Raceday No. 46 – Vulkanbike MTB-Halbmarathon

Raceday No. 46 – Vulkanbike MTB-Halbmarathon

Wenn ich die Matschkruste vom Garmin abwische, kann ich für einen kurzen Moment sehen, wie weit wir schon gekommen sind – aber nur so lange, bis neue braune Spritzer die Sicht versperren. 35 Kilometer. Wenn ich mich für die kurze Distanz entschieden hätte, wäre ich jetzt im Ziel. Hab ich aber nicht. Bin ich also nicht. Als ich vor fünf Wochen eine Probefahrt auf dem Mountainbike gedreht habe und es leihweise mit nach Hause nehmen durfte, habe ich beschlossen, dass 35 Kilometer keine Herausforderung sind, die mich reizt. Jetzt habe ich den Salat: 65 Kilometer, 1300 Höhenmeter. In der Eifel. Bei Regen. Selbst Schuld.


Ich versuche, irgendwo den Galgenhumor wieder zu finden, aber ich weiß langsam nicht mehr, wo ich noch suchen soll. Von Anfang an keine guten Beine, bergauf heißt es also nur irgendwie überstehen. Das habe ich mir selbst eingebrockt, schließlich musste ich die Woche ja unbedingt schon ein Kriterium und ein kleines Cyclocross-Rennen fahren. Bergab kommt die Angst dazu: Ich bin noch nie bei solchen nassen Bedingungen gefahren. Ich vertraue den Bremsen nicht, dem Grip im Schlamm schon gar nicht, fürchte möglicherweise plötzlich auftauchende Wurzeln, Steine oder ganze Bäume. Und ich bin nass. Bei jedem Aufstehen spüre ich, wie ein kaltes Rinnsal an mir herunterläuft und es sich im Polster bequem macht. Widerwillig setze ich mich zurück in die eiskalte Badewanne, die einmal meine Hose war. Zum Glück habe ich mich für die Neopren-Überschuhe entschieden, die immerhin das Gröbste von den Füßen fernhalten. Kalt und nass sind sie trotzdem. Die Handschuhe werden mit der Nässe immer rutschiger. Meine Brille liegt irgendwo in der ersten Abfahrt, stattdessen habe ich jetzt Dreck und eine Fliege im Auge.

Mein Hintern schläft ein. Da ist irgendwas taub geworden und das fühlt sich nicht gut an. Der Matsch ist magnetisch und hält mein Rad und mich am Boden fest. Es geht bergauf, die Beine wollen nicht mehr, die Lunge auch nicht, der Kopf schon längst nicht mehr. Wieder wische ich das Garmin frei. 40 Kilometer. Ich will nicht mehr, kann nicht mehr. Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wie zur Hölle ich noch verdammte 25 Kilometer mit wer weiß wie vielen Höhenmetern schaffen soll. Ich weiß es einfach nicht. Die Stimmung ist ganz kurz vorm endgültigen Kippen – und zwar in keine schöne Richtung. Nichts möchte ich lieber als das Rad hinschmeißen, mich daneben auf die Wiese setzen und keinen Meter mehr weiterfahren. Die Zeit anhalten. Sitzen bleiben oder hinlegen, einfach nur abwarten und nichts mehr tun. Das wäre schön. Mir ist alles so egal. Es fehlt nicht viel, aber ich kann das nicht bringen. Ansgar ist direkt hinter mir, ich weiß nicht, wie er das aushält, in diesem nicht vorhandenen Tempo hier den Berg rauf zu kriechen. Wahrscheinlich entdeckt er gerade eine neue Art von Langsamkeit. Vielleicht meditiert er. Vielleicht löst er nebenbei komplizierte Mathe-Aufgaben. Vielleicht schreibt er auch schon mal gedanklich einen Artikel vor. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich mir jetzt hier nicht die Blöße geben und mich wie ein trotziges Kind heulend auf den Boden werfen kann.

Der zweite Verpflegungspunkt rettet mich. Anhalten, endlich ein Grund zum Anhalten. Ich will alles. Neues Iso für den Matschhaufen, unter dem sich meine Trinkflasche verbirgt, Banane, Cola. Kurz mal stehen bleiben, die Tränen runterschlucken, durchatmen. Und dann irgendwann weiter. Zu Fuß, weil ich an diesem Anstieg unter gar keinen Umständen wieder anfahren kann. Ich rede mir ein, dass die Cola mich ins Ziel bringen wird. Ich sage es laut, damit ich es selbst glaube. Trag mich ins Ziel, Cola! Noch 25 Kilometer. Wer weiß, was die noch so Schönes bereithalten.
Eine Abfahrt zum Beispiel. Und als ob mir die Tatsache, dass es bergab geht, nicht allein schon hektische Stressflecken ins Gesicht treiben würde, hat diese hier auch noch eine Mischung aus Matsche, Wurzeln, Kurven und Bäumen zu bieten. Ich will da nicht runter. Aber ich muss. Ansgar fährt vor. Ich verliere ihn schnell aus den Augen, suche mir meinen eigenen Weg. Für meine Begriffe ist das hier ganz schön steil. Und rutschig. Geradezu halsbrecherisch. Auf wundersame Weise bringe ich es irgendwie fertig, im Ganzen inklusive Rad unten anzukommen, wo Ansgar auf mich wartet. Ich beschwere mich über die Abfahrt. Er lobt mich, wie gut ich sie gemeistert habe. Vor Schreck falle ich in der Kurve um.

