Doofe gibt es überall

Doofe gibt es überall

"Machen wir uns nix vor: Es sind nicht die Radfahrer, nicht die Autofahrer und auch nicht die Fußgänger – es sind die Doofen, die nerven", schreibt Setzer in Kessel-TV. Stimmt eigentlich. 

Wir streiten uns hier - mehr noch auf Facebook - ständig, wer schlimmer ist im Missachten der Regeln, wer böser ist, und wer mehr nervt, Radler oder Autofahrer. Die meisten Radfahrenden die meisten Autofahrer/innen und die meisten Fußgänger/innen verhalten sich jedoch vernünftig, rücksichtsvoll, vorausschauend und freundlich und beachten die Verkehrsregeln. Ich erlebe mehr Autofahrende, die in angemessenem Abstand hinter mir bleiben, wenn ich auf einer Fahrbahn radle, und erst überholen, wenn Platz ist. Aber ich merke mir den einen Autofahrer, der mich spiegelstreifend knapp überholt, dann nach rechts zieht und mich auch noch ausbremst, um mich zu bestrafen. Ein Depp! Und solche Deppen bestimmen dann meine Gefühle. 


Die meisten Radler fahren nicht auf verbotenen Gehwegen, lassen Fußgänger Zebrastreifen überqueren und geben ihnen Vorrang, auch dort, wo sie ihn gar nicht haben, aber der Fußgänger skandalisiert den einen Radler, der ihn am Zebrastreifen "fast über den Haufen gefahren" hätte. Ja, es gibt solche Idioten. 

Unter Radlern und Autofahrern wird der Stellungskampf auf den Straßen allerdings höchst emotional ausgetragen, mit viel Wut, viel Vorwurf, zuweilen sogar Hass. Eine Gruppe kommt bei der allgemeinen Aufregung übereinander aber weitgehend ungeschoren davon: Das sind die Fußgänger. Manchmal schimpfen wir, wenn sie ins Handy vertieft auf einem Radweg laufen oder über die Straße schusseln, aber es fühlt sich niemand von ihnen bedroht. Fußgänger machen auch - anders als Radler -  niemandem ein schlechtes Gewissen wegen ihrer umweltfreundlichen Art, sich fortzubewegen. Was auch daran liegen mag, dass wir alle immer auch Fußgänger sind, sobald wir aus dem Auto ausgestiegen sind und unser Ziel ansteuern. 

Es sind also meistens die paar Doofen, über die wir uns über die Maßen aufregen. Und die werden dann dazu benutzt, eine  ganze Gruppe zu verunglimpfen. Wobei die Mehrheitsverhältnisse auch Machtverhältnisse sind. Solange mehr Autos auf unseren Straßen fahren als Räder, fühlen sich die Radler an den Rand gedrängt und nicht ernst genommen, und etliche Autofahrer (nicht alle) fahren mit dem Gefühl, Radler dürften sie nicht ausbremsen. 

An manchen Stellen sieht man allerdings mehr Autofahrer, Fußgänger oder Radfahrer Regelverstöße begehen als an anderen Stellen. Bei den Autofahrern ist das in Stuttgart beispielsweise der Botnanger Sattel, wo sie mehrheitlich die Linksabbieger auf der Radspur überholen, oder die Hofener Straße, die sonntags gesperrt ist, und wo jetzt ein Wachdienst stehen muss, der die Sperre durchsetzt. Bei den Radlern ist es beispielsweise die Radler-Ampel am Tagblattturm, deren lange Rotphase höchst regelwidrig umschifft wird. Wobei die Autos auch regelwidrig links abbiegen und Fußgänger keine Fußgängerüberwege beachten. Und Fußgänger laufen beispielsweise in Massen den für sie verbotenen provisorischen Radweg am Ladtag entlang. 


