So wird das Stadtrad Hamburg kinderreundlich

So wird das Stadtrad Hamburg kinderreundlich

Zu Besuch in einer fremden Stadt? Als Tourist? Dann gibt es nichts Besseres als den Ort mit einem Sharing-Leihrad zu erkunden. So lernt man die City besonders intensiv und authentisch kennen. Wer allerdings mit Kindern unterwegs ist, sieht sich bei seinen Mobilitätsmöglichkeiten meist stark eingeschränkt. Viele kurven dann mit dem Auto rum oder nutzen den ÖPNV. Hier und da bietet sich auch ein Lastenrad-Verleih an. Ich sage: Alles unnötig! Mit Fahrrad-Anhänger und einem Call-a-bike lässt sich fast jede Stadt per Leihbike erkunden - samt Nachwuchs. Der Umbau eines Stadtrades ist buchstäblich ein Kinderspiel. Alles was es dazu braucht ist ein 15er Maulschlüssel und eine Kupplung für den Trailer. So geht's:
Oft habe ich mich gefragt, ob ich meinen Kinderanhänger hinter ein Stadtrad hängen kann. Antwort: Ja, das klappt. Ist aber nicht selbstverständlich, da viele Schrauben und Muttern an den Leihbikes mit Spezialteilen gegen Diebstahl gesichert sind. Die hinteren Achsmuttern aber zum Glück nicht.


Und so braucht es keine drei Minuten, bis der Trailer-Adapter am Leihfahrrad verschraubt ist. Einfach linke hintere Radmutter mit dem 15er Maul- oder Ringschlüssel abdrehen, Adapter auf den Achstummel stecken, Mutter wieder festdrehen, fertig. Jetzt lässt sich der Anhänger, in meinem Fall ein Croozer ruckzuck hinters Stadtrad Hamburg hängen. Sogar die Sicherungslasche lässt sich an einem Loch im Hinterbau einhängen - was will man mehr.

Und wie fährt sich das Gespann? Lanngsam, ist doch klar. Denn die die schweren Leihbikes sind alles andere als Rennräder. Aber das macht nichts. Im Gegenteil: Für Ausflüge, Stadtfahrten, Sightseeing sind sie genau richtig. behäbig aber mit guten Geradeauslauf und einem insgesamt sehr stabilen Fahrgefühl geht es vorwärts. Die Zugmaschine hat etwas von einer Lok: träge, aber ausgesprochen spurtreu rollt das Gespann auch über unbefestigte Wege zum Beispiel in Parks.

Der Anhänger ist übrigens die einzige Art, Kinder auf dem Stadtrad zu transportieren. Weder Front- noch hecksitze lassen sich angesichts der eigenwilligen Geometrie des Rades anbringen. Vorn feht der Platz für eine Aufnahme, hinten stört der gewölbte Gepäckträger.

Und die Kosten? Das Ganze ist günstig. Die Tagesmiete für ein Stadtrad kostet in Hamburg zwölf Euro. Das war's.

Einzig den Kupplungsdapter muss man sich kaufen, falls man keinen zweiten hat.

Wer per Bahn fremde Städte erkundet, ist so bestens aufgestellt. Die leihräder sind nämlich auch ideal für den One-Way-Betrieb. Einfach Bike am Bahnhof mieten und an einer der anderen zahlreichen Stationen zurück geben. Gute Fahrt!





Elbstrandweg für alle: Radfahren am Wasser?

Elbstrandweg für alle: Radfahren am Wasser?

Momentan können nur Fatbikes am Elbstrand fahren
Heute fällt die Entscheidung: Kriegt Altona seinen Elbradweg oder nicht? Per Bürgerentsheid dürfen die Bewohner des Stadteils darüber abstimmen. So richtig basisdemokratisch und mit ausführlichen Begründungen von zwei Bürgerinitativen. Mehr noch: Die Auseinandsersetzung mit dem geplanten Radweg wirkt wie ein Glaubenskrieg. Für mich darum Grund genug, den Ort des Geschehens persönlich anzuschauen und mit dem Fatbike zu befahren. Danach komme ich zu dem eindeutigen Schluss: Der Radweg sollte kommen.