Scheißdreck. Ich würde gerne darüber lachen können, dass ich eine schwierige Abfahrt schaffe, nur um danach wie zum ersten Mal mit Klickpedalen an der Ampel umzukippen, aber ich bin nicht mehr zu Scherzen aufgelegt. Also schon wieder Tränen. Ellenbogen und Knie schmerzen. Jemand hält an und fragt, ob wir Hilfe brauchen. Naja, ein Taxi ins Ziel wäre fein. Nein, keine Hilfe. Ich kündige an, dass ich weiterfahren kann, aber nochmal kurz atmen muss. Beruhig dich. Es geht weiter, zum Glück ist der Weg nicht mehr so anspruchsvoll. Als Ansgar mich kurz wegen einer Pinkelpause allein lässt, kommt der Kloß im Hals zurück. Nicht weil ich alleine bin, zur Abwechslung stresst die Strecke mich gerade wirklich mal nicht, sondern weil ich mir das anders vorgestellt habe. In der kurzen Zeit habe ich in den letzten Wochen das Mountainbiken liebgewonnen, hübsche Unterschiede zum Cyclocross entdeckt und angefangen, eine komplett neue Radsport-Welt ins Herz zu schließen. Und jetzt vergieße ich bittere Tränen, weil mir der Spaß abhanden gekommen ist. Weil mich unter Druck setzt, dass mich alle, aber auch alle überholen. Bergauf, bergab, auf flacher Strecke. Weil es mich danach genauso beunruhigt, dass niemand mehr in unserer Nähe ist. Sind wir die letzten? Weil meine Beine und ich heute keinen Berg mehr hoch wollen. Weil ich in fast jeder Abfahrt Angst habe.

Ich muss aufhören. Aufhören zu heulen und das irgendwie zu Ende bringen. Wenn Ansgar gleich zurück kommt und ich immer noch so aufgelöst bin, wird der arme Kerl ja gar nicht wissen, was er noch mit mir machen soll. Also Zähne zusammenbeißen jetzt. Doofe Mantras aufsagen. Es geht, so schnell es geht und es dauert, so lange es eben dauert.

Bei einer wirklich furchteinflößenden Abfahrt empfehlen die Jungs von der Feuerwehr den Chickenway. Ich hake nochmal nach, ob die Abkürzung wirklich erlaubt ist und muss dann keine Sekunde mehr überlegen. Wenn die Streckenposten das Stück schon als “ziemlich heikel” ankündigen, bin ich der letzte Mensch, der da runter fahren wird. Nur noch zehn Kilometer. Das könnte also doch noch was werden mit der Ankunft im Ziel. Der letzte richtige Anstieg wartet bei Kilometer 53,5: Er ist 1,2 Kilometer lang und hat 10 % Steigung. Also genau das richtige zu diesem Zeitpunkt. Ich habe nicht mehr die Beine und nicht mehr den Biss, hier irgendwie hoch zu kurbeln. Also gehe ich zu Fuß. Konditionell kommt das von der Anstrengung her ungefähr aufs Gleiche raus, aber die Beine kommen auf Laufen besser klar. Mir ist nichts mehr peinlich. Selbst hier hoch wandern ist anstrengend, aber fühlt sich nicht mal so wahnsinnig nach Versagen an, sondern nur wie der Versuch, irgendwie diese verdammte Ziellinie zu erreichen. Die folgende Abfahrt führt über eine steile, rutschige Wiese mit Kurve. Ich klicke auf einer Seite aus und balanciere wie ein Seiltänzer über dem Abgrund. Nur eben ohne Eleganz.

