Mit dem Fahrrad im Tessin (CH): durch das Tal der Maggia von Locarno nach Foroglio

Mit dem Fahrrad im Tessin (CH): durch das Tal der Maggia von Locarno nach Foroglio

Tessin, Lago Maggiore, italienischer Teil der Schweiz – manche Orte und Regionen haben so klangvolle Namen, dass das Fernweh mit voller Wucht einschlägt, wenn man sie nur hört. Was einen dann genau erwartet, an Bergtouren, an MTB Touren, ist oft eher schwammig, schwimmt im Nebel, ist fast nebensächlich. Mir ging es so mit dem Tessin. Und da ich vermutlich nicht die einzige bin, die bei klangvollen Namen die Reiselust packt aber manchmal einen bestimmten Grund oder Anstoß benötigt, endlich mal hinzufahren, gibt es heute einen passenden Artikel dazu: Mach doch mal eine Mountainbike Tour ins Maggiatal im Tessin.

Vorbei an Weinbergen: Radtour im Maggiatal | Tessin, Schweiz
Vorbei an Weinbergen: Radtour im Maggiatal | Tessin, Schweiz

Insgesamt 80 km und 650 Hm von Locarno nach Foroglio (und zurück). Vorher und nachher kannst du einfach mit strahlenden Augen am Lago Maggiore flanieren und dich freuen, dass du es endlich mal ins Tessin geschafft hast.

Hinweis: die Fahrrad Tour im Maggia Tal war Teil einer Pressefahrt, ich war unterwegs auf Einladung von Ticino Turismo.

Locarno am Lago Maggiore - Start der Radltour ins Maggiatal | Tessin, Schweiz
Locarno am Lago Maggiore – Start der Radltour ins Maggiatal | Tessin, Schweiz

Start unserer Fahrradtour: Locarno

Einer dieser berühmten, klangvollen Namen. Dolce Vita, hier kann man es aushalten. Am Ufer des Lago Maggiore gelegen – am Schweizer Ufer, und Italien ist nur ein paar Kilometer entfernt. Man spricht italienisch, die Supermarktregale sind voll mit Ovomaltine, Toblerone, Schokolade. Es wachsen Palmen, ein schmaler Streifen am Seeufer ist flach, dann geht es gleich steil nach oben. So steil, dass du als Autofahrer einfach hoffst, dass in engen Kurven keiner von oben kommt, und so steil, dass du als Fußgänger oder Radlfahrer besser die Standseilbahn benutzt.* Und hinter den Häusern Locarnos kommen dann die Berge, über 2.800 m hoch.

Radweg in Locarno - deutlich zu erkennen, aber fast alles ordentlich steil. | Tessin, Schweiz
Radweg in Locarno – deutlich zu erkennen, aber fast alles ordentlich steil. | Tessin, Schweiz

Überall gibt es Radwege in Locarno, doch die meisten Menschen schlendern eher gemütlich am See entlang, durch die Fußgängerzone und hoch oben um das Kloster Madonna del Sasso herum – wer auf die Standseilbahn verzichtet, genießt schattige ruhige Serpentinen, 170 Hm zwischen See und Kloster und eine sensationelle Aussicht.

Traumblick - vom Kloster Madonna del Sasso auf den Lago Maggiore und Locarno | Tessin, Schweiz
Traumblick – vom Kloster Madonna del Sasso auf den Lago Maggiore und Locarno | Tessin, Schweiz

Am Bahnhof starten wir unsere Mountainbike Tour. Mit Guides hat man den Vorteil, nicht so sehr auf Wegführung und Schilder achten zu müssen, doch mir scheint der Weg der Radroute 31 ist auch für Nicht-Ortskundige gut zu finden.

Vom Seeufer geht es auf einem Schotterweg zum Flussufer, der Maggia werden wir bis Cavergno folgen. Auf einer ersten Brücke überqueren wir eine überraschend felsige Schlucht. Hier, in Ponte Brolla, finden tatsächlich die Europameisterschaften im Klippenspringen statt!

Eine Brücke über die Maggia und relativ flach bis zum nächsten Dorf. Genussradeln im Tessin | Schweiz
Eine Brücke über die Maggia und relativ flach bis zum nächsten Dorf. Genussradeln im Tessin | Schweiz

Ziel unserer Fahrradtour: das Dörfchen Foroglio am anderen Ende des Maggiatals

4,5 Stunden nach Abfahrt in Locarno (incl einiger Pausen!) biegen wir schließlich von der Straße ab, queren eine letzte kleine Brücke über den Fluss Bavona, stellen die Räder ab, lassen uns im Garten eines Grotto nieder, an einem großen Steintisch, strecken die Füße unter den Tisch und die Gesichter in die Sonne. Ein Stück weiter schießt ein Wasserfall wild den Berghang hinunter, neben dem Grotto ducken sich die seltsam verlassen wirkenden grauen Steinhäuser des Dörfchens eng aneinander.

Braten, Polenta, Risotto, Wein - Mittagessen in Foroglio am Ende des Maggiatals | Tessin, Schweiz
Braten, Polenta, Risotto, Wein – Mittagessen in Foroglio am Ende des Maggiatals | Tessin, Schweiz

Nach einem köstlichen, tessin-typischen Mittagessen im Grotto La Froda (www.lafroda.ch) (Polenta und Risotto, Braten, Bohnen und Wein) durchstreifen wir dieses einsame Dörfchen, zu Fuß. Die Gassen sind kaum 2 m breit, Strom gibt es im Dorf keinen, bewohnt ist es nur noch im Sommer. Viele aus dem Tal waren arm, wanderten nach Amerika aus, kamen reich zurück und bauten prachtvolle Villen weiter vorne im Tal, wo es breiter ist, näher am See und der Stadt. Das mag weit über 100 Jahre her sein – ein wenig gespenstisch ist die Ruhe über Foroglio noch immer, trotz allem Fahrradklingeln und Gläserklingen.