Ein Hauch von Sylt: Elbstrand in Altona
Ein paar grüne Mülltonnen, rote Quadrate mit der Aufschrift "Grillkohle", viel Dreck und ein viel gehyptes Lokal: die Strandperle. So sieht er aus, der Ort, der in Hamburg zu einem Zankapfel geworden ist. Soll das Strandstück einen Radweg kriegen oder nicht? Befürworter und Gegner bewerfen sich seit Monaten mit Argumeten. Abstimmen darf der Bürger. Per Wahl, die an diesem Sonntag endet.

Nach meinen Ortstermin steht für mich fest: Der Radweg wäre eine Bereicherung. Denn was an dem eher ungepflegten Strandabschnitt nun besonders erhaltenswürdig sein soll, will mir nicht einleuchten. Die Gegner des Radweges wollen alles lassen wie es ist. Nur keine Veränderung!
Besonders gepflegt sieht der Strand bei Övelgönne nicht aus
Dabei ist eine Verbindung für Radfahrer zwischen Museumshafen Övelgönne und Teufelbrück dringend erforderlich. Besonders der erste Kilometer westwärts ab Övelgönne ist schwieriges Terrain. Direkt am Strand kommt man so wie ich nur mit einem Fatbike vorwärts, später gibt es einen Fussweg, auf dem das Radfahren aber ausdrücklich verboten ist. Als Alternative bleibt nur die Elbchaussee. Und die ist für Radler ebenfalls eher eine "no-go area".

Ein Radweg direkt am Wasser wäre eine ideal Lösung. Würde sich nicht nur für Pendler anbieten, sondern auch Touristen anziehen. Gut für Hamburg. Gut für die Gastronomie.

Warum, bitteschön, werden infrastrukturelle Veränderungen fast automatisch immer als negativ wahr genommen? Ich hoffe sehr, dass die Bewohner von Altona die Vorteile sehen und Pro-Radweg abstimmen. Und wenn nicht?
Radfahren verboten - leider

Auch nicht schlimm. Zumindest nicht für Besitzer eines Fatbikes. Bei meinem Ortsbesuch traf ich prompt einen weiteren Fahrers eines Fatys, der am Strand Wheelies übte. Mit den Monsterreifen kommt man sehr gut durch den Sand.

Doch so ein Fatbike haben nicht viele. Und so bliebe der Elbstrand ein Privileg für Wenige. Das ist nicht fair. Ein befestigter Weg mit klaren Regeln wäre ein echter Gewinn - nicht nur für Rad-, sondern auch für Rollstuhlfahrer und Skater.



Kinder-Anhänger statt Cargobike: Wenn das Fahrrad zum Zug wird

Kinder-Anhänger statt Cargobike: Wenn das Fahrrad zum Zug wird

Anhänger-Trio: Endlich ein Ende der Transportprobleme
Nicht erst seit ich Kinder habe, sind Fahrradanhänger für mich eine große Sache. Sie erweitern die Einsatzmöglichkeiten des Fahrrades erheblich und empfehlen sich als Alternative zum Lastenrad. Besonders die Kinderanhänger von Firmen wie Croozer machen den Alltag mit dem Nachwuchs leichter, weil sie neben den Kids auch viel Gepäck aufnehmen, sehr guten Wetterschutz bieten und zum joggen geeignet sind. Nur wenn mehr als zwei Kinder transportiert werden sollen stossen sie an Grenzen. Oder was tun, wenn zusätzlich zu Geschwistern noch Laufrad, Bagger, Eimer, Schaufeln, Bälle mit müssen? Darum bin ich auf die Idee gekommen, mehrere Anhänger hintereinander zu staffeln. Ja, das ist erlaubt oder zumindest nicht ausdrücklich verboten. Und sicher fährt sich so ein kleiner Fahrrad-Zug auch.
Rund sechs Meter Länge machen den Fahrrad-Zug etwas ungelenk
"Guck mal! Wie cool ist das denn?", die Verwunderung der Spaziergänger im Wilhelmsburger Inselpark ist nicht zu überhören. Hinter meinem Rad wehen gleich drei Signalwimpel im Wind. Sie gehören zu drei Anhängern, die ich hinters Bike gespannt habe. Das erzeugt neugierige Blicke und viele Kommentare. Und löst ein gängiges Problem: Wie transportiere ich mehrere Kinder plus Gepäck mit dem Fahrrad?
Ob die Ausbilder des Fahrrad-Nachwuchses mein Gespann gut finden, war nicht zu erfahren