Die Strecke führt noch einmal an einem der Maare vorbei und dafür liebe ich diese Vulkanbike-Geschichte wirklich. Sofern man Zeit zum Gucken hat, ist der Ausblick unheimlich schön. Ich genieße die spärlich gesäten Momente, die mich nicht stressen, die einfach schön sind. In denen man die Konzentration nicht bei 150 % oben halten muss, sondern mal kurz atmen und sich umsehen kann. Der Blick auf das strahlend blaue Wasser, das wunderschön und zugleich ein bisschen gruselig ist und mich an Top Of The Lake denken lässt. Der märchenhafte Tunnel aus Bäumen, den die Sonne hellgrün leuchten lässt. Die Ponys am Streckenrand, die ungerührt weiter grasen und denen es scheißegal ist, ob hier gerade hunderte Radfahrer vorbei kommen oder nicht. Die kleinen Bäche und Teiche, einsame Hütten und Bänke, die dazu einladen, sich niederzulassen und eine Brotzeit zu zelebrieren. Ja, es ist wirklich wunderschön rund um Daun. Man kann hier bestimmt super mountainbiken und nen tollen Tag haben. Bei schönem Wetter. Ohne einen Beinahe-Herzstillstand nach dem anderen.

Mein Lichtblick ist ein Radweg, den Ansgar mir schon vor einigen Kilometern angekündigt hat. Schon seit einer Weile freue ich mich über jedes noch so kurze Stück Asphalt, weil die technischen Herausforderungen dabei gleich Null sind, weil der Kopf entspannen kann, weil es hier einfach rollt. Jeder normale Mountainbiker schläft wahrscheinlich vor Langeweile ein, aber ich sehne das bekannte Terrain herbei. Der Radweg ist fantastisch. Obwohl es ziemlich spaßbefreit ist, mit einem MTB auf Asphalt zu versuchen, schnell zu fahren, freue mich wie ein Kind an Weihnachten. Ist das schön! Oh, wie sehr ich diesen Radweg liebe. Bei knapp 40 km/h und mit Wind im Gesicht fühle ich mich endlich wieder zuhause. Das Herz schlägt stärker für die Straße. Noch.

Der letzte Anstieg mit 8 % nervt nochmal, aber er ist kurz und das Ziel ist nah. Diese beschissene Ziellinie. Vor ein paar Stunden hätte ich wirklich nicht gedacht, dass ich sie aus eigener Kraft erreichen würde. Dummerweise ist es ja genau das, was uns immer wieder diese bekloppten Sachen machen lässt.

Ansgar entdeckt Denise und Christian am Rand, diese fantastischen Menschen, die nicht nur mit mir hier hin gefahren sind, sondern die mich sogar gefahren haben, damit ich im Auto noch dösen konnte. Die den halben Tag im Regen an der Strecke verbracht haben, um mich matschiges Etwas viereinhalb Stunden später wieder in die Arme zu schließen. Die Triathlon-Gang kann auch MTB – danke dafür!

Ein riesiges Dankeschön geht auch von Herzen an das Coffee & Chainrings Team, das mir diesen Floh ins Ohr gesetzt hat. Ohne die Großzügigkeit und das Vertrauen von Markus wäre mein Start nicht möglich gewesen – denn dann hätte ich nämlich nicht nur 1,5 Kilometer laufen müssen, sondern die komplette Strecke. Danke für die Fahrrad-Leihgabe und das unermüdliche Bestärken, dass ich das kann. Gleiches gilt für Daniel: Danke fürs Zeit Nehmen und Motivieren. Tim, auch wenn deine Pläne manchmal vielleicht utopisch sind, hast du mir trotzdem Mut gemacht. Ansgar, ich habe es schon während unserer Reise oft genug festgestellt: Ohne dich wäre das extrem schwierig bis unmöglich geworden. Danke für deine Begleitung und fürs ins Ziel Schleppen! Das hast du ziemlich gut hingekriegt!

Und bevor sich das jetzt in Richtung Oscar-Rede abdriftet: Ist ja schon gut, ich verspreche euch, ich mach das nochmal!

Die Ergebnisse findet ihr übrigens hier bei Coffee & Chainrings.

P.S. Wer aufgepasst hat, wundert sich vielleicht über Raceday No. 46, weil der letzte Artikel über die Cyclassics die 43 hat. Das liegt daran, dass No. 44 das Wappen von Pulheim und No. 45 die Cyclingworld Cyclocross Challenge ist – auch wenn die keine eigenen Artikel bekommen haben, will ich mal in alter Frank-Turner-Manier richtig weiter zählen.

P.P.S. Wahrscheinlich ahnt ihr es schon, alle Bilder stammen vom großartigen Christian Siedler. Danke!

Raceday No. 42 + 43 – Rad Race Battle + Cyclassics Hamburg 2017

Raceday No. 42 + 43 – Rad Race Battle + Cyclassics Hamburg 2017

„Alter Schwede, manche studieren Philosophie, du fährst stattdessen Rad.“ Kommt am Ende was Ähnliches bei raus, wie meine Freundin Steffi treffsicher feststellt. 120 Kilometer bieten aber auch verdammt viel Zeit, über dies, das und jeden Baum am Straßenrand nachzudenken. Gibt es eigentlich Leute, die den Kopf einfach ausschalten und Rennen fahren? Ich weiß auch nicht, was da zwischen meinen Ohren los ist, auf jeden Fall hat Hamburg für mich den einen oder anderen Erkenntnisgewinn und ein paar Tränchen bereit gehalten.

