Meer, falsche Prognosen und Fisch

Meer, falsche Prognosen und Fisch

Es ist kurz nach Mitternacht. PIEP PIEP PIEP – der Wecker schleudert mich von einem wunderbaren Traum in meinen weichen Polster. Das einzige was ich fühle ist Müdigkeit. Zuerst. Dann muss ich ans Radfahren denken. Yeah. Raus aus dem Pyjama, rein ins Raddress. Weg mit dem Polster, her mit dem Rennrad. Schon sitze ich voller Freude im Sattel. Ich will Fischessen, also am Abend. Am Meer. Das ist das Ziel. Dazwischen liegen 350 Kilometer und 16 Stunden. Regen, Kälte, Berge und KÄLTE!

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Ich wollte wieder einmal ans Meer. Und mit dem Fahrrad eine längere Strecke fahren. Und leckeren Fisch essen. Ich wollte alles auf einmal. Gleich. Weil ja auch meine Eltern vom Urlaub zurückfuhren, so lieb waren und mir anboten, mich und mein Rad vom Meer wieder nach Hause zu transportieren. Da darf man nicht zögern. Sondern muss gleich Frau und Kinder von der einmaligen Gelegenheit überzeugen und den Wecker auf kurz nach Mitternacht stellen.

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Ich leistete gute Überzeugungsarbeit. Studierte den Weg. Und checkte das Wetter: Regenwahrscheinlichkeit lag bei 30% und die tiefsten Temperaturen bei 4 Grad. Das war doch ganz Ordnung. Ich vertraute auf den Wetterfrosch und wurde schon nach 30 Kilometern in Wildon mit einem Platzregen überrascht. Wahrscheinlich sollte man Wahrscheinlichkeiten ernster nehmen, als ich das tat. Wahrscheinlich wären in diesem Fall die dickeren Handschuhe, Regenhose und Regenjacke die bessere Kleidung gewesen. Aber ich vertraute ja den Prognosen. Naja, vielleicht hört es ja gleich auf, dachte ich noch hoffnungsvoll, an die 30% Prozent denkend.

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Als ich dann in Slowenien durch ein verregnetes Maribor fuhr war die Hoffnung schon ein wenig kleiner. Doch als ich in Ptuj auf der schönen Brücke über die Drau noch immer Regentropfen im Gesicht spürte und das einzige was ich physisch noch wahr nahm Kälte war, dachte ich nur mehr an diese und kein bisschen mehr an Hoffnung.

Es war nur nass und saukalt. Also kein bisschen warm. Ich war hauptsächlich damit beschäftigt mein Schlottern unter Kontrolle zu bringen. Radfahren war Nebensache. Aber die einzige wärmere Kältequelle. Bewegung. Nach ein paar Umwegen war ich an der Grenze zu Kroatien 10 Minuten damit beschäftigt meinen Reisepass aus der Tasche zu ziehen. Meine Finger konnten ihn einfach nicht fassen. Die Grenzbeamtin trocknete grinsend meinen Pass und meinte nur: Winter, gefroren. Nein, dachte ich, Frühling, ans Meer Fischessen.

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Die Hoffnung kam mit Tagesanbruch ein klein wenig wieder zurück. Es könnte ja jetzt wenigstens ein bisschen wärmer werden. Doch der Vormittag mit 4 Grad und verschneiten Bergen um Zagreb vernichtete zum wiederholten Male jegliche Aussichten auf ein Ende der Zitterei. Besonders demotivierend sind in so einem Zustand Straßenschilder, die noch so tun, als wären wir im tiefsten Winter. Vor allem die Warnung: ACHTUNG Schnee und der Gedanke an die bevorstehenden Bergetappen machten mich etwas nervös.

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Aber dann kam Karlovac. Ein Wunder. Kein Regen, trockene Straßen und nach 250 Kilometer war endlich die erste kurze Pause möglich. Um eine Banane stärker kam ich zu jenem Teilstück, das ich schon seit geraumer Zeit einmal mit dem Fahrrad erleben wollte, von Duga Resa nach Josipdol. Dort hatte ich mich früher öfters auf dem Weg in den Urlaub unsanft übergeben. Die vielen Kurven und Höhenmeter, die ich als Kind hasste und mit flauem Gefühl im Bauch fürchtete wurden mit dem Fahrrad zu einem wahren Fahrspaß. Die vorsommerlichen Sonnenstrahlen trieben ein wenig Kälte aus meinem Körper. Zudem gehörte mir die Straße alleine. Längst verläuft über und unter der Bundestraße eine Autobahn.