Foroglio - Tessiner Steinhäuser am Ende des Tals. Idyllisch und irgendwie gespenstisch. | Tessin, Schweiz
Foroglio – Tessiner Steinhäuser am Ende des Tals. Idyllisch und irgendwie gespenstisch. | Tessin, Schweiz

Unterwegs – mit dem Fahrrad zwischen Locarno und Foroglio

Zwischen Locarno und Foroglio sieht man vor allem Wald und Felsen und die Flüsse Maggia und Bavona. Es sind wenig Menschen unterwegs, ganz im Gegensatz zum Trubel der Flaneure in Locarno oder Ascona. Ohne allzuviel Steigungen fahren wir flott ins Tal hinein, teils auf Asphalt, teils auf Schotter, teils auf der Straße, oft auch abseits davon, auf einer ehemaligen Eisenbahn Trasse, vorbei an Weinbergen, Granit-, Speckstein- und Marmorsteinbrüchen, immer wieder durch kleine verschlafene Dörfer, ein stetiges gemütliches auf und ab.

Mit dem Fahrrad durchs Maggiatal | Tessin, Schweiz
Mit dem Fahrrad durchs Maggiatal | Tessin, Schweiz

Mal stoppen wir für ein Glas Weißer Merlot, mal für ein Fußbad am sonnigen Ufer der Maggia. Aber wie das bei Gruppentouren nun mal ist – man kann nicht immer dann anhalten, wenn man gerne möchte. Vor allem nicht zehn mal Anhalten zum Kaffeetrinken. Anhalten zum Fotografieren. Zum aufs Wasser der Maggia schauen.

Radlfahren im Tessin: ein Weißer Merlot zwischendurch | Maggiatal, Schweiz
Radlfahren im Tessin: ein Weißer Merlot zwischendurch | Maggiatal, Schweiz

Wie es glücklicherweise meistens bei Gruppentouren auch ist – die Organisatoren und Guides kennen sich aus und wählen für die eine Kaffeepause einen ganz besonderen Ort. In unserem Fall: den Garten des kleinen Hotels Casa Martinelli im Ort Maggia. Wir setzen uns in den Garten vor dem 330 Jahre alten ehemaligen Zollhaus, trinken Cappucino und essen Panettone (ja, im September, im Tessin gibt es Panettone tatsächlich nicht nur an Weihnachten sondern das ganze Jahr über). Unter Weinreben und gestreiften Sonnenschirmen erzählt die Besitzerin, wie sehr sie sich über die Radlfahrer freut, wie positiv sich das Tal auch verändert hat, seit es den offiziellen Radweg gibt.

Kaffeepause im Casa Martinelli in Maggia | Tessin, Schweiz
Casa Martinelli in Maggia | Tessin, Schweiz

Der ausgeschilderte Radweg endet in Cavergno, nach 257 Hm. Die Flüsse Maggia und Bavona fließen hier zusammen. Wir stoppen an einer steilen, wunderschönen Steinbrücke, machen kurz Pause, bevor es bergauf am Bavona-Ufer entlang geht und anstrengend wird. Endlos scheint die Asphaltstraße nach Foroglio hinauf, von den E-Bike Fahrern unserer Gruppe ist nichts mehr zu sehen, wir Schlusslichter schalten in immer niedrige Gänge herunter, beißen die Zähne zusammen, wischen den Schweiß ab, der unterm Helm herausfließt. Im Fluss erfrischen, das wäre jetzt schön…

Bilderbuch-Brücke in Cavergno. Wo Maggia und Bavona zusammenfließen | Tessin, Schweiz
Radeln die Bavona entlang nach Foroglio
Radeln die Bavona entlang nach Foroglio

Doch irgendwann ist es geschafft, nach rund 40 km und 600 Hm wird das T-Shirt gewechselt, das Siegerlächeln aufgesetzt, die Beine ausgeschüttelt, die anstrengenden Höhenmeter nach Foroglio sind vergessen, denn sie lohnen sich, wie oben schon beschrieben, und… es gibt ja eine „zweite Halbzeit“!

Der Rückweg von Foroglio nach Locarno

Man könnte von Foroglio aus einen Bus zurück nach Locarno nehmen. Aber warum sollte man? Denn wer bergauf fährt, darf bergab fahren! Erst einmal der Genuss der 400 Hm bis Cavergno. Ach, so steil war das am Hinweg? Und dann flussabwärts, mit der Maggia in Richtung Lago. Je weiter wir aus dem Tal mit den engen Seitenwänden herauskommen, desto wärmer und sonniger wird es.

Von Nordwesten rollen wir in die Stadt hinein, geben am Bahnhof die Fahrräder zurück und steigen zufrieden in den Funicular, die Standseilbahn. Sie gehört zum Stadtbild von Locarno dazu, muss selbstverständlich einmal gefahren werden, wenn man seriös berichten möchte aus Locarno. Von der Bergstation sind es noch wenige Minuten zu unserem Hotel, dem Barca Blu. Ich mache mir einen Kaffee, setze mich auf den Balkon, blicke auf den See und freue mich, dass ich endlich mal da bin und einen traumhaften Teil Schweiz mit dem MTB erkundet habe.