Foto: Getty Images for CYCLASSICS

Gelernt auf der 120er-Cyclassics-Runde:
1. Ältere Männer stellen die größte Menge der Teilnehmer. Sie heißen Hans-Dieter, Hans Georg, Hans Heinrich, Hans-Jürgen und Hanswalter (ja, ein Wort!). 

2. Ein Rennen über 120 Kilometer sollte man anders angehen als ein 25 Kilometer Kriterium. Pro Tipp: Nicht direkt zu Beginn mit dem Puls am Anschlag.
3. Die Köhlbrandbrücke ist überhaupt gar kein bisschen schlimm, sondern wunderwunderwunderschön. Und der Ausblick erst.
4. Wenn du keine Gruppe hast, hast du keine Gruppe.
5. Du hast den Bezug zur Realität noch nicht komplett verloren, wenn dir beim Kilometer rückwärts zählen noch auffällt, wie absurd es ist, sich über „Nur noch 70 Kilometer!“ zu freuen.
6. Es gibt sehr große Menschen, die sehr große Rahmen fahren. Extrem große Rahmen. So groß, dass nicht etwa der Hintern oder untere Rücken des Fahrers auf Augenhöhe ist, wenn man direkt dahinter fährt, sondern die Sattelstütze. Im Ernst. Faszinierend. Wenn das Tempo nicht passt, muss man aber leider auch den größten Windschattenspender zurücklassen.
7. Klammere dich in den Hügeln nicht einzig und allein an den Gedanken, dass die letzten 40 Kilometer flach nach Hause führen, denn dann hast du die Rechnung ohne den Wind aus der Hölle gemacht.

Foto: Getty Images for CYCLASSICS

8. Auf 15 Kilometern geradeaus neben dem Deich kann der Wind von vorne, von der Seite, von oben und von unten kommen. Aber niemals von hinten. 

9. Ein Stück Heimat kann dir in jeder Situation den Arsch retten. Wenn bei Kilometer 110 jemand im Cycling Club Düsseldorf Trikot vorbei zieht, während du auf dem Zahnfleisch gehst, dann musst du dranbleiben, dich beschweren, ihn noch nie zuhause gesehen zu haben und diese Begegnung so enorm feiern, dass sie den Gegenwind auf den letzten zehn Kilometern fast vergessen lässt. Fast. 

10. Wenn das Hafenmanagement HPA per LED-Anzeigetafel allen Teilnehmern der Cyclassics viel Erfolg wünscht, ist das eine gute Gelegenheit, sich den Kopf über Erfolg zu zerbrechen. Können alle Erfolg haben? Müssen nicht einige scheitern, damit andere erfolgreich sind? Sorgen nicht erst die hinteren Plätze in der Ergebnisliste dafür, dass die vorderen gut aussehen? Ist Erfolg überhaupt das Gleiche wie gewinnen? Habe ich nicht auch Erfolg, wenn ich mein eigenes Ziel erreiche, vollkommen unabhängig davon, was die anderen machen? Ist es nicht auch Erfolg, mit einem bestimmten Gefühl die Ziellinie zu überqueren?

Foto: Getty Images for CYCLASSICS

Während mir klar wird, was Erfolg für mich bedeutet, setzt sich ohne Vorwarnung Marcus Wiebusch‘ unverkennbare Stimme mit „48 Stunden“ in meinem Ohr fest und geht da erst mal nicht mehr weg.

Mach immer was dein Herz dir sagt
immer was dein Herz dir sagt
mach immer was dein Herz dir sagt
und begrab‘ es an der Biegung des Flusses  

Mach immer was dein Herz dir sagt
Da muss viel mehr Weisheit in mich rein
ich weiß genau dein Herz ist gut
und weiß ganz genau meins wird zu Stein 

Vielleicht ist der Song alles andere als positiv und motivierend, ziemlich sicher hat er auch rein gar nichts mit Sport zu tun. Vielleicht habe ich aber erst vor zwei Tagen beim 15 Jahre Grand Hotel van Cleef Festival Kettcar in Hamburg gesehen (was an sich schon eine famose Kombination ist), und vielleicht sind es aus irgendeinem Grund genau diese hartnäckigen Zeilen, die mich dranbleiben lassen. Der Kopf sieht schon längst keinen Sinn mehr darin, zu kämpfen, der Körper wüsste gerade auch tausend Sachen, die er lieber machen würde als radfahren, aber das Herz will weitermachen. Scheiß auf die Krämpfe im Oberschenkel, auf die Sitzprobleme, auf all den Wind, auf die nicht vorhandene Gruppe. Fahr so gut du kannst. Mach immer, was dein Herz dir sagt.