Schon als ich unseren einsitzigen "Alt-Croozer" hinter den neuen "Croozer Kid plus 2" kopple, umrundet unserer älterer Sohn unruhig das Gespann. Was macht der Papa da nur? So oder so ähnlich muss es in seinem Kopf zugehen. "Da rein", ruft er laut und zeigt auf den Einsitzer. In dem hat er viele Kilometer in seinen ersten beiden Lebensjahren zugebracht. Nun sitzt er fast täglich rechts neben seinem jüngeren Bruder (8 Monate) im Doppelsitzer. Ob er sich an seine Alleinfahrer-Zeit erinnert? Oder ist es die Neugier, die ihn in das veraltete Modell treibt? Keine Ahnung! Auf jeden Fall nimmt er grinsend Platz und freut sich auf die ungewöhnliche Testtour.

Diese führte uns mehrere Kilometer über die Elbinsel Wilhelmsburg, vornehmlich auf breiten Wegen durch den Inselpark. Reaktionen siehe oben. Damit dass alles nicht allzu statisch rüber kommt, gibt es das Ganze auch in bewegten Bildern:


Zwei Anhänger hinter Lkw
Anhänger-Duos aren in den 50ern gängig
Die Idee, mehrere Anhänger hinter ein Zugfahrzeug zu hängen, ist nicht neu. Zur Erntezeit sind oft Traktoren zu sehen, die zwei große Anhänger ziehen. In den 60er Jahren war das auch bei Lkw üblich. Und die Firma Westfalia rüstete in den 50ern ihre Pkw-Anhänger mit einer Kupplung aus, um dahinter weitere Trailer zu staffeln. Hauptgrund dafür war aber, die Anhänger zeiteffizient vom Werk zum Bahnhof in Wiedenbrück zu transportieren.

Foto: Brezelfenstervereinigung Sechs Westfalia auf dem Weg zum Bahnhof
In den USA und noch mehr in Australien sind motorisierte Zugfahrzeuge mit meheren Anhängern noch heute üblich - Down Under nennt man das dann "Roadtrain".
Roadtrain in Australien

In Deutschland ist so etwas im normalen Straßenverkehr tabu. Für Fahrradgespanne gibt es aber zum Glück keine Einschränkungen für zwei, drei oder noch mehrere Anhänger hinterm den Zugrad - zumindest so lange die Gesamtlänge von zwölf Metern nicht überschritten wird.

So weit die Theorie. Doch wie sicher und gut ist so etwas in der Praxis? Versuch macht klug. Da ich neben unserem ersten Croozer für ein Kind neuerdings auch einen Doppelsitzer zur Verfügung habe, waren die beiden Kinderanhänger nach einer Stunde Bastelei solide hinter dem Zugrad verankert. Und um das Experiment komplett zu machen, spannte ich als Sahnehäubchen noch den Ikea-Trailer als dritten Anhänger ans Ende des kleinen Fahrrad-Zuges.
Mit voller Beladung: zwei Kinder plus Transportgut im Alltag