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So rollte ich dahin. Glücklich. Immer Richtung Meer. Dazwischen lagen eigentlich nur mehr zwei Pässe und die fantastische Küstenstraße im Sonnenschein.

Dann war ich da.

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Im kleinen verschlafenen Fischerdorf Sveti Juraj. Ein wenig später auch meine Eltern. Die Biergläser wurden gehoben. Eine Fischplatte wurde serviert.

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Ich war müde. Mir war noch immer kalt. Aber da waren das Meer, ein gut duftendes Essen, meine Eltern, müde Beine und die Sonne. Ja die Sonne. Wie hoch ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit, wenn man für ein Abendessen ans Meer fährt, dort einen kitschigen Sonnenuntergang zu erleben? Größer oder kleiner als 30%?

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Lakemania

Lakemania

Ist das extrem? Mit falscher Identität, bei durchschnittlich minus 5 Grad und starkem Wind drei Mal mit dem Rennrad 340 Kilometer um einen See zu fahren? Danach weiß ich in jedem Fall wie extrem schön es war. Und anstrengend. Aber genau genommen war es ja nicht ich, der da fuhr, sondern Franz.

So etwas kann passieren. Genau dann, wenn eine wunderbare Veranstaltung wie das 24-Stunden-Burgenland-Extrem auffordert in 24 Stunden drei Mal um den Neusiedlersee zu fahren. Mit dem Fahrrad. Oder aber auch einmal zu Fuß den See zu umrunden. In jedem Fall wettbewerbsfrei. Ich entschied mich für ersteres, leider zu spät. Alle Startplätze waren ausgebucht. Und dann wurde ein fixstartender Radfahrer krank. Der Franz. Und ich übernahm für 24 bzw. 15 Stunden seine Identität. Danke!

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6:30 Uhr, Podersdorf. Am Start froren dann bei minus zehn Grad 126 tapfere Radfahrer. Es wurde noch einmal gezweifelt: Hätte ich nicht doch die wärmere Jacke anziehen sollen? Und werden meine Zehen wohl nicht abfrieren? Aber dann wurde schon fleißig in die Pedale getreten und bald hatte man eine rote Nasenspitze und viel Wind von der Seite.

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Nach einem hektischen Start fand ich mich bald in einer schnellen Gruppe mit österreichischen Randonneuren wieder. Das war gut so. Schnell vergaß man die kalten Finger und das eingefrorene Gesicht bei netten Gesprächen unter Kollegen. Enzo war das große Glück der ersten Runde. Der kennt den See und die umliegenden Straßen wie seine Trikottasche. Er lotste uns auf den verkehrsarmen und vor allem eisfreien Seitenstraßen bestens um den See.

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Und wenn die Straße sich unter einer dicken Eisschicht versteckte, wurden wir früh genug gewarnt. Besser als von einem Navigationsgerät diktiert flogen wir durch die vereiste Landschaft. Apokalyptisch will man die in Nebel getauchten und erstarrten Bäume, Weingärten und Äcker nennen. Es war bezaubernd. Bis auf den eisigen Wind. Wenn er von vorne kam, war er natürlich besonders gemein.

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Schon bald überrundeten wir die in Oggau gestarteten über 2000 Geher/Läufer, kämpften gegen den Wind und schlechten Asphalt in Ungarn und wurden dann mit saftigem Rückenwind zurück nach Podersdorf gepeitscht. Der warme Tee im Seecafe ließ mich meine Finger wieder spüren und motivierte für die nächste Runde. Ich ließ die schnellen Randonneure ziehen und kämpfte von nun an alleine gegen Wind und Kälte.

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Die zweite Runde war echt zach, teilweise. Die Eissurfer freuten sich bestimmt über den starken Wind. Die Radfahrer nur, wenn er von hinten kräftig anschob. Und die Kälte zehrte zusätzlich Energie. Das Eis in meinen Wasserflaschen half genau so wenig gegen den Durst wie mein Überschuhe gegen die Kälte. Das war schon Burgenland-Extrem.

Doch Franz war ausdauernd und trotzte den widrigen Umständen. Radfahren war immer noch schöner als alles um ihn herum. Dann war da schon wieder Poderdorf und das warme Seecafe. Aufwärmen, Tee trinken und der Gedanke: Wer zwei Runden fahren kann, schafft auch drei. Und die Dritte war dann wieder nicht mehr so zach. Auch weil der Wind ein bisschen nachgelassen hat und die Zehen und Finger sich schon fast an den Wahnsinn gewöhnt hatten.