Fotos vom Rad Race: Christian Siedler

Zurück zum Erfolgsthema, Überleitung zum Rad Race Battle am Samstag. 190 Meter Sprint. Ich scheide schon in der ersten Runde aus – und zwar mit einem gigantischen Rückstand, von dem mir gar nicht bewusst war, den auf einer so kurzen Strecke sammeln zu können. Das ist wohl Pech bei der Auslosung, wenn man schon in der ersten Runde gegen die später Drittplatzierte ran muss, aber: ansonsten wäre halt in der zweiten Runde Schluss gewesen. Was viel wichtiger ist: Der ganze Quatsch macht trotzdem Spaß. Beim Rad Race sind die Leute cool, du gehst einfach hin, hängst dein Rad auf, stellst dich irgendwo dazu und kommst ins Gespräch. Tatsächlich hat mein Bericht aus dem letzten Jahr wohl die eine oder andere Teilnehmerin motiviert, sich selbst an den Start zu stellen – das ist ein sehr, sehr schönes Gefühl!

Foto: Christian Siedler

Zahlen und Ziele für die Cyclassics: Ich wollte die 120 Kilometer gern in 3:25 Stunden fahren, 35er Schnitt. Das hat nicht geklappt. Gründe stehen oben viele und ich habe eine Weile gebraucht um mich damit abzufinden, dass ich nicht alles in der Hand habe. Ich kann mein Training, meine mentale Verfassung und meine Verpflegung beeinflussen, natürlich drei extrem wichtige Faktoren. Die äußeren Bedingungen kann ich mir jedoch nicht aussuchen – und obwohl ich Wind eigentlich echt gerne mag, hätte ich mir für Sonntag lieber etwas weniger gewünscht. Und wenn ein Radrennen ein Wunschkonzert wäre, dann hätte ich nicht nur vereinzelte Mitstreiter, sondern auch die perfekte Gruppe gehabt, nicht zu schnell und nicht zu langsam, mit der ich bis ins Ziel gerauscht wäre. Isset aber nich. Dass mein Ziel nicht zu hoch gesteckt war, zeigt mir allerdings das Ergebnis.

Vielen Dank für das Foto an den wunderbaren Erik, dem ich gleich zweimal zufällig über den Weg gelaufen bin. Er ist einer der vielen Helfer, die Startunterlagen verteilt, Beutel entgegen genommen und Medaillen umgehängt haben. Danke! 

Herausgekommen sind 3:33 Stunden, 33,8 km/h. Platz 79 von 480 gesamt und Platz 15 von 68 in der Altersklasse. Fühlt sich nicht wie Erfolg an, ist es aber irgendwie doch. Ich bin mit 120 Kilometern meine bisher längste Strecke am Stück geradelt. Ich wollte oben auf der Köhlbrandbrücke die Welt umarmen, oder zumindest Hamburg. Ich habe beim Start morgens um 8 im kühlen, aber sonnigen Hamburg gefühlt, gedacht und gesagt, dass es nichts gibt, was ich gerade lieber machen würde. Deshalb: Mach immer, was dein Herz dir sagt.

Foto: Getty Images for CYCLASSICS

Mehr von Christians Fotos vom Rad Race Battle gibt es hier. Unbedingt reinschauen!

Wie geht’s weiter mit der Saison 2017? Nun, das Herz sagt natürlich Radfahren. Und deshalb freue ich mich sehr auf den Münsterland Giro am 3. Oktober, weil das Rennen letztes Jahr unheimlich schön war und es dieses Jahr für mich gleich doppelt besonders ist – mehr wird noch nicht verraten. Absolute Empfehlung auf jeden Fall!
Vorher traue ich mich allerdings noch in neues Terrain und fahre am 9. September mein erstes MTB-Rennen beim Vulkanbike in der Eifel. Nachdem die Coffee & Chainrings Bande mir lange genug gut zugeredet hat, freue ich mich auf eine komplett neue Herausforderung und bin gespannt, wie Beine und Kopf auf Höhenmeter und Gelände so klarkommen. Es könnte kaum besser passen, denn am 7. September legt die Cyclingworld ihre Cyclocross Challenge neu auf und so werde ich mit Karlson noch ein bisschen Querfeldein-Rennluft schnuppern – dieses Mal auch ohne Halbmarathon davor. Ich freu mich drauf!