Schon im Stand sieht das einigermassen imposant aus. Dann Kinder rein, Gepäck auf den Sladda-Trailer, rauf aufs Rad und los. Und siehe da: Der kombinierte Personen-Gütertzug rollt leichter als befürchtet. Zwölf bis 15 km/h sind in der Ebene kein Problem. Auch das Bremsen funktioniert aus diesem Tempo fast ohne Einschränkungen. Der Anhalteweg verlängert sich bei voller Verzögerung beider Bremsen wenn überhaupt nur minimal. Da der Anpressdruck aufs Hinterrad grösser ist als beim Fahrrad ohne Anhänger, dürfte sich die Bremswirkung am Heck sogar erhöhen. Auf jeden Fall neigte das Hinterrad bei meinen Fahrversuchen eher zum Blockieren also ohne Anhängelast.


Wo also ist der Haken? Es sind die Kurven. Mit rund sechs Metern Länge steigt der Wendekreis so stark an, dass beim Abbiegen und Wenden Navigationskünste und Geschick auf dem Rad erforderlich sind. Besonders Poller, Falschparker und enge Radwege fordern den Fahrer des Anhänger-Trios. Erschwernd kommt hinzu, dass Trailer zwei und drei nicht mittig hinter dem Rad laufen, sondern leicht versetzt nach links.

Problematisch: Das Gespann-Trio braucht viel Platz
Darum: Für die tägliche Transportpraxis ist mein Eigenbau-Konzept nicht tauglich. Sollte aber ein Anhänger-Hersteller auf die Idee kommen, eine Anhänger-Staffelung werksseitig anzubieten, könnte ein Schuh daraus werden. Die Deichsel wäre dafür weiter in der Mitte anzuschlagen und die Baubreite der Trailer möglichst schmal zu halten.

Klar, für enge Altstadtgassen wird ein Mehr-Anhängergespann nie eine Option werden. Doch für Überlandausflüge ist die Lösung durchaus praktikabel. Was auf jeden Fall schon bei meiner DIY-Variante gut klappt, ist die Kombination aus Croozer Plus Cargotrailer - also ein abgespecktes Programm aus zwei Anhängern. Länge und Wendigkeit sind noch vertretbar, die Transportkapazitäten enorm und die erhöhten Fahrwiderstände erträglich.
Praktikabel: Anhänger-Duo aus Croozer und Ikea Sladda
Für diejenigen, die's nachbauen wollen, hier ein kleiner DIY-Tipp: Croozer (und auch andere Trailer) haben am Heck eine Stossstange aus Alu. Plastikschutzkappe durch Ausbohren der Poppnieten entfernen. In das nun offene Rohr passt ziemlich bündig ein Ein-Zoll-Gussleitungsstück mit Aussengewinde aus dem Baumarkt (Sanitärabteilung). Dieses einpassen, dann Alustosstange samt Gussrohr von oben nach unten durchbohren und mit einem M6-Bolzen so im Alurohr verschrauben, dass gerade noch das zöllige Gewinde rausguckt. Abdeckschraube (natürlich auch 1 Zoll) in der Mitte mit einem Bohrer (10,5 mm) durchbohren, entgraten und die Anhängerkupplung (AHK) mit einer kurzen M10-Schaube, U-Scheiben (noch besser sind geriffelte Exemplare mit Verdrehsicherung), Stoppmutter und Schraubensicherung sehr fest fixieren. Wichtig: Da der Anbringungsort der AHK ziemlich tief sitzt, schon beim Sichern des Gussleitungsstücks darauf achten, dass der Zapfen der AHK später in der Zwölf-Uhr-Position fixiert ist, damit die Deichsel eine möglichst hohe Position bekommt. Fertig.
So geht's: Mit zwei Trailern ist Manövrieren fast unproblematisch

