentlich diese Steigungen, vor denen ich mich so fürchte (und deretwegen ich im Toskanaurlaub aus Übungszwecken Berge unter größter Hitzschlag-Gefahr hochgeächzt bin)?

D wie demoralisierend
Oh. Hier. Ich versuche recht erfolgreich keine Schlangenlinien zu fahren. Dass ich überhaupt fahre, gleicht einem Wunder. Vielleicht doch ganz gut mit dem Wetter, denke ich. Bei Hitze bin ich zum Bergauffahren kaum zu gebrauchen. Dann geht es bergab. So ein Mist mit dem Wetter, denke ich. Einmal auf dem nassen Asphalt wegrutschen und ich bleibe länger in Lüttich als mir lieb ist.

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Das ist ja der Gipfel! Dani, ich und die halbe Nicole freuen uns darüber sehr.

Die Anstiege haben eine Zeitmessung, und oben warten schon Dani und Nicole. Letztere legt eine fantastische Gesamtzeit bei den Frauen hin. Da ich ihre Strava-Aktivitäten heimlich gestalkt habe, wundert mich das nicht: “Acht mal Schweineberg hoch und runter”, steht da zum Beispiel. Und sie verrät, dass ein älterer, passionierter Rennradler sie und ein paar Freundinnen ab und zu trainiert: “Hände flach auf die Bremshörnchen legen und ab, den Berg hoch! Schön aus der Hüfte arbeiten.”

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Die Folgen der Ardennenschlacht

An der Verpflegungsstation tropfen alle vor sich hin und frieren. Wir beschließen, abzukürzen. So richtig toll ist das nun doch nicht. Warum ich Bonnie nicht in den Graben schmeiße, “Scheißregenbergekeinbock!” brülle, erschließt sich mir nicht. Ich kurbele fast fröhlich vor mich hin, irgendwann ganz allein. Es ist alles sehr grün, und manchmal hört es sogar auf zu regnen. Und manchmal wird es sehr steil. Die Schwerkraft zieht mich am Côte de la Combe nach unten, und ich eiere in eine halbwegs ebene Hauseinfahrt, um mich panisch auszuklicken. Und zu schieben. Aber sonst geht’s.

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Nicole und Veronique lachen die Strapazen einfach weg.

E wie am Ende
Mein Garmin zeigt 99 Kilometer und 1800 Höhenmeter an, als ich über die Ziellinie rolle. Ich bekomme eine Kappe und eine Medaille! Meine erste überhaupt.

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Sehr nass, sehr erschöpft und ziemlich stolz.

Als ich sie später C. zeige, guckt er anerkennend, glaube ich. Ich verrate ihm nicht, dass jeder eine Medaille bekam und trage sie sogar beim Abendessen.

PS. Tiersichtungen
– 1 Fuchs (tot)
– 1 Esel
– mehrere Zwergseidenhühner

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Unser Jubel ist gerechtfertigt. Yay!

“Schneller, schneller, wie ein Propeller!”

“Schneller, schneller, wie ein Propeller!”

Mittwoch auf Facebook:
Maren von Ich hasse laufen nimmt an der Veranstaltung “Radrennen rund um Bockum” teil.
Den Radflamingos gefällt das.
Nachricht an Maren: “Mensch, klasse. Wer kommt alles mit?”
Nachricht an die Radflamingos: “Du!”
Natürlich. Was frage ich auch so blöd.

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Ein Kriterium fahren?! Klar, super Idee. Nicht, dass uns noch langweilig wird.

Donnerstag auf Facebook:
Die Radflamingos nehmen an der Veranstaltung “Radrennen rund um Bockum” teil.
Ichhasselaufen.de gefällt das.
Nachricht an Maren: “Also ich wär der Marcel und du wärst der John.”
Nachricht an Maren: “P.S. Hilfe!”
Nachricht an die Radflamingos: “Nico sagt, wir müssen einfach gut in die Kurven kommen und dann hart antreten. Und wir sollen uns darauf einstellen, dass es anstrengend wird.”
Na dann. Klingt ja total einfach. 

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Ich habe mich vorsichtshalber ganz hinten angestellt. Am Rand.

Freitag im real life, Krefeld-Bockum:
34 Fahrer und drei Fahrerinnen. Ich fühle mich jetzt schon langsam. Alle sehen sehr professionell aus. Sogar die Zuschauer. An der 900 Meter langen Strecke in einem Wohngebiet haben die Anwohner Bierbänke, Tische, Gartenstühle, Grills und Fähnchen in ihre Vorgärten geschafft. Tour-de-France-Stimmung!

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Noch wenige Sekunden bis zum Start

Ich mache mir extrem viele Sorgen (sie haben alle etwas mit Asphalt zu tun) und lächele betont tapfer. Es hilft ein bisschen, dass der Ansager wenige Sekunden vor dem Start verkündet, dass Marcel Kittel soeben seinen dritten Etappensieg eingefahren hat. 40 Runden muss ich fahren. 38 Kilometer. Ich denke, dass ich schon sehr oft mehr als 38 Kilometer gefahren bin, außerdem denke ich, dass ich von den Regeln dieses Rennens gar keine Ahnung habe, und dann höre ich nur “…3, 2, 1 …los!”

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Ein sehr schmeichelhaftes Foto, denn zufälligerweise befinden sich gerade zwei Fahrer hinter mir

Auf keinen Fall möchte ich mir bereits auf den ersten paar Metern die Blöße geben, einsam hinten als Letzte zu fahren und schicke mich deshalb an, das Tempo der Gruppe mitzuhalten. Diesen Plan halte ich eine Runde durch. Ich muss einsehen, dass es keine gute Idee ist, mit 37 km/h durchballern zu wollen. Noch 39 Runden. Stirbt man eigentlich wenn man einen monsterhohen Puls hat? Maren ist meinem vernebelten Sichtfeld bereits entschwunden.