Buchtipp: Rad und Raus – Alles für Microadventure und Bikepacking

Buchtipp: Rad und Raus – Alles für Microadventure und Bikepacking

Ein Buch, das mir erklärt, wie ich Abenteuer mit dem Fahrrad erlebe - nimmt das der ganzen Sache nicht per se schon sämtliche Aufregung? Wie abenteuerlich kann eine Radreise denn sein, wenn man sich vorher gemütlich auf der Couch informiert hat, was eine gute Idee ist, was eine eher schlechte, wie das so funktioniert mit dem Bikepacking und dem Microadventure? Dieses Wort begegnet dem Leser in Gunnar Fehlaus Rad und Raus übrigens ziemlich häufig: Microadventure. Und so unsexy es erscheint, zuerst eine Anleitung zu lesen, um sich dann vorbereitet ins Abenteuer zu stürzen - das Buch schafft es, dass ich am liebsten sofort losradeln möchte. Schon nach der Hälfte bin ich kurz davor, eine superleichte Isomatte und ein winziges Zelt zu erstehen. Zum Glück lese ich erst mal weiter, denn ein Zelt ist für Draußenschläfer gar nicht so die ultimative Empfehlung. Der Grund: Wer sein Zelt einfach irgendwo im Wald aufschlägt, betreibt Wildcamping und das ist verboten. Achja, da war was. Mit einem Tarp, das auch irgendwie so eine Art Dach über dem Kopf ist, aber eben kein Zelt, sieht das ein bisschen anders aus - kein direkter Freifahrtschein, aber immerhin eine rechtliche Grauzone. Davon schon mal etwas gehört zu haben, bevor man munter losradelt, schadet definitiv nicht.


Je länger ich lese, desto stärker manifestiert sich der Gedanke: "Du brauchst gar nichts kaufen, setz dich einfach aufs Rad und fahr los." Denn für die Mini-Radreise mit nur einer Übernachtung (ein weiteres fancy Wort: "Overnighter") braucht es laut Rad und Raus gar nicht viel. Gunnar Fehlau behauptet sogar, dass man das meiste dafür sowieso zuhause hat: Im Keller, auf dem Dachboden, vom letzten Camping oder aus längst vergangenen Pfadfinderzeiten. Bei mir wäre es dann eher die Festivalvergangenheit, die wohl noch noch den einen oder anderen Campingkocher und Schlafsack zurück gelassen hat. Wer sich doch mit dem neuesten heißen Ultralight-Bikepacking-Scheiß ausstatten will, der bekommt im Buch auf jeden Fall die passenden Tipps. Und wer Ausrüstung unbedingt vorher testen möchte, kann das ja mal bei einer Übernachtung auf dem Balkon machen. Weil meine Wohnung damit nicht dienen kann, spiele ich seit geraumer Zeit mit dem Gedanken, eine Nacht im Grafenberger Wald zu verbringen. Zehn Minuten von zuhause entfernt, falls es doch zu abenteuerlich werden sollte.


Bisher bin ich nicht zu meinem ersten Overnighter aufgebrochen. Das liegt aber definitiv nicht an Rad und Raus von Gunnar Fehlau: Das kurzweilige Buch im handlichen Format macht mit teilweise sehr traumhaften Fotos und unzähligen, wahrscheinlich hilfreichen Tipps absolut Lust aufs Fahrrad-Abenteuer. Was mich abhält, ist der zurzeit mit Arbeit, Studium und Training gut durchgetaktete Alltag. Und ein klitzekleines bisschen vielleicht auch die Tatsache, dass ich alleine unter freiem Himmel schlafen nicht nur abenteuerlich, sondern ehrlich gesagt auch ein bisschen gruselig finde. Vielleicht werde ich daher beim ersten Mal doch nicht den nächstbesten Wald, sondern einen sicheren Campingplatz ansteuern. Denn auch das lehrt mich Rad und Raus: Dein Bikepacking-Abenteuer ist genau das, was du daraus machst.

Rad und Raus - Alles für Microadventure und Bikepacking“ (Werbelink) von Gunnar Fehlau ist im Delius Klasing Verlag erschienen und kostet 16,90 Euro. Das Buch hat 160 Seiten mit 160 Farbfotos und passt mit 12,4 x 18,4 Zentimeter in jede Tasche. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.