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Und war das extrem? Naja. Schon irgendwie. Aber eben auch richtig schön (kalt). Auch zu wissen einer der 26 Finisher zu sein. Bleibt dann noch die Frage, ob man das wieder tun würde? Wer weiß, vielleicht startet Franz im nächsten Jahr gemeinsam mit David.


Ich schaffe das.

Ich schaffe das.

Angeblich wohnt in einer Höhle nördlich von Graz ein Drache. In sicherem Abstand zur Höhle verläuft eine offiziell ausgeschilderte MTB-Strecke: Die Drachentour. Diese führt vom Murtal über die Tyrnaueralm zur Teichalm. Seit Monaten schon will ich die Strecke mit dem Mountainbike befahren. Doch es fehlte bisher an der nötigen Zeit und ehrlich gesprochen auch an Mut – wie gesagt, angeblich wohnt dort ein Drache.

Eisige Temperaturen bestimmen diese Tage, der Wind fegt orkanartig über die Berge und alles ist total vereist. Hoffentlich ein Wetter, bei dem es in der Höhle gemütlicher ist und man sie daher nicht begegnet, die Ungeheuer. Da die Bedingungen also perfekt (!) waren, saß ich schon im Sattel, fühlte mich ein wenig wie Siegfried und verließ Graz über den Murradweg in Richtung Mixnitz.

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Ich freute mich einmal mehr über mein Fahrrad, das sich ja, wie hier erläutert, als ein Michwesen aus Rennrad und MTB beschreiben lässt. Denn der Weg bis zum Offroad-Abenteuer war onroad. Und so war der Fahrspaß schon die ersten 30 asphaltierten Kilometer mit dabei. (Ich finde es befremdlich mit dem Auto zu fahren, um dann zu biken.)

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So erreichte ich sehr schnell jene Abzweigung, bei der sich nicht nur die Straßenbeschaffenheit änderte, sondern auch die Steigung. Schnaufend, mitten im Wald auf einer breiten Forststraße pedalierte ich steil bergauf und genoss das Rauschen des Windes in den Bäumen.

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Ich liebe diese Einsamkeit. Vor allem wenn sie nicht durch das Auftauchen eines Drachen gestört wird. Wurde sie auch nicht. Verstärkt hat sie der Sturm und die klirrende Kälte und das Eis. Ja das Eis.

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Wie fantastisch! Was für Gebilde! Ständig verführten mich zu Kunstwerken erstarrte Bäche, Wasserfälle und Quellen anzuhalten und einfach zu staunen. Ich fühlte mich wie in einem natürlichen Eismuseum. Da wird man fast dankbar über die frostigen Temperaturen, auch wenn diese schon seit geraumer Zeit Finger und Zehen zu schmerzhaften Klumpen verwandelt haben.

Nach einigen weiteren Höhenmetern wurde ich von jenem Satz eines Forstarbeiters aus meiner Einsamkeit gerissen, der den weiteren Verlauf meines Winterabenteuers beeinflussen sollte: „Da kommst heut sowieso net hinauf!“

Häää? Warum? Wegen dem bisschen Eis und Schnee? Wegen dem orkanartigen Wind? Gar der Drache? Dachte ich mir und fuhr freundlich grüßend, ohne jedoch nach dem Grund seiner Feststellung zu fragen, an dem frierenden Arbeiter entschlossen vorbei. So schnell drehe ich nicht um. Lasse ich mich nicht von Schnee, Eis, Wind und Kälte einschüchtern.

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Nach weiteren mühsamen, extrem rutschigen Höhenmetern wusste ich, warum ich heute nicht hinauf fahren konnte. Da wurde gearbeitet: BAUM FÄÄÄLLT! Aber mir bitte nicht auf meinen Kopf. Also umdrehen. Nein. Weil an jenem besagten Forstarbeiter noch einmal vorbei fahren zu müssen und einen Satz zu hören, wie: „Hab ich es doch gesagt!“, dafür war ich an diesem Tag zu stolz. Ich komme da hinauf. Ich schaffe das.

Auf alternativen Wegen. Dann muss ein anderer Forstweg ausprobiert werden. Und wie es sein sollte, war da einer. Unmöglich zu befahren, weil einfach zu viel Schnee, aber schiebend ging es langsam voran. Wenngleich auch in die andere Richtung. Das war dann schon eher bedenklich. Aber auch nur bis ein steiler Wanderweg den Forstweg kreuzte und ein vereistes Schild bergauf die Tyrnaueralm ankündigte. Na bitte. Perfekt.