Abendstimmung über dem Lago Maggiore | Tessin, Schweiz
Abendstimmung über dem Lago Maggiore | Tessin, Schweiz

Fakten für den Radl-Urlaub im Tessin

Übernachtung: Hotel La Barca Blu, ein 3-Sterne-Hotel im maritimen Stil in Orselina, fast 200 Hm über dem See gelegen. Gutes kleines Frühstücksbuffet mit Sitzgelegenheit auf der Terrasse, Zimmer mit Küchenzeile und Balkon mit Seeblick, MTB Verleih. Ab 100 CHF pro Nacht, pro Zimmer, mit Frühstück.  www.barcablu.ch

Geführte Biketouren, MTB und E-Bike: www.bikesteiger.ch

Alles zum Urlaub im Tessin: www.ticino.ch

 

Datum der Tour: 22. September 2017

Radweg Beschilderung im Maggiatal | Tessin, Schweiz
Radweg Beschilderung im Maggiatal | Tessin, Schweiz

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Mehr Gipfelglück aus der Schweiz

Mehr Fahrrad-Urlaub

*Dies ist wohl das Gipfelglück-Jahr der Standseilbahnen. Nach Graz und den Kapruner Stauseen beim Wiesbachhorn. In Malaysia bin ich dann mit noch einer gefahren, zum Penang Hill hinauf…da kommt dann irgendwann noch ein Artikel.

Der Wasserfall in Foroglio | Tessin, Schweiz
Der Wasserfall in Foroglio | Tessin, Schweiz
Schweizer Palme, südliches Flair in Locarno | Tessin, Schweiz
Schweizer Palme, südliches Flair in Locarno | Tessin, Schweiz
Bergblick im Maggiatal, radeln zwischen namenlosen Vorgebirgen | Tessin, Schweiz
Bergblick im Maggiatal, radeln zwischen namenlosen Vorgebirgen | Tessin, Schweiz
Tessiner Steinhäuser in Foroglio | Schweiz
Tessiner Steinhäuser in Foroglio | Schweiz
Foroglio erreicht, wohin jetzt? | Tessin, Schweiz
Foroglio erreicht, wohin jetzt? | Tessin, Schweiz

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Neu hier?

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Gipfelglück ist ein Blog aus dem Chiemgau. Hier wird – seit 2011 – von Bergtouren in den Chiemgauer Bergen erzählt und in anderen Bergregionen dieser Welt, mit Steigeisen, MTB, Schneeschuhen, Ski, auf Hausbergen, Gletschern, Vulkanen, zu Hütten, Almen, Kuchen unterm Gipfelkreuz.

Herzlich Willkommen, du neue Leserin und neuer Leser!

Ein Foto vom Strand, wirst du dich fragen, passt weder zum Chiemsee noch zu einem Dreitausender. Schon recht, aber das Schöne am Bloggen ist schon immer, dass du dir die Regeln selber machst. Und sie jederzeit brechen kannst.

Und so geht es im Gipfelglück Blog zwar meistens um Gipfel – möglichst hohe Gipfel, denn obwohl ich aus der Rhön stamme, haben die Mittelgebirge ihren Reiz für mich verloren, spätestens seit ich auf fast 700 m im Chiemgau wohne, von der Terrasse auf einen 1600m Berg blicke und Hausberg bedeutet, dass ich von der Haustür aus losgehe.

Trotz diese Reize sind aber mein Fernweh und meine Neugier auf ferne Länder, große Städte, andere tolle Regionen dieser Welt riesig wie eh und je, und wenn ich auf Reisen bin, sind mir Outdoor Aktivitäten immer wichtig. Wandern am Strand, mit dem Radl durch die Stadt, mit einem Kayak oder der Schorchelausrüstung auf und im Meer, und auch solche Erlebnisse finden dann ihren Platz im Gipfelglück.*

Wie du passende Artikel findest: ganz oben findest du 4 kleine Querstriche, dahinter verbirgt sich die Navigation. Touren sortiert nach Region, Sportart, Land etc. Oben und unten findest du ein Suchfeld, gib dein Suchwort ein, wo “search” steht. Außerdem zum Stöbern und Suchen: eine Bergliste sortiert nach Namen von A bis Z, und eine Bergliste sortiert nach Monaten von Januar bis Dezember.

Viel Freude beim Lesen wünsche ich dir, egal ob du Ideen für einen Wanderurlaub suchst, Hüttentouren recherchierst oder die Tagestour fürs nächste Wochenende.

Ich freue mich von dir als LeserIn zu hören. Unter einem Artikel im Kommentarfeld. Per Kontaktformular. Auf Twitter. Auf Instagram. Auf Pinterest. Auf Facebook. Auf all diesen Plattformen bin ich mehr oder weniger regelmäßig unterwegs und teile dort meine Fotos und Artikel sowie Tipps und Links, die mich interessieren und die vielleicht auch für Gipfelglück LeserInnen interessant sind.

Um nichts zu verpassen, kannst du dich für den Newsletter anmelden (Anmeldung hier). Der kommst so ungefähr alle 8 Wochen, je nachdem wie ich Zeit finde. Denn Gipfelglück ist ein Hobby Projekt, neben Job und Haushalt und Familie und, ja, neben ganz viel Draußen Sein.

Meine Regeln heißt übrigens auch, das plumpe Werbung in den Kommentaren gelöscht wird. Wer werben will, zahlt dafür. Gipfelglück ist echt, Werbung wird gekennzeichnet, Gipfelglück ist ehrlich und es gelten meine Regeln.

Und weil du bis hier unten gelesen hast, bekommst du auch noch ein Foto vom Berg. Von einem hohen. Vom Jebel Toubkal in Marokko, 4xxxx m.

Gipfelglück auf 4000m auf dem Toubkal im Hohen Atlas

*Wenn etwas wirklich nicht ins Gipfelglück passt, dann landet es manchmal bei Zeit für Optimisten. Da geht’s um alles und nichts. Hier entlang.

