Mal wieder nach Franken / München – Unfinden

Mal wieder nach Franken / München – Unfinden

Eigentlich war das so nicht geplant. Aber, wir wissen ja, das Leben kümmert sich wenig um unsere Planungen, auch wenn der Anschein öfter ein anderer ist. Wie dem auch sei, vergangenen Freitag startete ich morgens um 5.30, etwas verspätet, und gar nicht mit der Frische die ich mir vorgestellt hatte, Richtung Norden, ins heimische Franken. Das Thermometer zeigt in der Stadt 11°, außerhalb wird es wohl deutlich frischer sein. Ich wappne mich mit Unterhemd, Gabba, Warnweste, Arm- und Beinlinge. Regenzeugs und Wechseltrikot hängt mit Ersatzschlauch und drei Bananen im Seat Pack am Sattel. Los geht es! Um diese Zeit ist selbst auf der Donnersberger Brücke, eine der meist befahrenen Punkte in der Republik, relativ wenig Verkehr. Über Neuhausen, Dachauer- und Feldmochinger Straße verlasse ich die selbst ernannte »Radlhauptstadt«.


Am Fasaneriesee stapeln sich die »Obikes«, Mieträder eines chinesischen Anbieters, der derzeit Großstädte mit seinen Mieträder überflutet. Es wird feucht und nebelig, die Brille beschlägt. Ein kurzer Verfranser, da ich mich schon hinter der Regattastrecke wähne, die ich aber erst wenige Minuten später erreiche. Die Stadt liegt jetzt hinter mir, es ist frisch, nebelig, der Pendlerverkehr hat zugenommen. Der Speckgürtel erwacht und seine Bewohner strömen aus den Schlafdörfern in die Stadt. Einige werden scheinbar von dumpf-wummernden Bässen angetrieben. Ab Ampermoching wird es langsam ruhiger und es beginnt eine Reihe von kurzen Steigungen und Stichen die schon auf die Region Hallertau weisen, die bald erreicht werden wird. Sonnenaufgang, ein rotglühender Ball leuchtet über taunassen Feldern. Ein schönes Motiv, aber das iPhone dient heute als Navi und ist gut am Aeroaufsatz verzurrt.

Auf kürzeren Strecken war ich schon des Öfteren mit der Komoot-App unterwegs. Sprachansagen und der der grosse Screen des 6s+ sind schon ein toller Komfort, der aber auch mit einem sehr hohen Stromverbrauch bezahlt werden muss. Ich habe deshalb einen leistungsstarken Akku (PowerBank) mit dabei. Mein Garmin 810 läuft nebenbei nur zur Aufzeichnung (hatte nach einer Gesamtzeit von 13 Std.45 min noch 8 % Restenergie) und ist entsprechend sparsam.

Ich erreiche den »Aussenposten« Petershausen. Bis hierhin reicht das S-Bahnnetz des MVV (S2) und jetzt beginnt die Hallertau oder auch Holledau. Hopfen und Malz … Scheyern mit seinem Kloster und der Klosterbrauerei in der seit 1119 Bier gebraut wird. Hopfengärten, Spargel- und Weizenfelder – Pfaffenhofen an der Ilm streife ich nur. Der Schriftsteller Josef Maria Lutz hat hier gelebt. Ob die Jungen noch sein Stück »Der Brandner Kaspar schaut ins Paradies« kennen?

Auf schmalen Strassen und durch kleine Dörfer geht es Richtung Ingolstadt. Bei Pörnbach quere ich die B13 der ich kurz später ab Baar-Ebenhausen bis nach Ingolstadt folge. Der Verkehr ist laut, aber auf dem Radweg neben der Bundesstrasse fahre ich doch recht entspannt. Der Himmel blickt freundlich auf mich herab, aber auf die 21° der Vorhersage muss ich wohl noch etwas warten. Gott mit dir du Land der Bayern – »Unsernherrn« heisst der Ingolstädter Bezirk den ich durchfahre. Es geht immer der Nase nach bis ich nach einem Linksschwenk die Donau erreiche.

Nach Konrad Adenauer ist Brücke benannt über die ich das gepflasterte Stadtzentrum erreiche. An einer Bäckerei verpflege ich mich und fahre schmatzend durch den Hindenburg-Park Richtung Norden. AUDI, AUDI, AUDI – das Betriebsgelände hat gigantische Ausmaße. Die Innenstadt würde, denke ich, mindestens dreimal da reinpassen. Schnell weiter! Etting, Wettstetten einige Höhenmeter stehen an bis ich nach Biberg/Krut die schöne Abfahrt durch das Birktal geniessen kann. Ich gelange nach Kipfenberg und fahre kurz neben der lärmenden A9 rechts und der stillen Altmühl links. Eine Unterführung, ein Brücke über die Altmühl und ich bin in Kinding. Auf einem schmalen Sträßchen, am Hang über der Schwarzach und immer dem Talgrund folgend passiere ich Greding. Die Beine sind gut und was für ein Privileg nicht im Auto auf der A9 unterwegs sein zu müssen.