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Ob Maren heimlich geübt hat?

Ich bin mehrere Runden damit beschäftigt, langsamer zu fahren und trotzdem in den Kurven hart anzutreten. Gott sei Dank finde ich zwei Fahrer, denen es ebenso geht wie mir, und wir spenden uns abwechselnd Windschatten. Wir sind ganz hinten. Die Letzten. Es fällt eventuell nicht ganz so auf, weil es ja ein Rundkurs ist. Und: die Zuschauer jubeln uns zu, als wären wir Tony Martin in der Zielgeraden beim Einzelzeitfahren.

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Das Auto im Hintergrund bedeutet: Überrundung

Nach vier Kilometern falle ich vor Schreck fast von Bonnie: “Huuuup!” Das Führungsfahrzeug kommt herangesaust und bereitet den schnellsten Fahrern Platz. Die erste Überrundung. Egal. Ich habe mich eingegroovt, habe schon eine Lieblingskurve und  fahre außerdem nicht allein. An einer Ecke steht ein kleiner Junge, der mir jedes Mal begeistert zuruft “Schneller, schneller, wie ein Propeller!” Weil dann eine schöne, lange Gerade folgt, nehme ich mir seinen Vorschlag immer zu Herzen.

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Es hat mich ein bisschen beruhigt, dass alle anderen auch ziemlich gequält geguckt haben.

Ich habe es mir schlimmer vorgestellt. Rücksichtslos. Tatsächlich ist es einfach nur schnelles Gruppenfahren (wenn man es denn schafft, an einer Gruppe dranzubleiben), und alle haben gute Laune. Die Düsseldorfer, die ebenfalls mitfahren, feuern mich sogar ab und zu an. Also jedes Mal, wenn sie mich überholen. Aber es ist in der Tat anstrengend. Meine Zunge schleift am Boden. Ich ignoriere die enttäuschend niedrige Kilometeranzahl auf dem Garmin und überlege, wie peinlich es wäre, eine kleine Pause am Getränkestand einzulegen.

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Ich wie ich Körner lasse

Zu peinlich, entscheide ich und trete weiter. Jede Runde, immer gleich: Windschatten auf der Geraden. Kurve. Hart treten. Wieder in den Windschatten. Schlaglöchern ausweichen. Vorsausen, auch mal ein bisschen spenden. Den Wind verfluchen. Quäl dich du Sau. Oh Gott, der Grill stinkt. Das war Maren. Wie kann die so schnell sein? Krass. Komisch, dass es trotzdem Spaß macht. Das ist kein Hallensport. Dranbleiben. Bleib dran.

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Frederick hat nicht nur coole Socken, sondern fährt auch ziemlich schnell.

Ich bleibe dran. Ich habe gute Laune. Allerdings bin ich so geschafft, dass ich eine Gänsehaut habe. “Letzte Runde”, sagt der Ansager, als ich mit “meinen” Fahrern den Startbereich durchquere. Wie? Warum? Ich habe doch erst 25 Kilometer. Sollte meinem Leiden etwa durch mir unbekanntes Regelwerk frühzeitig ein Ende gesetzt werden? Halleluja! Vorsichtig frage ich nach. Ich verstehe nur, dass dies tatsächlich unsere letzte Runde ist. Na aber dann! Rasch ins Ziel sprinten!

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Ich bin am Ende

Ich gebe Gas, die beiden überholen mich doch noch (knapp) und wir lassen uns noch ein Ründchen ausrollen. Ich winke den Zuschauern zu und Naomi, die plötzlich am Rand steht (“Du sollst fahren, nicht winken!”), steige schließlich ab und schiebe auf dem Gehweg zurück, während der flinke Rest weiter kämpft.

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Zieh, zieh – und gewonnen! Mit einem Durchschnitt von knapp 42 km/h (ähem, das sind zehn Stundenkilometer mehr als bei mir. Ächz!)

Irgendwo treffe ich Maren, wir tanken Cola und freuen uns, weil das Rennen so cool war. Außerdem ist sie Erste geworden und ich Zweite. Also bei den Frauen, genau genommen. Bei den Männern gewinnt Ralf Wörmer vom Team FC Deutsch Post. Glückwunsch! Aber Frauenwertung ist Frauenwertung, finden wir und richten uns darauf ein, gleich auf die Stockerl-Plätze zu treten.

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Schnell fahren lohnt sich. Die Pokale glitzerten verheißungsvoll

Doch daraus wird nichts. Frauen sind bei Rund um Bockum absolut gleichberechtigt, erfahren wir. Wie bei “anderen Sportveranstaltungen auch”. Wir müssen wohl schneller fahren. Oder vielleicht müssen mehr Frauen antreten?

Das Podest war in Sichtweite

Das Podest war in Sichtweite, immerhin

Egal. Hauptsache Spaß. Ich weiß auch schon, wie ich beim nächsten Rennen schneller werden kann. Ehrenflamingo Martin hat da einen Tipp für mich (und wird mir wahrscheinlich mehr bei der Umsetzung helfen als mir lieb ist): “Mehr Training.”

P.S. Tiersichtungen (!)
– ein hübscher, bunter Hahn, der absichtlich langsam vor mir über die Straße stolziert

PPS. Die Fotos
Die sind natürlich der Hammer. Richtig genial. Und deshalb sind sie auch nicht von mir, sondern von Christian Siedler, der Sportfotograf ist. Besucht unbedingt seine Seite!  Danke, dass ich die Fotos hier benutzen darf.