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Gipfelbuch Reiteralm: Weitschartenkopf, Bruder und Häuselhorn (2.284m)

Gipfelbuch Reiteralm: Weitschartenkopf, Bruder und Häuselhorn (2.284m)

Häuselhorn? Wagendrischlhorn? Weitschartenkopf? Das mächtige Hochplateau der Reiteralm (oder Reiteralpe) ist irgendwie ein Gebirge mit Tarnkappe. Mit mächtigen Wände, eiförmig, an allen Seiten steil abfallend, liegt die Reiteralm irgendwie eingequetscht in einem Eck zwischen Berchtesgadener und Chiemgauer Alpen, zwischen Lofer und Bad Reichenhall, teils in Bayern, teils in Salzburg.

Berühmte Gipfel der Reiter Alm sind (ungefähr in aufsteigender Schwierigkeit) Weitschartenkopf, Wagendrischelhorn, Häuselhorn und Stadelhorn, ein paar andere dazwischen. Die Gipfel an den Rändern des Plateaus umgeben eine riesige Hochalmfläche, die alles andere als platt ist, man findet hier die Neue Traunsteiner Hütte und ein großes Truppenübungsgelände der Bundeswehr, weshalb man immer wieder Soldaten in voller oder auch mal einfacher Montur begegnet, samt Mulis. Kaum jemand aus der Münchner Ecke scheint sie auf dem Schirm zu haben. Ist die Reiteralm zu weit für eine Tagestour, zu unbekannt für eine längere Tour?

Ich selber wurde bei meiner Bergtour aufs Kammerlinghorn zum ersten Mal bewusst auf die Reiteralm aufmerksam, von der Bindalm kam zum ersten Mal der “da muss ich hin” Gedanke. Und an zwei goldenen perfekten Herbsttagen ein Jahr später war es dann so weit, Großer Weitschartenkopf, Großer Bruder und das wundervoll anspruchsvolle Häuselhorn waren endlich an der Reihe.

So viele Möglichkeiten - Wanderschilder auf der Reiteralm
So viele Möglichkeiten – Wanderschilder auf der Reiteralm

Lieblingsgipfel auf der Reiteralm: das Häuselhorn (2.284 m)

Die Fotopausen für die wunderbare Herbst-Morgen-Stimmung abgezogen sind wir schon eine halbe Stunde unterwegs, mit einigen Hügel-Höhenmetern, zurück auf Höhe der Traunsteiner Hütte, als es endlich merklich steiler wird und es endlich “so richtig” hinauf zum Häuselhorn geht.
Die Rossgasse ist nicht schön, ein steiler grasiger Pfad durch Wald und Latschen, der uns zügig Richtung Gipfel bringt. Elendig steil, aber unausweichlich, der einzige Zustieg vom Plateau zum Fels.

Rossgasse auf der Reiteralm, auf dem Weg zum Häuselhorn

Nach der Rossgasse verschwindet das grün, es wird felsig und geröllig, in leichter Kletterei geht es immer weiter nach oben. Richtig schöne Genuss-Kletterei, sehr einsam, nur einmal sehen wir weit unter uns, eine Gruppe Berggeher. Unbeschreibliche Naturnähe und Berggenuss für uns.

Felsige Einsamkeit auf dem weg zum Häuselhorn
Felsige Einsamkeit auf dem weg zum Häuselhorn

Nach rund 3 Stunden haben wir es geschafft, das Gipfelkreuz des Großen Häuselhorns ist erreicht. Was für ein herrlicher Morgen! Gegenüber auf dem Stadelhorn und auf dem Wagendrischelhorn erkennt man jeweils zwei, drei kleine Menschlein und glaubt das Grinsen in deren Gesichtern zu erkennen. Alle Gruppen haben ihren Gipfel für sich, aber dadurch, dass alle gleichzeitig am Gipfel sind, besteht so etwas wie eine Gemeinschaft, ein für die anderen Mitfreuen an diesem Morgen.

Gipfelkreuz auf dem Häuselhorn auf der Reiteralm. Gipfelglück.

Der erste Teil des Abstiegs flutscht dann so richtig, selbst die kniffligen Kletterstellen lassen sich viel einfacher absteigen als befürchtet. Man muss sich halt konzentrieren, darf sich nicht versteigen, und einfach ruhig eine Stelle nach der anderen angehen. Diese Bergtour aufs Häuselhorn ist ideal für erfahrene Berggeher, die hier gut Erfahrung für schwierigere Bergtouren machen können, sicherer werden, Selbstbewusstsein für künftige schwierigere Touren sammeln können.

Blick zurück auf einige knifflige Kletterstellen auf dem Weg zum Häuselhorn auf der Reiteralm

Die anspruchsvollen Stellen sind geschafft, als sich die ersten Wolken nähern. Klarer Fall von alles richtig gemacht, aber trocken runter kommen wäre schön auch toll. Die Rossgasse zieht sich. Die hügelige Latschen-Wiesen-Hopperei zieht sich. Der Weg zum Schrecksattel und von dort hinunter nach Oberjettenberg, kein Kommentar. Aber dazwischen liegt die Neue Traunsteiner Hütte mit einem Stück Kuchen auf der Terrasse. Der Blick Richtung Häuselhorn? Eine andere, graue, nasse, unangenehme Seite des Herbstes. In Erinnerung bleibt später aber vor allem der Moment des Gipfelglücks und die schönen Seiten des Herbstes.