Es gibt also durchaus Stellen, wo die Organisation des Straßen-, Fahrrad- und Fußgängerverkehrs so schlecht ist, dass Verkehrsteilnehmer in größeren Mengen die Regeln verletzen, die ihnen nicht einleuchten oder die sie als unzumutbarer Behinderung oder Einschränkung empfinden. Eigentlich sollte man sie dann ändern. Ich neige übrigens dazu - denn ich bin Radfahrerin und Fußgängerin und als Autofahrerin sehr gelassen - zu sagen, dass Fußgängerwege und Radwege vordringlich so organisiert werden sollten, dass wir sehr viel weniger in Versuchung geraten, die Regeln als lästig und vernachlässigbar zu empfinden, während der Autoverkehr durchaus noch stärker diszipliniert werden könnte, etwa beim Parken auf Gehwegen und Radwegen, beim Durchrauschen durch Anliegerstraße oder für den Kraftverkehr gesperrte Feldwege, beim Missachten von Einfahrtverboten, beim zu schnell Fahren und beim Posen (also lärmend durch die Stadt dröhnen und heulen). 

Dass ich das so sehe, mag ungerecht erscheinen. Allerdings müssen wir uns klar machen, dass in Stuttgart (aber nicht nur hier) die Autofahrenden bisher immer im Vorteil waren, weil vordringlich ihre Wege ausgebaut wurden. Für Straßenbau werden selbstverständlich Unsummen ausgegeben, aber kostet ein Radweg mal eine Million, wird das als zu teuer empfunden. Zur Disziplinierung von Autofahrern muss die Stadt auf Kosten von uns Steuerzahler/innen Poller aufstellen, Sperren einrichten, die Sperren sogar bewachen, Beamte einstellen, die durch die Straßen laufen, um Parkverstöße aufzuschreiben, es müssen Mooswände gebaut, die Straßen mit unglaublichem Lärm nachts abgewaschen werden und so weiter. Wir bezahlen alle sehr viel für den Autoverkehr, auch wenn wir selber gar nicht Auto fahren. Da herrscht schon ein gesellschaftliches und finanzielles Ungleichgewicht zugunsten des Autos, das es erst einmal zugunsten anderer Verkehrsarten wie Radfahren oder zu Fuß Gehen ausgeglichen werden müsste.

Eigentlich sollten wir also weniger dramatisieren, nicht von Idioten und Deppen auf alle hochrechnen und insgesamt mehr nach Ausgleich der Interessen streben. Und nicht mit Hass aufeinander unterwegs sein, sondern mit Verständnis. Es könnte so einfach sein.

Abkürzungen haben fast immer zwei Spuren

Abkürzungen haben fast immer zwei Spuren

Wie viel Umweg nehmen Leute in Kauf, die mit Muskelkraft unterwegs sind - Fußgänger und Radfahrer?

Dafür gibt es sogar eine Formel, die der Physiker Dirk Helbig beim Blick von seinem Fenster auf den Stuttgarter Uni-Campus entwickelt hat. Allerdings für Fußgänger und ihre Trampelpfade.

Er hat sich nämlich gewundert, dass Menschen selbst kleine Ecken um wenige Meter abkürzen. Seine Formal lautet: Menschen sind bereit, bis 25 Prozent Umweg in Kauf zu nehmen. Ist der Umweg sichtlich länger, kürzen sie ab, egal wir kur der Umweg eigentlich ist. Radfahrer kürzen auch gern ab. Die meisten Abkürzungen sieht man nicht, denn sie geschehen über Gehwegecken oder Gehwege oder einen linksseitigen Radweg/Radspur als Geisterradler.

Aber manche sieht man. Zum Beispiel den auf dem Foto oben. Auf dieser Spur kürz man als Radler den barrierefreien Weg ab, der die Treppe weitläufig um geht, und landet gleich auf der Straße, auf die man will. Er liegt in Degerloch am Übergang von der Löffelstraße zur Bodelschwingstraße Richtung Sonnenberg. 

Auf der Collage sieht man orange den Umweg und dunkelgrün die Abkürzungen, wobei die Rechte sich gerade bildet, weshalb das Gras dort nur plattgefahren ist, aber noch nicht weggefahren. 

Gleich drei Abkürzungen haben sich hier gebildet, unterhalb der Rampe von der König-Karls-Brücke zum Wasen. Alle, die hier am Neckar entlang Richtung Untertürkheim radeln wollen, müssen eigentlich eine S-Kurve radeln, was den Schwung bremst. Eine Auffälligkeit sieht man hier schon ganz deutliche. 
Bei Radler-Abkürzungen gibt es übrigens meistens zwei Spuren, eine dicke und eine dünne.