Raceday No. 41 – Preis von Bochum Wiemelhausen

Raceday No. 41 – Preis von Bochum Wiemelhausen

Im letzten Jahresrückblick hatte ichs angesagt und jetzt kann ich einen Haken dran machen: Podiumsplatz - check! Dieses Mal nicht beim Triathlon, sondern tatsächlich beim Radfahren. Und eigentlich ist das alles gar keine so große Sache, weil beim Preis von Bochum Wiemelhausen nur zwei Frauen am Start waren und ich eben vor der zweiten über die Ziellinie gefahren bin - keine allzu heldenhafte Geschichte. Aber nach dem Reinfall bei meinem ersten Kriterium in Krefeld Bockum freut es mich doch umso mehr. In Krefeld bin ich theoretisch auch erste Frau geworden, der Veranstalter hat aber komplett ignoriert, dass drei Frauen am Start waren. Es gab keine eigene Wertung und auf Nachfrage nur ein Schulterzucken und: "Ihr wart doch im gleichen Rennen." Tjoar, wir hätten ja einfach gegen die Männer gewinnen können. Das hat mich ziemlich geärgert - nicht nur, weil ich gern auf dem Treppchen gestanden hätte, sondern vor allem, weil ich die Anerkennung unserer Leistung genauso vermisst habe wie das Verständnis für die Problematik an sich. Aber es geht auch anders - und deshalb kommt hier der Gegenbeweis.


Die Entscheidung, in Bochum zu starten, ist ziemlich kurzfristig gefallen. Eine gerade erst überstandene Erkältung und ein kleiner Sturz mit dem MTB zwei Tage zuvor haben mich zögern lassen. Hätte ich die Strecke vorher gekannt, hätte ich mir den Start wohl auch nochmal sehr gut durch den Kopf gehen lassen ... 1,3 Kilometer, davon 600 Meter bergab, 500 bergauf und den kurzen Rest flach. Dazu Kopfsteinpflaster, sowohl hoch als auch runter. Könnte einfacher sein. Daniel und Alex vom Cycling Club Düsseldorf sind auch hier, und nachdem wir die Strecke besichtigt haben, wird mir klar, dass das ein einsames Rennen für mich wird. Viel zu selektiv ist der Kurs - und kein Hinterrad der Welt werde ich an diesem fiesen Anstieg halten können.



Zum Glück sind es nur 19,5 Kilometer, 15 Runden. Eine Runde hat 22 Höhenmeter, was schon fast niedlich klingt, in der Realität aber durchaus furchteinflößend aussieht und in der Summe definitiv anstrengend wird. Oh Mann. Warum nochmal? Außer mir ist nur eine andere Frau am Start. Mein Plan lautet daher: Dran bleiben. 200 Meter nach dem Start scheiße ich auf den Plan und beschließe, mir lieber einen kleinen Vorsprung rauszufahren und dann mal weiter zu sehen. Die neue Taktik ist hervorragend. Eine halbe Runde lang. Bis zum Anstieg. Die Abfahrt und den Hügel trennen nämlich drei Kurven bergab - die ersten beiden sind okay, aber die dritte hat fast 180°. Beruhigend, dass genau hier schon ein Krankenwagen hinter der Absperrung bereit steht - ich möchte ihn nicht brauchen. Deshalb leite ich all die schöne Energie aus der Abfahrt in die Bremsen und nicht in den Anstieg - schöne Scheiße.


Beim ersten Mal drücke ich trotzdem aus irgendeinem verrückten Grund viel zu schnell hoch. Noch 14 mal hier rauf? Ohne mich. Und ohne das Tempo. Die Zuschauer oben sind großartig und entschädigen ein kleines bisschen dafür, dass die Steigung nicht bei der Start-/Ziellinie endet, sondern sich noch einige Meter weiter zieht. Endlich oben angekommen ist das Wichtigste: klar kommen. Atmen. Atmen! Wo zur Hölle sind eigentlich die Beine? Nie wieder werde ich aufs große Blatt schalten. Ich eiere einfach im kleinsten Gang um den kompletten Kurs, was solls?!

In der ersten Kurve nach dem Start liegt einer dieser Verkehrsberuhigungshubbel (die Niederländer haben da mit Drempel definitiv das einfachere Wort). Während ich hier in der ersten Runde unsanft hoch gerumpelt bin, versuche ich es dieses Mal mit einem Bunnyhop - elegant ist anders, aber immerhin. Es wird der erste und letzte sein, denn ab Runde drei fehlt mir die Kraft. Für alles. Kurz vor der Abfahrt beschließe ich, dass ein dickerer Gang doch eine Option ist. Das könnte alles so schön sein hier, wenn da nicht dieses Kopfsteinpflaster inklusive Spurrillen wäre. Meine beim MTB-Sturz angeschlagene Schulter findet die Hoppelei ganz und gar nicht witzig, so dass ich den Lenker bergab hauptsächlich mit der anderen Hand festhalte. Könnte echt besser laufen.