Der Himmel gibt sich mittlerweile bedeckt. Ich fahre weiterhin so bekleidet wie beim Start und fühle mich recht wohl dabei. Meine Nase läuft und läuft und läuft, es muss also unter 20° haben. Vor Lohen geht es nochmals unter der A9 durch, dann, nach einigen welligen Kilometern darf ich den Solarer Berg runter rauschen. Die Triathleten der Roth Challenge müssen hier hoch, immerhin unter dem frenetischen Jubel der Zuschauer. Solar ist Ortsteil von Hilpoltstein, so bin kurz drauf am Rothsee. Banane, Gel und ein Viertelstündchen ins Gras legen.

Über Polsdorf nach Norden, nochmal kurz an der A9 entlang, führt die Strecke bei Harrlach in den Wald. Als Ausgleich für die A9 gibt es jetzt ein paar Kilometer Stille und GRAVEL. Mit meinem 28 mm 4Season am Hinterrad und dem 25 mm Vorne ist das völlig problemlos zu fahren. Trotzdem spukt natürlich das Gravel-Bike im Kopf herum 😜.

Über Wendelstein / Röthenbach gelange ich nach Nürnberg-Langwasser. Während der ganzen Fahrt hat mich die Navigation mit Sprachansage begeistert und so sehe ich der Durchquerung von Nürnberg entspannt entgegen. Das Garmin hatte mich in Nürnberg mal schier zur Verzweiflung gebracht. Dieses Mal läuft das völlig locker. Am Dutzendteich tanke ich tanke an einer ESSO einen Liter Apfelschorle. Die nette Dame von Komoot lotst mich auf die Erlanger Strasse wo ich bei Tennenlohe ein weiteres Mal die A9 quere.

Auch Erlangen wird zügig durchquert. Auf einer grossen Baustelle durch die ich schieben muss ist schon Feierabend. Da bin aber schon auf der Baiersdorfer Straße und fast aus Erlanger heraus. Zwischen Regnitz und Main-Donau-Kanal geht es mal links mal rechts davon Richtung Bamberg. Jetzt heimelt es schon etwas. In Forchheim noch mal ein Bild auf der Regnitzbrücke.

Ein Bäckereibesuch füllt die Energiereserven auf. Gut 70 fast flache Km sind noch zu bewältigen. Bei Strullendorf überquere ich nochmal den Main-Donau-Kanal und folge ihm in die Welkulturerbestadt Bamberg. Kunigundendamm, Margaretendamm – über die Europabrücke geht es an der Regnitz entlang bis Bischberg. Hier ist der Schulterschluß von Regnitz und Main. Die Regnitz entstanden aus dem Zusammenfluss von Pegnitz und Rednitz bei Fürth verschwindet hier. Ihr Wasser fließt mit dem vom Norden kommenden Main als Main weiter.
Auch bei mir läuft alles noch flüssig und ich freue mich bald am Ziel zu sein. In Viereth treffe ich auf Vater und Sohn die mit MTBs unterwegs sind. Bis Dippach, wo sie zu Hause sind, wird etwas gefachsimpelt. Die letzten Kilometer, Eschenbach, Eltmann, hier wieder auf die nördliche Seite des Main nach Ebelsbach. In Zeil dann nördlich in die Hassberge. Krum, Alterhausen ein letzter moderater Anstieg, dann bin ich hoch über Königsberg/i.Bayern. Weit schweift der Blick über das Hofheimer Becken und seine Dörfer. Da unten, gleich hinter Königsberg liegt schon Unfinden. Eine schnelle Abfahrt, einige Kurven, einige wenige Tritte noch; die nette Dame Komoot sagt: »Du hast dein Ziel erreicht«.

Die PowerBank hat das iPhone zuverlässig mit Strom versorgt. Es war in einem WickedChili Case und mit einem Finn befestigt. Ein Bild liefere ich noch nach.
Fazit: Teilweise ist die Strecke etwas verkehrsreich, wobei man viel »nebendran« auf Radwegen fahren kann. Spaß hat es trotzdem gemacht. Für das nächste Mal habe ich aber schon eine ganz andere Streckenführung im Kopf.

