Vernünftige laufen im Winter, oder?

Vernünftige laufen im Winter, oder?

Also im Winter, bei Regen und Schnee, gar bei Eis, sollte man nicht mit dem Fahrrad fahren. Das meint der Stern in seinem Artikel mit dem Titel "Radeln bei Eis und Schnee? Nur für Profis!"

Welche "Profis" meint der Stern wohl? Pizza-Radfahrer, Fahrradboten und Rennradler? Egal. Der Artikel gefällt mir sogar, weil er nichts beschönigt, was das Radfahren im Winter schwieriger macht: gefährlicher und teuerer. Das Licht muss anständig sein, und ohne eine Markenlampe geht es nicht, die Reifen sollten gut sein, und für Eis braucht man ein Zweitrad mit Spikes (auf trockener Straße fährt man schlecht mit Spikes). Die Radwege sind selten geräumt, der Schnee auf die Radstreifen geschoben, und (Zitat:) "ein Ausweichen auf die Autofahrbahn ist aus Sicherheitsgründen aber nicht zu empfehlen, da bei Schnee oft nur schmale Fahrgassen zur Verfügung stehen und Konflikte mit Autos programmiert sind!"
(Grins: Ein Grund fürs Räumen von Radrouten.) Gemeint sind hier wohl auch nicht Autos (mit Gegenständen kann man keine Konflikte haben), sondern die Autofahrer, aber bezeichnend ist dieses Versehen, weil es zeigt, dass wir im Auto keine Menschen mehr wahrnehmen, oder dass das Auto den Menschen, sein Denken und Handeln bestimmt, nicht umgekehrt.

Teuer sind außerdem Regenklamotten. Bis zu 800 Euro, so der Stern, gibt man für Regenhose, Regenjacke, Regenschuhe, Regenkappe, Handschuhe, Polarunterwäsch etc.aus. Also ich habe noch nicht so viel ausgeben, aber Regenhose und Regenmantel kosten schon Geld (was man aber nur einmal für viele Winter ausgibt), allerdings immer noch weniger als Winterreifen für ein Auto und die Jahresinspektion, aber was man als teuer empfindet, ist ja sehr relativ, gell.

Deshalb klare Empfehlung: Verfünftige Menschen fahren nur bei schönem Wetter Fahrrad.

Oder sagen wir lieber, der Artikel meint: Wer im Winter Fahrrad fährt, sollte wissen, was er tut, welche Reifen er oder sie braucht, wo die Gefahren stecken (in der einen Eisplatte auf 5 km trockener Fläche), welches Licht man braucht und wie man fahren muss, um Stürze zu vermeiden und wie man das Fahrrad pflegt. Das ist kein Spaziergang, stimmt. Und dieser Artikel ist in jedem Fall mit Sachkenntnis geschrieben und ohne jegliche aufmunternde Beschönigung geschrieben. (Hier noch mal der Link.)

Vielleicht sollte man allerdings auch mal den Autofahrenden ganz klar sagen: "Autofahren bei Eis und Schnee? Nur für Profis!"

Auch das ist nicht harmlos oder leicht oder ungefährlich, auch wenn man selber nicht stürzt und sich selbst bei eigenen Fehlern nur selten verletzt. Aber auch bei Auto muss die Beleuchtung und die Bereifung stimmen, man sollte warm angezogen sein und schneefreie Schuhe anhaben, die nicht vom Bremspedal abrutschen, man muss vorausschauend und langsamer fahren als üblich und  in Kurven aufpassen, und zwar weil man sonst ganz schnell in Gefahr gerät, einen anderen Menschen - einen Fußgänger oder Radfahrer - zu töten. Und niemand kann gut damit leben, einen Menschen getötet zu haben.
Stammheim und Zuffenhausen und die Radfahrer

Stammheim und Zuffenhausen und die Radfahrer

In Zuffenhausen und Stammheim wird nicht so viel Rad gefahren wie beispielsweise im Stuttgarter Westen oder im Kessel. 

Es gibt zwar hier und dort ein Radinfrastruktur, teilweise sogar eine gute, aber durchs Zentrum wurstelt man sich über schmale Schutzstreifen. Immer wieder wird den Radlern auch der Gehweg angeboten. Meistens dort, wo die Straßenbahnschienen verlaufen.

Auch hier gilt: Autoparkplätze schlagen die Radinfrastruktur. Schutzstreifen sind schmal und hören auch mal ganz auf.