Stadelhorn und Wagendrischelhorn, gesehen vom Gipfel des Häuselhorn auf der Reiteralm
Stadelhorn und Wagendrischelhorn, gesehen vom Gipfel des Häuselhorn auf der Reiteralm

 

Blick zum Häuselhorn-Kar auf der Reiteralm
Blick zum Häuselhorn-Kar auf der Reiteralm
Skeptischer Abstieg vom Häuselhorn, Reiteralm.
Skeptischer Abstieg vom Häuselhorn, Reiteralm.
Foto: @bergundball

Auf- und Abstieg – über den Schrecksattel auf die Reiteralm

Der Schrecksattel (1.620m) trägt seinen Namen aus gutem Grund. Vermutlich wird der Weg vom Parkplatz Oberjettenberg (auf 643m, zwischen Ramsau bei Berchtesgaden und Schneizlreuth) zum Sattel hinauf am häufigsten für den Aufstieg zur Reiteralm genutzt – und erst, wenn man diese zähen fast 1.000 Hm erledigt hat, fängt das eigentliche Vergnügen erst an. Der größte Teil des Weges verläuft durch Wald ohne allzu viel Aussicht. Kontinuierlich geht es bergauf, ein kurzes Stück einmal wird der Hang gequert unter den mächtigen Nordwänden der Reiteralm. Dort lenken auch eine Höhle mit wackligem Dach und eine Marienfigur mal ein wenig vom waldigen eintönigen Aufstieg ab.

Übrigens…am Holzhaufen mit den Holzscheiten und nur halb lesbaren Schildern einfach vorbei gehen! Das Holz ist für die Alte Traunsteiner Hütte, die Selbstversorgerhütte, nicht etwa die Neue, hier gibt es kein Danke wie etwa auf dem Reichenhaller Haus oder am Schwaigerhaus.

Auf dem Weg zum Schrecksattel, dem einfachsten Zustieg zur Reiteralm
Auf dem Weg zum Schrecksattel, dem einfachsten Zustieg zur Reiteralm

Das Schreckliche am Schrecksattel: es wird danach erst einmal nicht besser. Ein Betonweg erwartet dich, in elendem Auf und Ab. Unangenehm und anstrengend, wer braucht schon Betonwege am Berg? (Antwort: das hier stationierte Militär, die Bauern, Senner und Hüttenteams) Rund 30 min nach dem Schrecksattel hat man dann die Neue Traunsteiner Hütte erreicht auf 1.560m, der Beton ist vorbei, die Terrasse strahlt dir entgegen und endlich kannst du einen ersten Blick auf einige der angestrebten Gipfel werfen. Der Schrecken des Schrecksattels ist erst einmal vergessen.

Natürlich erwartet einen der gleiche Schrecken im Abstieg, erst das zähe auf und ab auf dem Betonweg – immerhin lag da plötzlich eine Kreuzotter vor uns…

Die Kreuzotter vom Schrecksattel auf der Reiteralm
Die Kreuzotter vom Schrecksattel auf der Reiteralm

…dann der Abstieg durch den Wald, auf den man wirklich keine Lust mehr hat. Aber es hilft ja nix…

Wegweiser zur Neuen Traunsteiner Hütte auf der Reiteralm
Wegweiser zur Neuen Traunsteiner Hütte auf der Reiteralm

Hüttentour Reiteralm: die Traunsteiner Hütte (1.560m)

Ohne die Traunsteiner Hütte wären viele Gipfelbesteigungen auf der Reiteralm nur schwer möglich, zu weit alles, zu weitläufig. Die Lage der Hütte ist herrlich, sehr weit weg von der Zivilisation, über den Dingen, wenn man auch nichts davon bewusst sieht und wenn man die Bundeswehrpräsenz mal außen vor lässt. Aber wirkliche Lieblingshütten-Atmosphäre kommt bei der Traunsteiner Hütte leider nicht auf. Warum, ist schwer zu sagen. Die Terrasse ist groß und sonnig, die Stube mit Kachelofen gemütlich, das Essen inkl dem Kuchen gut, die Zimmer „normal“ für eine Berghütte, mit knapp 100 Betten weder besonders groß noch klein.

Neue Traunsteiner Hütte auf der Reiteralm
Neue Traunsteiner Hütte auf der Reiteralm

Es stößt auf, wenn selbst AV Mitglieder ihr mitgebrachtes Essen nur an bestimmten Tischen verzehren dürfen – wenn die Hälfte der Tische eh leer ist und für eng zusammen quetschen keine Notwendigkeit besteht. Und nach einem Rüffel deswegen kauft auch niemand irgendetwas zusätzliches in der Hütte ein…

Abendessen auf der Neuen Traunsteiner Hütte/ Reiteralm
Abendessen auf der Neuen Traunsteiner Hütte/ Reiteralm

Die Lage der Hütte ist ihr Kapital, am frühen Morgen über die taunasse Wiese im leuchtenden Herbstlicht zum Häuselhorn aufbrechen, ausgeruht und voller Energie, das geht nur ohne Schrecksattel und mit Traunsteiner Hütte und bleibt unvergesslich.

Beine ausstrecken, Kuchen und Weißbier genießen: nachmittags auf der Traunsteiner Hütte
Beine ausstrecken, Kuchen und Weißbier genießen: nachmittags auf der Traunsteiner Hütte

Hüttentour Reiteralm: Großer Weitschartenkopf (1.979m) und Großer Bruder (1.867m)

Großer Weitschartenkopf und Großer Bruder sind zwei Nachmittagsgipfel, wenn man rechtzeitig am Parkplatz los gestiefelt ist, in der Hütte eingecheckt und sich auf der Terrasse mit einem Skiwasser vom Schrecksattel-Schrecken erholt hat. Der Beschilderung auf einfachem Wege folgend, durch Latschenwälder geht es im Grunde von der Hütte rechts gesehen, nach Westen auf die Bergkette, die hier die Reiteralm begrenzt. Vom Großen Weitschartenkopf fallen die Wände steil nach Schneizlreuth ab, in Richtung der Straße nach Lofer, mit weitem Blick auf die Chiemgauer Berge vor einem (mit Sonntagshorn, Steinplatte und ihren Nachbarn) und die weite Hochfläche der Reiteralm hinter einem. Der man jetzt ein wenig das Hochplateau ansieht. Manch einer legt sich in der warmen Herbstsonne zu einem Nickerchen ins Gras.