Statistik:
Fahrradweg: 134 km
Zufahrtsweg: < 100 m
Weg: 2,78 km
Nebenstraße: 10,8 km
Straße: 127 km
Bundesstraße: 12,2 km

»Tausend Kilometer Süden« Walter Jungwirth

»Tausend Kilometer Süden« Walter Jungwirth

Der Mille de Sud ist eine der grossen Herausforderungen im Langstreckenbereich und nicht wenige Randonneure träumen davon diese Strecke unter die Räder zu nehmen. Einer der dies schon mehrfach getan hat ist Walter Jungwirth. »Tausend Kilometer Süden«, die erste literarische Beschreibung dieses Monuments, ist kürzlich bei Covadonga erschienen. »Wir werden ja sehen, was da alles auf uns zukommen wird» so beginnt der Prolog dieses bemerkenswerten Erstlings von Walter Jungwirth. Vom Startort Carcès in der Provence, die französische Riviera, führt die Strecke ins italienische Ligurien. Über den Col Agnel, mit seinen 2.744 m das Dach dieser Tour, geht es zurück nach Frankreich und in einer Schleife zum Ausgangsort. 1000 Km, 16.000 Hm in 75 Stunden – die Randonneure sitzen am Vortag der Prüfung zusammen im Cafés Le Centre und stimmen sich mit diversen Anektoden auf das bevorstehende Ereignis ein, noch frohen Mutes, den bereits bestandenen Prüfungen eine Neue hinzufügen zu können. Vor allem der Col Agnel beflügelt die Gemüter, einer der höchsten asphaltierten Pässe der Alpen, den die Teilnehmer erreichen, wenn sie schon rund 600 Km in den Beinen haben.

Der Autor ist schon beim Prolog in guter Form, im Rhythmus. Es ist der Ausgangspunkt für ein wunderbares Geflecht aus Sätzen, Absätzen und Kapiteln, die den Leser mit ins Abenteuer nehmen. Fein verwobene detaillierte Betrachtungen: südliche Landschaften, schroffe Anstiege, Dörfer und Städtchen, Trubel und Verkehr, Gemeinsamkeit mit Gleichgesinnten und einsames Leiden, Demut und Hoffnung. Der Randonneur verliert schon mal den Rhythmus, der Schriftsteller jedoch nie.

Es gibt hier keinen Rhythmus mehr im Treten, nur ein Reißen und Pressen. Solange es geht fährt man im Stehen, dann wieder lässt man sich in den Sattel zurücksinken, und die Schmerzen am Gesäß, die schon am Vormittag aufgetreten sind, weren wieder wachgerufen. Aber diese Schmerzen, die dem Körper entspringen, sind nur nachgeordnet: Was wirklich weh tut, ist der Eindruck, auf der Stelle zu treten, die Ohnmacht, die einen überfällt und rasend macht.

Es ist erstaunlich dass Walter Jungwirth, trotz der enormen körperlichen Belastung und Erschöpfung, sich seine Empfindsamkeit erhält, und so viele Eindrücke und Wahrnehmungen in seinen Text einfliessen können. Es müssen die unzähligen Kilometer zu sein, die Jungwirth im Laufe seiner Randonneursjahre auf schmalen Reifen bewältigt hat, die ihn dazu befähigen.
Im Kapitel »Wie komme ich eigentlich hierher?« kehrt er zurück in seine Vergangenheit und schildert auf eine sehr ehrliche Weise, wie er zum Fahrrad kam und die Freiheit auf zwei Rädern erlangt hat.

Die Anstiege der Seealpen, Lance Armstrongs Hausberg, der Verkehr an der Riviera, Geheimkontrollen, der Col Agnel und Urschreie gegen die Müdigkeit. Am Ende kommen von einundvierzig Teilnehmern dreiundzwanzig innerhalb des Zeitlimits ins Ziel. Den Zielstempel vergleicht der Autor mit einer schmerzstillenden und kreislaufstabilisierenden Wirkung und das wird wohl auch nötig sein. Der letzte Satz lautet:

Aber so ist das eben: Der Mille du Sud geht nicht ohne Schmerzen ab, das kann ich versichern.

Kauft das Buch, meiner Meinung nach hat es hat das Zeug zu einem Klassiker.

hier noch ein kleines Video von Walter Jungwirth

[vimeo 147689276 w=780 h=439]

Mille du Sud 2015 from viavelo on Vimeo.

Walter Jungwirth schreibt auf seiner vielbesuchten Webseite »viavelo« schon seit vielen Jahren über seine Radfahrlebnisse. Er organisiert mit Urban Hilpert die Brevets des ARA Breisgau.