Autofahrer rechnen nicht wirklich mit Radfahrenden und werden schnell mal ungeduldig.

Unter der Brücke durch gibt es Gedrängel. Hier würde ein Radzeichen auf der Fahrbahn vielleicht helfen, allen klar zu machen, dass Radfahrer auf Fahrbahnen unterwegs sein dürfen und sollen.

Wo gar kein Platz mehr ist, winken Zeichen auf der Fahrbahn die Radler in die Mitte der Schienen. Vermutlich sind hier früher viele Radler zwischen geparkten Autos und Schienen geschlingert, zwischen Dooringzone und Schienenfalle. Nur selten habe ich hier außer mir selbst noch Radfahrende gesehen. (Da ich dort beim Radeln bisher nicht fotografieren konnte, sind die Fotos bei einer Gelegenheit entstanden, wo ich die Strecke mal mit dem Auto gefahren bin (fest installierte Kamera).

Gerne werden Radler auf Gehwege geleitet, so wie hier, weil man sie eben lieber dort hat, wo sie Fußgänger stressen, als auf den Fahrbahnen, wo sie Autofahrer ausbremsen. Zugleich aber fühlen sich viele Radfahrenden in solchen Situationen auf den Gehwegen dann doch wieder sicherer als auf den Fahrbahnen mit schnaubenden Auotkühlern direkt hinter ihnen.

In der Ladenzeile von Stammheim beherrschen Autos die Szene. Man hat zwar Radbügel aufgestellt, aber da steht kaum kein Fahrrad, weil die Straße keine Lust macht aufs Radfahren. Wenn Autos wie Wände am Gehweg stehen, dann entsteht keine Atmosphäre, die zum Verweilen und Shoppen einlädt. Entsprechend traurig sind hier auch die Läden. Es sind kaum Fußgänger da. Dabei leben Ladeninhaber nur von Fußgängern. Autos kaufen nicht ein.

Auf der Collage sieht man links unten einen schönen Aufstellplatz für Radfahrer an der Ampel. Man sieht aber leider auch, dass solche Radinfrastruktur nur dort ist, wo sie Autofahrern keinen Platz wegnimmt.

Andernorts, etwa in der Zabergäustraße in Zuffenhausen entstehen Radstreifen, die Radler über die Kreuzungen bringen sollen. Schmal natürlich, aber wir befinden uns ja noch in der Vor-Radkultur-Zeit, in der man gerade entdeckt, dass Menschen Fahrrad fahren wollen, aber noch nicht so weit ist, ihnen auch Platz zu schaffen. Das kommt dann in zehn bis zwanzig Jahren.

Die meisten Radler haben für sich in diesen Ortsteilen Wege durch Nebenstraßen gefunden, auf denen sie besser vorwärts kommen, und zwar auch deshalb, weil sie dort nicht mit einem ständigen Wechsel  der Infrastruktur konfrontiert werden: mal Radstreifen, mal schmaler Schutzstreifen, mal gar nichts, mal Gehweg-frei, mal Blutstreifen, mal Aufstellplatz, mal gar nichts davon, aber zweispurige Autostraße.

Wer die Neben- und Geheimstrecken nicht kennt, radelt auf den Hauptstraßen. Da stehen wenigstens Wegweiser.

Und wer in Zuffenhausen auf der Ludwigsburger Straße am Kelterplatz Richtung Stuttgart Zentrum radeln möchte, also die Leionberger Straße entlang (oder über den Kelterplatz nach links in einem Geheimtipp-Weg durch Schrebergärten), der steht dann hier im massiven Autostau, ohne jegliche Radstreifen.

Unsere Radinfrastrukur dient vor allem Autofahrern

Unsere Radinfrastrukur dient vor allem Autofahrern

Das Land der Scheinradwege, so betitelt die Märkische Allgemeine ein Interview mit dem Hamburger verkehrspolitischen Sprecher des ADFC, Stefan Warda.

Unsere Radwege und Radstreifen sind zu schmal und zu unsicher. Die Radinfrastruktur müsse endlich an die Radfahrenden angepasst werden. Sonst nützt sie nur den Autofahrern, weil man Radler von den Fahrbahnen verbannt.