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So kam ich nach einer guten Stunde das Rad geschultert, mit den Radschuhen stolpernd, ein stolzes Lächeln auf den Lippen und durchgefroren auf der Alm an. Es stürmte unheimlich und so schob, stürzte und rollte ich langsam wieder auf der anderen Seite in Richtung Teichalm hinunter.

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Dort wurde es empfindlich kälter. Stürmischer. Und dunkler. Nun musste ich mich entscheiden. Entweder setze ich meine Tour, wie ursprünglich geplant fort, daher quer durch den steilen Wald zu einer Quelle oder ich fahre (ganz) bequem die breite Straße zurück ins Tal. Die Vernunft siegte, das heißt bei mir, das Abenteuer und die Herausforderung und schon ging es steil durch den nächtlichen Wald zu jener Stelle, an der die Raab entspringt.

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Ein kleiner Fluss der quer durch die Steiermark fließt und in Ungarn nach 250 Kilometern in die Donau mündet. Besondere Bedeutung erlangt das Gewässer, da ein netter Radweg entlang des Flusses verläuft. Zudem einer, der von mir sehr oft und zugleich sehr gerne befahren wird. Immer wieder hatte ich den Gedanken einmal mit dem Rad direkt von der Quelle aus zu starten. Nur, um später einmal den Anspruch zu erheben, den kompletten Raabtalradweg gehfahren zu sein. Das dafür in einer saukalten Winternacht der richtige Zeitpunkt war, habe ich mir nicht unbedingt gedacht.

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Dann aber, zurück in der Zivilisation, wollte ich nach Hause. Das Wasser in den Trinkflaschen war eingefroren und die Zehen waren das zum Glück noch nicht ganz. So änderte ich meine Pläne und zog den geteerten und schnelleren Heimweg dem anderen, der noch über so manchen Berg, durch dichten Wald und über Stock und Stein geführt hätte vor.

Was bleibt nach so einer Ausfahrt? Rote Backen, wahres Glück, die Tatsache, noch immer keine Drachen gesehen zu haben, natürliche, tiefe Dankbarkeit und „ich schaffe das“.


Festive 50…

Festive 50…

Ich habe es NICHT geschafft: 500 Kilometer zwischen Weihnachten und Silvester mit dem Fahrrad zu fahren. Wie schon die Jahre zuvor hatte ich es mir fest vorgenommen. Letztes Jahr schon wollte ich dem Aufruf von Rapha folgen, die festlichsten Tage im Jahr noch festlicher zu gestalten. Ausreden finden sich schnell. Schneller als einem lieb ist. Gefahren bin ich dann aber trotzdem. 50 Kilometer. Und da ich neidisch die vielen Berichte der radelnden Kollegen mit ihren 500-Kilometer-Abenteuern lesen musste, schreibe ich trotzig über mein kleines MTB-Erlebnis.

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Das hat am Vormittag begonnen. Ganz gemütlich. Mit großer Freude. Denn mit zwei kleinen Kindern muss schon alles ganz gut passen, damit man sich entspannt in den Sattel schwingen kann. An dieser Stelle ein großes Lob an meine wunderbare Frau, die mich so unglaublich lieb unterstützt meine vielen verrückten Fahrradabenteuer Wirklichkeit werden zu lassen! DANKE!

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Ich war froh über die frostigen Temperaturen und den orkanartigen Sturm. Viele Menschen zog es daher wetterbedingt nicht aus den warmen Stuben. Mein Glück. So konnte ich in aller Ruhe recht einsam den Grazer Hausberg hinauf fahren. Radfahrer sind mir keine begegnet, Wanderer nur zwei, dafür gleich neun Jäger. Davon fünf in einem SUV sitzend. Ziemlich eigenartig.

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Weiter oben hat es dann sogar ein paar Schneeflocken gegeben. Echt romantisch. Da muss man sich dann ein wenig hinsetzen und diese Stille genießen. Vor allem wenn eine so einladende Bank vor einem Jagdhaus einen dazu verführt.

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Was wirklich Aufregendes ist mir ja nicht passiert. Aber ich schreibe ja nur aus Neid. Und weil Radfahren immer aufregend ist und darüber zu berichten ebenso. Also, irgendwann war ich oben und dann ging es wieder bergab.

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Wieder unten, zurück in der Zivilisation, habe ich dann noch mein traumhaftes Fahrrad gewaschen und mich dabei fotografiert. Damit ich noch ein bisschen mehr zu schreiben und zu zeigen habe.

Zum Schluss wünsche ich mir genau in einem Jahr um 450 Kilometer mehr erzählen zu können! Na dann, auf ein fahrradreiches Jahr 2017!


Zwei Männer. Vier Länder.

Zwei Männer. Vier Länder.