»Rad und Raus« Gunnar Fehlau

»Rad und Raus« Gunnar Fehlau

Was soll das Besteck auf dem Bild? Das ist doch kein Kochbuch, oder? Natürlich nicht, auch wenn der Biker auf dem Titel am Lagerfeuer sitzt und sicherlich nicht seine Socken trocknet. Aber wie beim Kochen geht es auch hier um den Genuss und der Autor möchte mit »Rad und Raus« das Wissen vermitteln, das Radfahrer/innen benötigen, um ihre Leidenschaft mit einer Portion Abenteuer zu garnieren.

Das kleine Format des Büchleins, ich wähle die Verniedlichung, täuscht. Der Untertitel »Alles für Microadventure und Bikepacking« ist durchaus wörtlich zu nehmen. Auf knapp 160 Seiten gibt es keinen Aspekt zur Thematik der nicht angesprochen wird. Die Texte werden unterstützt durch eine informative Bebilderung. Format und flexibler Schutzumschlag machen den Ratgeber outdoor-tauglich.
Bikepacking, das Radwandern mit möglichst gewichtsoptimierten und reduziertem Equipment, mit speziellen, an Rahmen, Lenker und Sattelstütze angebrachten Taschen ist seit einiger Zeit nun auch vollends in der alten Welt angekommen. Untrügliches Zeichen ist, dass der Platzhirsch der Fahrradtaschenproduzenten nun ebenfalls eine Bikebag-Serie anbietet. Das Übernachten, ein Overnighter, am Busen der Natur, der Ausbruch aus jeglicher Routine, ist für so manchen zur Erholung pur geworden und solch ein Erlebnis gibt es gleich um die Ecke. Für ein Miniabenteuer, oder Microadventure, braucht es nicht viel. Ein möglichst geländegängiges Rad, je nach Ziel und Dauer eine adäquate Ausrüstung, eine entspannte Haltung und schon kann es losgehen. »Es geht um das Erlebnis, nicht ums Ergebnis« propagiert der Autor und weiß, dass ein Overnighter bei moderaten Bedingungen auch mit einer einfachen Ausrüstung gelingt.

»Rad und Raus« beinhaltet eine umfangreiche »Warenkunde« und dank seines grossen Erfahrungsschatzes kann Gunnar Fehlau dem Leser zahlreiche Kniffe und Tricks für die Planung und Durchführung einer Bikepacking-Tour mitgeben. Rechtslage, Wetter, Kochen, Hygiene, Textilien, Technik, Navigation, First Aid, Ausrüstungslisten, bis hin zu Touren bei extremen Bedingungen (im Winter unterwegs). Der Inhalt der Fibel ist akribisch zusammengetragen und ist für Einsteiger/innen eine empfehlenswerte Lektüre. Wer schon Erfahrungen gesammelt hat, mit Draußen schlafen, sei es bei Wander-, Berg- oder normalen Radtouren wird sich, alle Akribie in Ehren, bei manchen Punkten doch etwas zu sehr »an die Hand genommen« fühlen. Auf etliche Selbstverständlichkeiten, wie das Checken des Schlafplatzes auf Scherben, spitze Steine oder Verschmutzung, um ein Beispiel zu nennen, muss man wohl nicht explizit hinweisen. Dennoch wird auch die/der Erfahrene bei der Fülle der Tipps noch das Eine oder Andere mitnehmen können.

Dem Vorwort, des von mir geschätzten Wigald Boning, sollte man in einer Hinsicht nicht glauben, denn er räumt »den lieben Artgenossen« nur ein halbes Dutzend Jahre ein um ihr Leben zu gestalten. Sicherlich ein Satzfehler, Jahrzehnte hört sich doch schon besser an. Völlig richtig liegt er mit seinen Behauptungen über den Autor, als ausgewiesenen Fachmann in allen Fragen ums Zweirad, Zelt und zeltlosem Freizeitspaß.

Gunnar Fehlau ist Leiter des Pressedienstes Fahrrad pd-f, ein sehr erfahrener Randonneur mit Teilnahmen an den grossen Langstreckenfahrten wie Paris – Brest – Paris oder Trondheim – Oslo. Er hat als Initiator der Grenzsteintrophy, einer Selbstversorgerfahrt entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, das Bikepacking in Deutschland bekannt gemacht. Seine neueste Idee, der CANDY B GRAVELLER, feiert dieses Jahr seine Premiere. Die Graveltour, von Frankfurt nach Berlin, orientiert sich an der Route der Rosinenbomber, die Ende der vierziger Jahre über eine Luftbrücke das eingeschlossene Berlin versorgten. Sein Journal »fahrstil« ist eine Plattform für Fahrradkultur, nicht zu vergessen das Blog »Overnighter«. Der Mann ist Fahrrad.
Rad und Raus, ist sein achtes Buch und bei Delius Klasing erschienen.