Warda fährt übrigens auch in den Städten nicht entspannt Fahrrad, die bei uns als Fahrradstädte gelten, also Münster oder Freiburg. Denn auch dort, so seine Einschätzung, ist Radfahren stressig. Radwege, sind zu schmal und befinden sich im Türbereich parkender Autos. An Ampeln steht man zu lange, auf den Radstreifen parken Autos.

Hamburg
In Hamburg (und München) gibt es viel mehr Radwege als bei uns (Foto oben: Stresemannstraße), die an der rechten Türseite geparkter Autos entlang führen. Selten werden sie so gesichert wie hier auf dem Foto zu sehen. Beifahrer/innen, die da aussteigen wollen, sind noch viel weniger als Autofahrer/innen darauf trainiert, erst nach hinten zu gucken, bevor sie die Tür aufstoßen. Radler weichen auf solchen Radwegen dann oft auf den Gehweg aus, was Fußgänger stresst. Werda bemängelt natürlich auch das weitere Manko von Radwegen: Abbiegende Autofahrer sehen die Radler nicht, die geradeaus fahren wollen.

Natürlich sind an Kreuzungen die Ampeln nicht für die Geschwindigkeit von Radfahrenden ausgelegt. Grüne Welle für Radler gibt es nicht. Radfahrer müssen immer wieder anhalten und warten, oft zu lange, und fahren dann bei Rot.

Warda: "Wenn wir von Rüpelradlern sprechen, dann müssen wir auch die Rüpelplaner erwähnen. Die meisten Fahrradwege in deutschen Städten sind nur Scheinradwege. Sie dienen nicht dem Radfahrer, sondern dem Autoverkehr. Ihr Ziel ist es schlicht, das Fahrrad von der Fahrbahn zu verdrängen. Deswegen werden sie auch nicht richtig genutzt."

Stammheim - wohin mit den Radfahrern?
Ich stimme ihm zu und meine: Wenn eine Stadt ernsthaft will, dass mehr Menschen Rad fahren - und Stuttgart muss sich das dringend wünschen, denn sonst drohen Autofahrern Fahrverbote - dann muss sie endlich für Radfahrer planen: Breite Radwege, für die man eine Autofahrspur verwendet, etwa auf der Cannstatter Straße, auf dem Cityring, auf der Kaltentaler Abfahrt rauf und runter, auf der Neuen Weinsteige rauf und runter, auf der Heilbronner Straße, auf der Leonberger Straße, auf der Stresemannstraße oder Siemensstraße und so weiter.

Und dafür muss man auch oberirdische Parkplätze hergeben (etwa auf der Theodor-Heuss-Straße), denn Parkhäuser haben wir wahrlich genug im Kessel. 



Neue Umfrage der TU Dresden

Neue Umfrage der TU Dresden

Die TU Dresden führt mal wieder eine Umfrage unter Radfahrenden durch. Es geht ums Fahrverhalten.

Behandelt werden Fragen, wie oft und wie viel man radelt, wie sicher man sich fühlt oder wie man sich in bestimmten Situationen verhält, ob man beispielsweise lieber auf dem Gehweg radelt oder auf der Fahrbahn. Man muss keineswegs ein Vielradler sein. Wichtig für die TU Dresden sind auch Menschen, die darüber Auskunft geben, was sie jeweils am Radfahren hindert.

Die Umfrage ist umfangreich und genau. Sie erfordert deshalb ein bisschen Zeit. Hier der Link zur Umfrage
Eine für Zweiradfahrer lebensgefährliche Straße in Degerloch

Eine für Zweiradfahrer lebensgefährliche Straße in Degerloch

Eine Radfahrerin ist am 7. November beim Überqueren der Jahnstraße in Degerloch schwer verunglückt. 

Der Unfall geschah an einer ohnehin schwierigen Stelle dort, wo das Königsträßle die Jahnstraße kreuzt. Ein unfallträchtige Kreuzung, auch weil die Ampelanlage ungewöhnlich funktioniert.

Die Stuttgarter Zeitung hat über den Unfall unter dem Titel "E-Bike-Fahrerin bei Unfall schwer verletzt" berichtet, so als ob das Pedelc der entscheidende Faktor für den Unfall gewesen wäre. Wie der Unfall passiert ist, ermittelt die Polizei.
Die Darstellung der Zeitung, die sie vermutlich von der Polizei hat, ist mit einem "offenbar" versehen. "Die Fahrerin eines Elektrofahrrads wollte am Dienstag gegen 18.45 Uhr die Jahnstraße überqueren und übersah dabei offenbar den VW Lupo eines 73-Jährigen."