Wie kann es sein, dass dieser scheiß Anstieg schon wieder da ist? Hier war ich doch gerade erst! Ich krieche hoch. Irgendwie. Keine Ahnung, wo die Beine heute sind. Auf jeden Fall nicht in Bochum. Der Hügel tut weh, das kurze flache Stück danach tut weh, die Abfahrt ist auch alles andere als Erholung. Nach sechs Runden will ich nicht mehr. Was, wenn ich jetzt einfach aufhöre? Sicherer Podiumsplatz hin oder her, ist ein Rennen mit zwei Fahrerinnen nicht sowieso ein ziemlicher Witz? Was mache ich hier überhaupt? Es war klar, dass es hart wird, das Ganze alleine zu fahren, aber so hart? Ich würde gerne mal einfach nur mitrollen, eine Gruppe finden, irgendein Hinterrad. Da ist aber niemand ähnlich langsam wie ich. Stattdessen überrunden mich ein paar Fahrer, darunter Alex. In der kurvigen Abfahrt findet er die Zeit mir zu zurufen, dass ich gut unterwegs bin. Achja, die Lügen des Ausdauersports. Sie wirken immer.


Als ich mich das nächste Mal mit Hängen und Würgen diesen verdammten Berg hochgekämpft habe, nennt der Kommentator am Start/Ziel gerade meinen Namen und fragt laut, ob es eigentlich eine Frauenwertung gibt. Das frage ich mich auch. Mittlerweile ist auch den Zuschauern mein Leiden nicht entgangen. Gefühlt wird der Applaus dort oben mit jeder Runde stärker. Auch die Streckenposten feuern mich an. Der Kommentator erzählt schon wieder, wie ich heiße, und dass Susanne, die zweite Frau, mir auf den Fersen sei. Oh. Mit leeren Beinen und leerem Kopf komme ich oben an, möchte nie wieder hochschalten und wünsche mir nichts mehr, als dass dieses Flachstück nur ein paar Meter länger wäre. Ist es aber nicht. Es geht schon wieder bergab, und wenn ich irgendwo Zeit rausholen kann, dann ist das definitiv nicht bergauf. Also nix mit rollen lassen, sondern Kette rechts und treten, was geht. Und den Lenker festhalten. So gut wie möglich.




Dann das gleiche Spiel von vorn: In Zeitlupe den Mount Everest hoch fahren und oben die Beine suchen. Jedes Mal, wenn der innere Kampf zwischen aufgeben und durchziehen gerade in Richtung Füße hochnehmen und nur noch langsam rollen tendiert, kommt die Abfahrt und der Gedanke: jetzt oder nie. Entweder zusammenreißen, hier den Vorsprung wieder ausbauen oder gleich überholt werden. Ich werde nicht überholt. Mein Rennen endet nach 12 Runden, 17 Kilometern und 38 Minuten. 27er Schnitt. Klingt peinlich - da bin ich schon im Triathlon deutlich schneller gefahren. Dass der Sieger auch "nur" einen 36er Schnitt gefahren ist, verrät wohl genug über das Profil der Strecke. Meine schnellste Runde lag übrigens bei knapp unter 33 km/h und war - natürlich - die allererste. Laktatdusche olé. Dass ich trotz der enttäuschenden Zahlen alles gegeben habe, wird mir erst nach dem Rennen klar. Während die Jungs schon über Eis und Kuchen philosophieren, will ich nur in den Schatten und darauf warten, dass mir nicht mehr schlecht ist. Selbst die obligatorische Cola, die mir sonst immer den Arsch rettet, ist heute nicht verlockend. Bochum, du warst ganz schön hart. Aber auch ganz schön geil!



Lieber RSV Bochum, danke für eine top organisierte Veranstaltung, für einen tollen Kommentator, großartige Zuschauer und die Selbstverständlichkeit, die Frauen mit aufs Treppchen zu bitten, selbst wenn nur zwei am Start waren. Danke für Urkunde, Medaille und Preisgeld, das mir sogar noch hinterher getragen wurde, weil ich mich über all die Aufmerksamkeiten davor schon genug gefreut hatte. So sollte das sein!

Mittlerweile dürfte der Stil euch bekannt sein - Christian Siedler hat fotografiert. Danke dafür und für die Begleitung!
Inside Tour de France

Inside Tour de France

Ich war beim Grand Départ in Düsseldorf. Natürlich. Tour de France direkt vor der eigenen Haustür, geht es noch besser? Ja. Für Coffee & Chainrings durfte ich bei zwei Etappen in Frankreich ein bisschen hinter die Kulissen der Tour de France schauen. Tissot hatte zur Pressereise geladen und ich musste mich natürlich nicht zwei Mal bitten lassen. Mit Französisch-Kenntnissen, die stark gegen Null tendieren, habe ich mich zwei Tage lang mit Händen, Füßen und einem Herz voller Radsportliebe so durchgeschlagen. Herausgekommen sind zwei Artikel, einige Bilder und eine Unmenge einmaliger Erinnerungen.

Hier geht's zu Bildern und Texten:

Inside Tour de France - Teil 1 - 10. Etappe von Périgueux nach Bergerac

Inside Tour de France - Teil 2 - 11. Etappe von Eymet nach Pau