Blick von der Reiteralm zu den Chiemgauer Alpen
Blick von der Reiteralm zu den Chiemgauer Alpen
Gipfelkreuz und Gipfelglück am Großen Weitschartenkopf/ Reiteralm
Gipfelkreuz und Gipfelglück am Großen Weitschartenkopf/ Reiteralm

Am Grat entlang, durch mehr enge Latschengassen geht es dann 45 min lang südwestlich weiter, bis man die Berggruppe namens Drei Brüder erreicht. Der Blick vom Großen Bruder wird wie magnetisch von den Loferer Steinbergen angezogen. Das Herbstlicht wird von Minute zu Minute weicher und sanfter.

Gipfelkreuz und Gipfelglück am Großen Bruder, Reiteralm
Gipfelkreuz und Gipfelglück am Großen Bruder, Reiteralm
Felsen und Latschen und Gipfelglück auf der Reiteralm
Fels und Latschen und Gipfelglück auf der Reiteralm

Zum späten Nachmittag beginnt die Landschaft noch herbstlicher zu leuchten. Im Auf und Ab zurück zur Hütte, durch Latschen und über Almwiesen, verwundert vor allem eins: es sind nur eine Handvoll anderer Berggeher auf der Reiteralm unterwegs, obwohl es vom Wetter nicht besser sein könnte.

Blick nach unten - vom Weitschartenkopf zur Traunsteiner Hütte_ Reiteralm
Blick nach unten – vom Weitschartenkopf zur Traunsteiner Hütte_ Reiteralm

Von den Gipfeln der Reiteralm blickst du beeindruckt, demütig und erhaben auf Chiemgau, Berchtesgadener Land und Pinzgau hinunter, auf der Almfläche merkst du nichts von der Welt ringsum. Genießt einfach die Pfade und Steige auf diesem herrlichen Fleckchen Erde. In beeindruckender Einsamkeit. Voller Schönheit. Und das mehr oder weniger vor der Haustür… Hier war ich sicher nicht zum letzten Male.

Alle Höhenangaben aus der Broschüre des DAV zur Neuen Traunsteiner Hütte

Datum der Tour: 8. und 9. September 2017

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Touren in der Nachbarschaft der Reiteralm:

im Chiemgau

in Berchtesgaden

in Salzburg

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Auf dem 4-Seen Weg beim 4-Seen-Marsch: 14 alpine Berg-Kilometer durchs Ötztal

Auf dem 4-Seen Weg beim 4-Seen-Marsch: 14 alpine Berg-Kilometer durchs Ötztal

Bergtouren-These: Das Ötztal in Tirol ist „hinten“ interessant, wo die Gletscher sind, die hohen Berge, die Einsamkeit, eine Welt weg von der Straße, weg vom Alltag, mit Touren, die schon lange „auf der Österreich Liste“ stehen. Den Rest vom Ötztal kennt man vom Durchfahren, steile Wände rechts und links der Straße, ein paar Dörfer.

Gipfelglück-These: Das ist tatsächlich ein Fall von falsch gedacht. Es lohnt sich, „in der Mitte“ des Ötztals anzuhalten. Links in die Stubaier Alpen aufzubrechen, z.B. zur Winnebachseehütte, rechts in die Ötztaler Alpen, zur 4-Seen-Wanderung von Längenfeld aus. Genau darum geht es heute, die 4-Seen-Wanderung anlässlich des jährlich stattfindenden 4-Seen-Marsches im Ötztal in Österreich.

Eine Kraft und Ausdauer fordernde alpine Wanderung von rund 1600 Hm, bis auf 2.680m, über 14km Länge, ohne Gipfel. Dafür mit 4 wunderschönen Bergseen, in einer klaren, weiten, unverbauten Landschaft, begleitet von Wasser und mächtigen Ausblicken, die dich immer weiter marschieren lassen, immer neue Kraft geben, ganz ohne die Wanderer-Massen anderer Wander-Events.

Werbe-Hinweis: Ich war im Ötztal auf Einladung von Ötztal Tourismus unterwegs.

Gipfelglück beim 4-Seen-Marsch
Gipfelglück beim 4-Seen-Marsch
Foto: Sabine Fein

Die Ruhe und Einsamkeit in diesem Teil der Ötztaler Berge und Bergseen wird ein Mal im Jahr ein wenig gestört: beim 4-Seen-Marsch geht es (für manche TeilnehmerInnen) auf Zeit, es gibt Labestationen mit Skiwasser, Äpfeln und Müsliriegeln sowie Stempelstationen – nur wer 3 Stempel gesammelt hat und rechtzeitig wieder im Ziel in Längenfeld ankommt, bekommt die Marsch-Medaille. Vom Start, den Stationen und dem Ziel abgesehen ist die Tour übrigens nicht so unterschiedlich zu “normalen” Tagen. Die TeilnehmerInnen 2017 gehen (oder rennen) alle ihr eigenes Tempo, relativ schnell entzerrt sich das Feld und man kann trotz “Event” und “Gruppenwandern” (wir starten zu 10.) die grandiose Natur des Ötztals genießen- weite Wiesenflächen, Bäche, eine kantige Felskulisse im Hintergrund und vor allem die vier Seen.

Kulisse für den Ötztaler 4-Seen-Marsch
Kulisse für den Ötztaler 4-Seen-Marsch

Das anstrengendste Stück Weg erwischt einen gleich am Anfang, um 6 Uhr in der Früh. Start ist in Lehn, einem Ortsteil von Längenfeld, auf 1.160m. Es ist noch dunkel, auf steilem schmalem Pfad geht es flott hinauf, alle lassen sich von den ganz schnellen Läufern mitziehen. Die Schnellsten des Marsches sind immer Einheimische, die den Weg in- und auswendig kennen, nicht stehen bleiben zum Fotos machen oder Seen ansehen.