Die Situation dort ist nicht einfach, den Ampeln stehen nur auf der Jahnstraße, nicht aber auch an den Einmündungen des Königssträßles. Wenn Radler über den Drücker die Überfahrt anfordern, werden Autoampeln links und rechts auf der Jahnstraße rot. Wer im Königssträßle an der Haltelinie steht, kann das nur sehen, wenn die Autos anhalten. Dann treppelt man los. Zuweilen geschieht es aber,  dass ein Autofahrer, der vom Fernsehturm her kommt, die Gelegenheit nutzt, wenn der Gegenverkehr auf der Jahnstraße aus Richtung Degerloch Epplestaße steht, um nach links ins Königsträßle auf die Waldau abzubiegen. Das tun er unter Missachtung des Rotlichts für ihn.

Wie man an den Vorfahrt-Achten-Schildern sieht, muss natürlich auch jeder Radfahrer hier warten, bis keine Autos von links oder rechts mehr kommen, ganz egal, ob die Autos nun Rot haben oder nicht. Der Querverkehr hat hier immer Vorfahrt. Allerdings ist diese Kreuzung eben wirklich nicht so ganz einfach zu verstehen. Wie alle Kreuzungen übrigens, wo nicht an allen Straßen Ampeln stehen, die auf sie zu führen. Sie bergen eine zusätzliche Gefahr: Es fehlt der kleine Puffer zwischen Rot für den Querverkehr und Grün für den kreuzenden Verkehr. Manche Radler starten, sobald die Autos langsamer werden und anhalten. Tritt aber auf der anderen Seite noch einer aufs Gaspedal, um es noch bei Dunkelgelb zu schaffen, dann trifft man sich mitten auf der Kreuzung.

Aus Richtung Waldau, also da, wo die verunglückte Radlerin herkam, steht der Drücker im Königsträßle gut zwanzig Meter vor der Kreuzung. Wenn man das weiß, hält man da an, drückt den Drücker und fährt dann vor. (Zwei mal anhalten mutet man auch nur Radfahrern zu, die man für so eine Art Fußgänger hält.) Falls man zum ersten Mal an diese Stelle kommt, übersieht man vermutlich den Drücker und steht dann vorne, ohne irgendeine Chance, Rot für den Querverkehr anzufordern. Falls man dennoch schon bei der ersten Fahrt kapiert hat, dass man den Drücker zwanzig Meter vor der Querstraße drücken muss, weiß man immer noch nicht, woran man jetzt erkennt, dass man fahren darf. Man merkt es, wenn die Autos - wie zum gemeinsam-nett-sein entschlossen - plötzlich alle anhalten. Oder man erkennt es daran, dass die Fußgängerampel links grün wird. Sie ist allerdings ein Stückle weg.

Autofahrer die aus dem Königsträßle rauswollen, freuen sich  regelmäßig, wenn ein Radler kommt, und am Drücker Rot für die Jahnstraße anfordert, weil sie dann selbst herausfahren und links oder rechts abbiegen können. Sie selbst müssten aussteigen, um an den Drücker zu kommen. Radfahrer sollten sich dann aber tunlichst vor das Auto stellen, damit sie bei der Abbieghast der Autofahrer nicht umgenietet werden.

Vor gut einem Jahr ist an dieser Kreuzung schon eine Motorrollerfahrerin tödlich verunglückt. Sie fuhr auf der Jahnstraße auswärts Richtung Fernsehturm. Ein Autofahrer, der ihr entgegen kam, wollte nach links ins Königsträßele abbiegen und fuhr sie dabei tot.
Und erst am Sonntag den 19. November wurde ein Radfahrer schwer verletzt, der auf der Jahnstraße Richtung Mittlere Filderstraße (also Richtung Sillenbuch) unterwegs war. Dabei kam es zu einem Zusammenstoß mit einem Auto. Der Hergang war zu dem Zeitpunkt, als der Zeitungsartikel erschien, noch ungeklärt. Die Vormulierung "Der 40-Jährige verletzte sich bei dem  Unfall schwer" zeigt einmal  mehr, wie schwer es Zeitungsjournalisten und Polizei (also unserer Gesellschaft) fällt, anzuerkennen, dass Radfahrer durch Autos verletzt werden und sich nicht irgendwie rätselhafterweise selbst verletzen bei Kontakt mit Autoblech.