Das sieht man hier, bei den Abkürzungen an der Heilbronner Straße, wo es zur Brücke über den Nordbahnhof Richtung Seifriedscher Garten hoch geht. Radler müssen hier eine ausladende S-Kurve bewältigen, rauf wie runter. Hier hat ich nebend er Hauptrinne eine zweite gebildet. Die zweite Abkürzung (auf dem Foto rechts unten), umgeht eine weniger schwierige Stelle, aber dennoch ist sie da. 

Vermutlich gibt es bei allen viel befahrahnen Abkürzungen über Erde und Gras immer zwei Spuren, eine Haupt- und eine Nebenspur. Denn die erste Spur wird immer tiefer. Erscheint sie zu tief, fahren die ersten Radler daneben und gravieren eine zweite Spur.  Falls jemand eine andere Erklärung dafür hat ... nur zu. Ich bin gespannt. 

Dirk Helbig, der Physiker, wundert sich übrigens bis heute, dass Stadtplaner nicht auf die Spuren der Fußgänger/innen achten, sondern Wege irgendwie anders planen, rechtwinklig und voller Umwege. Für Radfahrer sind oft die Treppen das Hindernis, die in Degerloch und an der Heilbronner Straße den direkten Weg darstellen. Rampen für Rollstühle dürfen keine größere Neigung als sechs Prozent haben, weshalb sie lang sind und S-förmig verlaufen. Haarnadelkurven, auch noch in S-Form sind für Radfahrer aber nichts.

Ehe man anfängt, auf die natürlichen Kurvenbwegungen von Radlern zu achten, fängt man vielleicht schon mal damit man an, Fußwege fußgängergemäß zu verlegen. Und dann ... Dann sind wir mal dran, eines fernen Tages. 

Ich würde diese Abkürzungen hier übrigens in kleine Radwege verwandeln und asphaltieren oder mit Platten belegen. Radlern was Gutes tun und ihnen zeigen, dass man sie versteht. Die Dankbarkeit wäre enorm. Aber ich wieder ... gell. 







Radkultur in die Stadt

Radkultur in die Stadt

Am kommenden Donnerstag, den 24. August, reden wir mal darüber. Ich nehme meine andere Rolle an und höre mir an, was ihr schon immer mal der Stadträtin sagen wolltet. 

Ich hoffe nicht nur auf Kritik, die man ja in Stuttgart leicht an der Radinfrastruktur üben kann, sondern auch auf die  Diskussionen, die wir in diesem Blog in den Kommentarfeldern führen. Was wäre wo besser: Eine Fahrradstraße oder gar nichts, Radstreifen, ein Radweg? Wie müssten der Charlottenplatz organisiert werden, damit der raderlfreundlich ist? Wie schätzen wir die Hauptradroute 1 ein? Was brauchen wir zu allererst? Hier der Facebook-Link zur Veranstaltung.


Wir treffen uns um 17 Uhr auf dem Marktplatz an der Rathaustreppe mit Fahrrädern und dann radeln wir ein bisschen, vielleicht sogar in Zahlenstärke über der kritischen Masse. Manches ist ja schon ganz schön in Stuttgart, manches noch nicht. Und vor allem, es geht noch was. Ziel der Fahrt ist das Flora und Fauna im Schlossgarten, wo wir unsere Räder dann mitten in dem schmalen Durchgang zum Stadtbahnübergang abstellen und uns den Ärger der anderen Radler einhandeln können.

Ich freue mich auf euch.
Der Felgenmotor zum Nachrüsten

Der Felgenmotor zum Nachrüsten

 
 Quelle: Velospeeder Velogical 
Velogical bietet einen Felgenmotor  für Fahrräder an. Der Motor ist leicht und klein. Den Akku nimmt man in einer Stangentasche mit oder im Getränkehalter. 