Morgens halb 8 an der Stabelealm/ Ötztal/ Tirol
Morgens halb 8 an der Stabelealm/ Ötztal

Es ist noch immer dämmerig, als wir nach etwas mehr als 1 Stunde den 1. Kontrollpunkt bei der Stabele Alm (1.908m) erreichen, den ersten Stempel bekommen und die erste Ration aus Apfel, Balisto und Skiwasser. Manche nehmen auch bereits den ersten Schnapps… Zum Glück geht es dann bald aus dem Wald heraus, einen weiteren steilen Hügel hinauf und endlich in die Sonne!

Sonniger Hügel beim 4-Seen-Marsch im Ötztal
Sonniger Hügel beim 4-Seen-Marsch im Ötztal, auf dem Weg zum Plattach See

Der Blick geht nun hinunter nach Längenfeld – ups, ganz schön steil! Ganz schön viel geschafft in kurzer Zeit. Gegenüber sieht man auf die Taleinfahrt nach Gries, dort geht es hinein zur Winnebachseehütte, umrahmt von zackigen Dreitausendern, von Neuschnee überzuckert.

Blick ins Tal, nach Längenfeld im Ötztal/ Tirol
Blick ins Tal, nach Längenfeld im Ötztal/ Tirol

Nach dem Hügel kommt endlich der 1. See in Sicht, der Plettachsee auf 2.520m. Zeit für Fotos, Zeit für ein paar Schlucke Wasser, die Gesichter in die Sonne halten. Zur Vorbereitung auf das nächste knackige Stück Weg, das man vom See aus schon gut erkennt:

1. See beim 4-Seen-Marsch: der Plettachsee/ Ötztal/ Tirol
1. See beim 4-Seen-Marsch: der Plettachsee/ Ötztal/ Tirol

Was folgt ab dem Plettachsee ist eine lange “diretissima” zur Felder Scharte, mit 2.680m der höchste Punkt unserer Tour. Mal weiche Bergwiese, mal unbequeme Felsböcke, über Stock und Stein schlängelt sich die Reihe der 4-Seen-Marschierer zur Scharte hinauf. Dort ist alles etwas eng, steil geht es auf der anderen Seite hinunter. Trotzdem nimmt sich jeder Zeit für den Stempel. Für Balisto, Apfel, Skiwasser (und Schnapps).

Die letzten Meter zur Felder Scharte beim 4-Seen-Marsch, 2.680m. Ötztal/ Tirol.
Die letzten Meter zur Felder Scharte beim 4-Seen-Marsch, 2.680m. Ötztal/ Tirol.
Verpflegungs-Stopp Felder Scharte beim 4-Seen-Marsch im Ötztal
Verpflegungs-Stopp Felder Scharte beim 4-Seen-Marsch im Ötztal

Ausgesetzt auf einem schmalen Steig startet der Abstieg zum Weißer See (2.546m). Nach der Pause an der Scharte mag man eigentlich nicht schon wieder stoppen, aber natürlich muss man Fotos machen, wegen der Seen sind wir schließlich da.

Aussicht am Weißer See beim 4-Seen-Marsch im Ötztal/ Tirol
Aussicht am Weißer See beim 4-Seen-Marsch im Ötztal/ Tirol

Anschließend geht es in eine Art Kessel hinunter, dorthin, wo alle Bäche hinfließen, wo die Schäfchen grasen. Es gibt einige Bäche zu queren, dazu unendlich viele Serpentinen in Bergwiesen, und nach einiger Zeit gelangt man auf eine Art Höhenweg, der relativ eben den Hang entlang läuft.

Abstieg in den Kessel, Weißer See Ötztal/ Tirol
Abstieg in den Kessel, Weißer See Ötztal/ Tirol

Das ganze Stück mit herrlicher Aussicht, nur den nächsten See, den sieht man nirgends. Auch der Pfad ist nur zu erkennen durch die vor einem gehenden Wanderer, eine rauhe, den Kopf beruhigende Landschaft aus Grün, Grau und Blau.

Unsichtbarer Pfad zwischen Weißer See und Unterem Spitzigsee/ 4-Seen-Marsch Ötztal/ Tirol
Unsichtbarer Pfad zwischen Weißer See und Unterem Spitzigsee/ 4-Seen-Marsch Ötztal/ Tirol

Dann wird es noch einmal steiler für ein kurzes Stück und man gelangt zum winzigen, grün schillernden Unteren Spitzigsee (2.400m). Vielleicht der schönste der vier Seen, hat er doch eine Mini Hütte am Ufer, mit einer Mini Veranda, auf der man gerne ein paar Stunden verbringen würde, hätte man nicht noch einen 4. See zu besuchen und noch einen Stempel abzuholen.

Unterer Spitzigsee im Ötztal
Unterer Spitzigsee im Ötztal

Auf dem Weg zum Hauersee (2.383m) sitzen wieder einmal ein paar Wegewarte des 4-Seen-Marsches – sie sorgen dafür, dass man wirklich noch zum Hauersee rüber geht und nicht gleich ins Tal absteigt. Noch einmal geht man fast eben, einen Pfad entlang auf eine mächtige Wand zu. Rechts blöken Schafe einen Gruß, es gibt eine Art Gipfelkreuz und man ist regelrecht geflasht, als der See ins Blickfeld kommt: leuchtend türkis ist das Wasser des Hauersees, ganz und gar unwirklich.