Viel Spaß beim Zugfahren!
Cyclassics 2017: kleine Räder, großes Rennen

Cyclassics 2017: kleine Räder, großes Rennen


Der Anruf kam kurzfristig: "Fahren wir die Cyclassics", fragt mein Freund Matthias wenige Tage vor der diesjährigen Veranstaltung. Eigentlich wollte ich nicht. Und eigentlich sind 92 Euro für die 60 Kilometer-Strecke eine Frechheit. Aber dann standen wir Sonntag um acht Uhr doch am Start. Wie es dazu kam, ist einigermassen kurios. Und dann war da ja auch noch die Frage: Womit fahre ich dieses Jahr?
Nach Vintage-Rennrad, modernes 20 Zoll-Moulton ZerlegbikeFatbike und vergangenes Jahr 70er Jahre Touren-Tandem sollte es dieses Mal natürlich wieder etwas Besonderes sein. Nach kurzer Überlegung entschied ich mich für mein Moulton Deluxe -  ein legendäres englisches Fahrrad, das für ein Jedermann-Radrennen einige Spezialitäten zu bieten hat. Leider gibt es bei den Cyclassics ja nur eine Tandem-, keine Spezialrad-Wertung. Mit der Laufradgröße 16 Zoll - eigentlich ein Mass für Kinderräder - bin ich aber nicht der einzige Exot im Feld, wie ich später im Ziel feststelle. Ein Brompton mit Startnummer rollte an mir vorbei.  Sein Fahrer ist ebenfalls auf den kleinen Laufrädern bei Deutschlands größtem Jedermann-Rennen angetreten.

Wer wohl die 16 Zoll-Wertung gewonnen hat? Ein Alleinstellungsmerkmal sind meine 16 Zoll Reifen also nicht. Bessere Chancen für meinen Einzeltäter-Anspruch dürfte das Baujahr meines Rades liefern: 1964! Ein echter Oldtimer also. 53 Jahre alt. Antiquierteres Material habe ich nicht gesehen. Eine Statistik führt der Veranstalter nicht - sehr schade.

Dass ich zusammen mit Matthias, Jens und Andre am Start stehen konnte, war dann übrigens pures Glück. Zu einer reguläre Nachmeldung für 92 Euro mochten wir uns nicht durchringen. Darum haben Matthias und ich an einem Gewinnspiel teilgenommen und tatsächlich vier Startplätze gewonnen - was für ein Zufall.

Kurz nach acht rollen wir vier durch den Startbogen vorm Dammtor-Bahnhof und nehmen Fahrt auf. Auf der Fruchtallee der erste Tempotest: Bei rund 35 km/h komme ich an meine Grenze. Viel schneller geht nicht. Die Viergang-Sturmey-Archer-Nabe gibt nicht mehr her, links ziehen die flotten Rennräder vorbei. Aber auch rechts fahren Rennräder, etwas langsamer als wir. Ein schönes Gefühl.

Nach gut zehn Kilometern vermeldet Matthias beim Blick auf seine Roadbike-App: "Das könnte ein 30er Schnitt werden." Nun ja, sind ja noch 50 Kilometer bis ins Ziel. Mal sehen, ob wir das Tempo tatsächlich halten können. Können wir! Wir hangeln uns durch die Gruppen, suchen stets den richtigen Windschatten, dadurch geht es zügig voran.

Manchmal drehen sich Mitfahrer irritiert um. Das liegt an meinem Seitenständer, der auf Unebenheiten komisch klappert. Scheint auf einige bedrohlich zu wirken. In Schulau am Willkommenshöft bläst uns kräftiger Wind ins Gesicht. Hier stellen Jens und ich auch fest, dass wir Andre und Matthais verloren haben. Ursache: Andre war die Kette abgeflogen. Wieder an unsere Gruppe zu kommen, fordert die beiden mächtig.

Und dann ist er schon da, der leidige Kösterberg. Es wird eng. Es wird langsam. Es wird gestöhnt. Aber nur kurz. Dann geht es flott runter zum Blankeneser Bahnhof und auf die Elbchaussee. Noch kurz die Reeperbahn rauf, schon naht das Ziel. Mit lauter Anfeuerung und Bandengeklatsche geht es durch den Zielbogen. Geschafft, mit 16 Zoll Reifen auf einem englischen Oldtimer-Exoten. Das alles übrigens bei Sonnenschein und Rückenwind. Viel schöner kann ein Jedermann-Rennen nicht werden. Gut, dass wir gestartet sind.