Die Grundidee ist die, dass man leichte Rennräder oder Klappräder, etwa dass Bromton, mit dem Felgenantrieb nachrüstet. Dann bekommt man den typischen Pedelec-Rückenwind bergauf oder beim Radeln gegen den Wind. Der Motor ist mit 500 Gramm extrem leicht. Wenn man einen Akkus normaler Reichweite dazu nimmt, wiegt das Ganze 1,6 kg, was immer noch sehr leicht ist vergleichen mit üblichen Pedelec-Antriebssystemen.

Den Motor, auch als Zwillingsmotor rechts und links der Felge, kann man an den Rahmen anschrauben oder aber auch verschweißen, je nach Werkstattausrüstung. Der in Köln beheimatete Hersteller verspricht so gut wie keinen Reibungsverlust, und weil man die Motoren bei voller Fahrt von den Felgen abklappen kann, bremst auch nichts, wenn man das Rad laufen lässt. Die Kosten belaufen sich, je nach Akkugröße, um die 1.400 Euro. Soll das System in Köln montiert werden, kommen noch mal 250 Euro dazu. Diese Felgenmotoren gibt es übrigens auch in der Version  fürs S-Pedelec und als Starthilfemotor, also einen Motor, bei dem man ohne zu Treppeln niedrige Geschwindigkeiten fahren kann.

Radfahrer machen Autofahrer glücklich

Radfahrer machen Autofahrer glücklich

Ich schreibe in regelmäßigen Abständen darüber, warum Autofahrer eigentlich Radfahrer lieben, hätscheln und belohnen müssten. Denn ohne sie erstickt die Stadt im Stau, Lärm und Feinstaub. 

Der Baseler Großrat und Verkehrsplaner Raphael Fuhrer, hat das in diesem Artikel in der Tageswoche auch noch einmal wunderschön und mit interessanten Zahlen ausgeführt. In der Schweiz - das habe ich von einer Delegation Züricher Stadträte, die im Juni in Stuttgart waren, erfahren - sind Radfahrende auch nicht wirklich geschätzt, obgleich die Schweiz keine Autoindustrie hat.

In Zürich gibt es zwar reichlich Fahrradparkplätze in Wohngebieten und an öffentlichen Plätzen, aber die Radinfrastruktur ist auch nicht wirklich durchgängig und winkelig und eng. Auch der Schweizer Gesellschaft fällt es offenbar schwer, Parkplätze für Radstreifen herzugeben oder eine Fahrspur für einen Radstreifen, owohl es ein Dutzend guter, vernünftiger und sachlicher Argumente gibt, warum jeder einzelne Radfahrende der Stadtgesellschaft nützt. Jedoch werden Radfahrende - die Kommentare in Facebook kann ich hier schon vorhersagen - gerne generell als Outlawas beschimpft.

Hier Fuhrers uns gut nur zu gut bekannte Thesen.

  1. Velofahrer entlasten unser Gesundheitssystem um Millionen.
  2. Sie verbreiten massig gute Laune (sie sind weniger depressiv und gestresst).
  3. Sie machen keinen Krach.
  4. Sie lassen uns atmen (Sie erzeugen keine Luftverschmutzung).
  5. Sie sind wahre Parkplatzkönige (mindestens zehn Räder gehen auf einen Autoparkplatz). 
  6. Sie machen den Verkehr flüssiger (sie sind nicht Teil des Staus, weil sie nicht im Auto sitzen).
  7. Sie sind super fürs Klima.
  8. Sie tun viel weniger weh (Fahrräder sind nur ein Hundertstel so schwer wie Autos und sie sind im Stadtverkehr nur halb so schnell unterwegs. Damit ist ihr Gefahrenpotenzial nur ein Bruchteil desjenigen eines Autos. Wenn mehr Räder unterwegs sind, trauen sich auch mehr Menschen aufs Fahrrad, weil es ungefährlicher ist.) 
  9. Sie bezahlen großzügig mit (Räder beschädigen Straßen nicht, aber Fahrradfahrer zahlen über ihre Steuern den Straßenbau für Autos mit). 
  10. Sie können Autofahrer glücklich machen (Ohne Fahrradfahrer wären die Krankenkassenbeiträge noch höher, die Steuern auch, die Häuser würden schneller an Wert verlieren, der Stau wäre noch größer, die Städte noch enger etc.).