Grenzenlos glücklich. Auf unseren Rennrädern. Der Pasi und ich. Obwohl, eine Fahrt mit einigen Grenzerfahrungen. Weil, wer von Österreich nach Slowenien, dann nach Kroatien, zurück nach Slowenien und über Ungarn wieder nach Österreich radelt, der überquert zwangsläufig Grenzen. Und wer das an einem Tag macht, der lernt noch so manch andere Grenze kennen. Ein Grenzerfahrungsbericht.

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Aber ganz zu Beginn, in aller Früh, waren da nur der Treffpunkt in Graz und vier motivierte Waden. Die dann gleich ordentlich in die Pedale traten. Richtung Süden die Mur entlang sausten und dann vergeblich nach Hühnern am Hühnerberg Ausschau hielten. Auch keine Trauben am Traubenberg bei Pirching fanden. Dafür ein geschlossenes Kaufhaus in St. Peter am Ottersbach entdeckten. Immerhin. Und in Mureck wartete nicht nur schon wieder die Mur auf uns, sondern auch der erste Grenzübergang.

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Dahinter begrüßte uns das nette Slowenien mit 20% Steigung. Das Hinauffahren nur, weil der Pasi gerne Höhenmeter sammelt und oben das malerische Weindorf Sveta Ana liegt. Dort gibt es sicher leckeren Wein, mit Sicherheit kann ich aber nur von der fantastischen Aussicht berichten. Eine Aussicht auf die vielen kleinen Hügel bzw. in Pasis Augen: Höhenmeter!

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Schon schön. Slowenien. Schon schnell. Waren wir. Bei der Grenze zu Kroatien. Schon unheimlich der ganze Stacheldraht und die hohen Zäune. 21. Jahrhundert? Fühlte sich eher historisch an, das ganze Eisen und der Mauerbau. Da schaut man dann gerne einmal im Wörterbuch nach, was Union eigentlich bedeutet. Weil von Einheit oder Vereinigung ist dort wenig zu spüren.

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Bei Kilometer 140 trafen wir zum wiederholten Male auf die Mur. Auch diesmal in der Funktion eines Grenzflusses. Und waren wieder in Slowenien. Um in Lendava ein paar Runden auf einem Pumptrack zu drehen. Ein hügeliger Rundkurs bei dem es möglich ist nur durch Pumpbewegungen der Arme Fahrt aufzunehmen. Während Pasi dort ein paar Höhenmeter sammeln konnte, stellte ich stürzender Weise fest, so eine Strecke das nächste Mal mit einem geeigneteren Fahrrad zu befahren.

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Hinter der nächsten Grenze lag Magyarország. Ja genau, Ungarn. Auf den Straßen quer durch den höhenmeterarmen Örség-Nationalpark folgerten wir aus der ungarischen Straßenbauweise, eine scheinbar seltsame Abneigung der Ungarn gegen Kurven. Das spürten wir nach 200 Kilometern auf besondere Weise: Wenn die Straße nicht aufhören will und gleichzeitig die Landschaft da wie dort gleich aussieht, kann das durchaus eine gewisse Grenze in Erfahrung bringen.

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Motivation. Das ist dann gefragt. Also nette Gespräche. Zum Beispiel über Radfahren, Räder, zukünftige Touren. Oder leere Wasserflaschen in Kombination mit der Kilometerangabe bis zum nächsten Ort. Oder der Gedanke an die heiße Dusche daheim. Oder einfach nur ein Sonnenuntergang.

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Noch bevor die Nacht uns mit ihrer kühlen Dunkelheit einhüllte waren wir noch lange nicht zu Hause, dafür passierten wir die vorerst letzte Grenze. Zurück in Österreich könnte man aus Ungarn kommend das Burgenland als bergig beschreiben. Das freute natürlich den Pasi. Weil mit bergig auch immer Höhenmeter und so. Was den Pasi weniger freute, waren die leeren Batterien seiner Fahrradlampe. Und das 70 Kilometer von der heißen Dusche entfernt.

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Abenteuerlich. So im Dunkeln ohne Licht. Aber sonst hat man ja später nix zum Erzählen. Gerettet bzw. erleuchtet haben uns dann mein Nabendynamo und SON-Scheinwerfer. Die produzieren Licht auch für zwei Fahrräder. Und so kann man auch das eine oder andere Reh rechtzeitig erkennen und bremsen. Oder erst gar nicht bemerken. Weil da war es dann schon ganz schön spät. Und wir müde. Aber richtig dankbar. Es war wieder eine perfekte Ausfahrt. Mehr davon. Jawohl!