Und unserer Durchschnittstempo kann sich sehen lassen: 30,56 km/h! Matthias hat uns sogar noch etwas schneller mit seiner App gemessen.

Longtail-Lastenrad im Test: Das Beste kommt zum Schluss

Longtail-Lastenrad im Test: Das Beste kommt zum Schluss

Bicicapace: eine eierlegende Wollmilchsau
Cargobikes für Kinder? Logo, das bedeutet Bakfiets, Christiana, Nihola, Bullit und wie sich nicht alle heißen. Sportliche Fahrer entscheiden sich meist für ein Einspurmodell, wer's gemütlicher mag, kauft eine dieser lenkbaren Kisten mit zwei Vorderrädern - neuerdings gerne auch mit Neigetechnik und E-Motor. Die so genannten Longtailbikes haben dagegen in Deutschland nur wenige Lastenradkäufer auf dem Radar. Völlig zu Unrecht, wie ich durch einen mehrwöchigen Alltagstest erfahren habe. Seit vier Wochen nutzen meine Frau und ich ein Bicicapace Justlong und sind nach anfänglicher Skepsis total begeistert von dem einfachen, aber enorm praktischen Longtail-Bike aus Italien.
Das Justlong von Bicicapace aus Mailand ist ein echter Geheimtipp und hierzulande (noch) extrem rar. Kein Wunder: Deutsche Lastenradkäufer schauen in der Regel auf unsere Nachbarländer Holland und Dänemark. Und dort werden Kinder und Fracht fast ausschließlich vorm Fahrer in einer Holzkiste kutschiert; entweder mit zwei Rädern, oft aber auch als Trike mit zwei Rädern an der Vorderachse. Ganz anders in Amerika: Dort hat offenbar die Pick-Up-Autokultur (das meistverkaufte Wagen in den USA ist seit vielen Jahren der Pritschwagen Ford F 150) dazu geführt, dass auch bei Fahrrädern Lasten auf dem Heck befördert werden. US-Hersteller wie Surly und Yuba exportieren auch nach Europa, ihre Longtails sind aber eher Exoten im Lastenradsegment.
Für Kurzstrecken ideal: Heckbank für den Nachwuchs

In diesem mischt nun auch der italienische Hersteller Bicipace mit. Das Justlong rollt auf dicken 20-Zoll-Reifen, hat einen soliden Rahmen aus Stahlrohren, tiefen Durchstieg und eine schmale, lange Ladefläche über dem Hinterrad, die als Sitzbank für bis zu drei Kinder oder für Lasten aller Art verwendet werden kann. Unser Testbike hat eine umlaufende Alureling und ist damit ideal für den Kindertransport. Eine Sitzbank war nicht montiert. Die haben wir aus einer Decke selbst gebaut und mit Kabelbindern fixiert - klar, nur eine Notlösung. Aber eine, die überraschend gut funktioniert.

Preisfrage: Wie wird unser zweieinhalbjähriger Sohn Henry auf das Rad reagieren. Er ist Bikeprofi, kennt Anhänger genau so wie Front- und Hecksitze, ist schon in Bakfiets und verschiedenen Dreirädern chauffiert worden. Wenn er eine Meinung zu einen Fahrrad hat, dann sollte man die ernst nehmen.
Bike-Laster: ein Umzugskarton passt perfekt auf die Ladefläche

Neugierig nähert sich Henry dem Testobjekt und erkennt die improvisierte Heckbank sofort als seinen Sitzplatz. Links und rechts lassen sich für den Kindertransport zwei große Trittflächen runterklappen. Nach dem das geschehen ist, versucht Henry von unten durch die Albreling auf die Sitzbank zu klettern - vergeblich, zumindest mit aufgesetztem Helm passt sein Kopf nicht durch den Zwischenraum. Also muss ich ihn von oben auf der Rückbank platzieren. Instinktiv greifen seine Hände nach der Reling. Er hält sich fest, blickt nach vorn und sagt: "Los geht's!" Gibt es ein überzeugenderes Argument für dieses Bike?

Erkenntnis Nummer eins: Der Nachwuchs kann das Bicicapace aus eigener Kraft be- und entsteigen. Das ist ein großer Komfortgewinn gegenüber dem klassischen Fahrradkindersitz. Den Helm muss man Kinder aufsetzen oder abnehmen wenn sie auf Bank sitzen.
Maxicosy gegen die Fahrtrichtung und mit Spannbändern sicher fixiert. Der
größere Bruder dahinter passt aufs Baby auf

Nun, Sicherheitsapostel werden fragen, ob man ein Kleinkind ohne speziellen Kindersitz transportieren sollte. Meine Antwort: Ja, denn das wirkt sicherer als es auf den ersten Blick erscheint. Denn Kinder sitzen auf dem Bicicapace ausgesprochen gut und seitlich geschützt. Sie halten sich intuitiv an der Reling fest und genießen die Aussicht. Bei einem Sturz, Aufprall vorn oder von hinten sind sie natürlich weniger geschützt als in einer klassischen Kunststoffsitzschale. Wer diese Sicherheit möchte kann zwei Kindersitze von Yepp auf dem Bicicapace montieren. Nur mit der Bank finden aber sogar bis zu drei Kindern Platz.

Außerdem ist es möglich, eine Babyschale sicher in der Reling zu verzurren. So lassen sich sogar Säuglinge gegen die Fahrtrichtung transportieren, während der ältere Bruder dahinter nach vorne schaut.

Überhaupt ist das Bicicapace ein Transportwunder. Mit Frontsitz und Anhänger erweitert sich die Passagierzahl sogar auf bis zu sechs Kinder - welcher SUV schafft das schon?
Bicicapace: ein perfektes Geschwisterrad

Auch als kombinierter Kinder- und Frachttransporter macht das Bike eine gute Figur. So habe ich aus dem Getränkemarkt drei Kisten Bier abgeholt, während Henry vorne in seinem Römer Sulky die Aussicht genoss.

Last not least ein Wort zum Fahrgefühl: Das liegt klar auf der gemütlichen Seite. Das Bicicapace fühlt sich an wie ein Hollandrad. Die Sitzposition ist sehr aufrecht und nichts für lange Touren. Gleiches gilt für die Shimano-Dreigangnabe. Ihr Übersetzungsspektrum reicht von sehr leicht über leicht bis Cruising-Tempo, das maximal etwa um 15 km/h liegen dürfte - ein Bike also für gemütliche Kurztrips zur Kita oder zum Supermarkt.
Kind und drei Getränkekisten, kein Problem fürs Bicicapace

Dabei fällt angenehm auf, dass Einlenkverhalten und Wendekreis sich kaum von einem normalen Fahrrad unterscheiden. Das Rad fühlt sich überraschend wendig und agil an; eine Ein- und Umgewöhnung ist kaum nötig. Wer Kinder transportiert gewöhnt sich ohnehin eine vorausschauende Fahrweise an. Dann fallen auch die beiden eher mässig verzögernden Rollerbrakes nicht negativ ins Gewicht. Das Bremshebelgefühl ist teigig, der Anhalteweg besonders mit hoher Zuladung ziemlich lang, aus zehn bis 15 km/h aber in der Regel unproblematisch. Befindet sich Fracht auf der Ladefläche neigt das Bicicapace ab etwa zwölf km/h zu Rahmenflittern, wenn der Fahrer die Hände vom Lenker nimmt. Dieses Schicksal teilt es aber mit vielen anderen Fahrrädern.