Hauersee, unwirklich, türkis, bizarr. Ötztal/ Tirol
Hauersee, unwirklich, türkis, bizarr. Ötztal/ Tirol

An seinem Ufer sitzend kommen auch die Kräfte wieder zurück, die schon am Schwinden waren auf dem Weg hierher. Wieder gibt es eine Ration Stempel, Balisto und Apfelstücke, dazu ein paar Becher Skiwasser – und jetzt lasse sogar ich mich zu einem Schnapps überreden. Der Helfer der Bergrettung Längenfeld will mir sonst keinen Stempel geben, und er trinkt schließlich mit allen Teilnehmern einen Schnapps, da kann ich mich nicht mehr entziehen.

Die Schafe vom Hauersee, auf 2.383 m, im Ötztal/ Tirol.
Die Schafe vom Hauersee, auf 2.383 m, im Ötztal/ Tirol.

Unsere Gruppe hatte sich auf dem Weg zwischen Weißem See und Hauersee etwas entzerrt, jeder hat halt doch ein eigenes Tempo und nicht immer ist es leicht, sich den anderen anzupassen. Am Hauersee (auf 2.383m) finden die mittelschnellen wieder zusammen – die flotten sind längst im Tal, ein paar lassen sich lieber mehr Zeit. Wir steigen ab Richtung Tal, gehen durch leuchtend bunte Wiesen und treffen nun auch zum ersten Mal auf Wanderer, die nichts mit der Veranstaltung zu tun haben, die einfach nur zum Hauersee wollen.

Abstieg vom Hauersee - unvergessliche Landschaft, unvergessliche Augenblicke beim 4-Seen-Marsch.
Abstieg vom Hauersee – unvergessliche Landschaft, unvergessliche Augenblicke beim 4-Seen-Marsch.

Die Beine werden langsam schwer, auch wenn es nur noch bergab geht. Sehnsüchtige Blicke Richtung Terrasse der Innerbergalm (1.965m), doch wir gehen vorbei, irgendwann mag man ja auch mal im Ziel sein. Das letzte Stück wird noch einmal interessant, zwar waren wir hier schon mal, aber das ist Stunden her und da war es dunkel. Eine gute Seele hat die allerletzten Schilder noch etwas motivierender gestaltet und einen “Ziel” Hinweis dazu geschrieben.

Auf der Innerbergalm - einfach mal vorbei marschieren.
Auf der Innerbergalm – einfach mal vorbei marschieren.
Fast im Ziel - Beschilderung beim 4-Seen-Marsch im Ötztal
Fast im Ziel – Beschilderung beim 4-Seen-Marsch im Ötztal

Ein gutes Gefühl, wieder im Tal zu sein. Nach 14 Kilometern und weit über 1.500 Höhenmetern. Schwierig war die Tour eigentlich nirgends, aber es ist schon eine ordentliche Runde. Mir persönlich sind Zeiten nicht wichtig, mir sind meist die vielen Menschen bei Wander-Events zu viel, ich gehe lieber mein eigenes Tempo, brauche weder Medaillen noch Pokale. Ich bin schon zufrieden, wenn ein Bierglas vor mir steht, und mit jedem Schluck die Erschöpfung weniger wird, die Füße weniger brennen, die Schultern wieder lockerer und entspannter sind. Ab und zu nehmen ich dann aber auch gerne die Medaille in Empfang. Geschafft ist geschafft.

Im Ziel beim Ötztaler 4-Seen-Marsch: Bier und Medaille
Im Ziel beim Ötztaler 4-Seen-Marsch: Bier und Medaille

4-Seen-Weg: Infos zur Bergtour

Beschildert ist die Runde immer, auch ohne Event. Dann natürlich ohne Verpflegungsstationen, aufgrund der Länge der Strecke sollte man ordentlich Proviant und Wasser mitnehmen – einkehren kann man nur an der Innerbergalm. Für einen Teil des Weges kann man bequem das Hüttentaxi benutzen. Das Gelände ist hochalpin, der Weg geht bis auf 2.680m hinauf. Zwar ist es nirgends technisch schwierig, aber die Strecke ist lang, eine gewisse Bergerfahrung sollte man also haben. Und das Wetter sollte gut sein, die Ausrüstung den Verhältnissen angepasst. Immer der Beschilderung 4-Seen-Weg folgen.

4-Seen-Marsch auf dem 4-Seen-Weg im Ötztal / Tirol
4-Seen-Marsch auf dem 4-Seen-Weg im Ötztal / Tirol

4-Seen-Marsch: Infos zur Veranstaltung

Veranstalter des 4-Seen-Marsches ist der Ötztal Tourismus, der mich auch zum Marschieren eingeladen hat. 2017 haben 165 Wanderer teilgenommen, 2/3 davon Tiroler und Tirolerinnen. Allerdings merkt man nur am Start etwas von Menschen”massen”, unterwegs hat man seine Ruhe, ist eher für sich unterwegs und kommt dadurch auch gut mit anderen Teilnehmern Gespräch. Man kann sein Tempo gehen, was bei der Länge der Strecke wichtig ist, muss allerdings vor 17 Uhr das Ziel erreichen, wenn man eine Medaille bekommen möchte. Teilnahmegebühr: 10 Euro. Die Bergrettung Längenfeld hat überall Streckenposten für Notfälle, stempelt an den Kontrollpunkten die Karten ab und sorgt mit Essen, Trinken und flotten Sprüchen dafür, dass alle Teilnehmer auch das Ziel erreichen. Nur der Vollständigkeit halber: der Sieger brauchte 2:18 h für die Strecke. Auch 2018 findet der 4-Seen-Marsch wieder in Längenfeld im Ötztal statt.

Mehr als nur Seen - auch an Bächen und kleinen Wasserfällen geht der 4-Seen-Weg vorbei.
Mehr als nur Seen – auch an Bächen und kleinen Wasserfällen geht der 4-Seen-Weg vorbei.
Blick Richtung Tal-Anfang des Ötztals
Blick Richtung Tal-Anfang des Ötztals

 

Ein Tipp zur Vorbereitung auf den 4-Seen-Marsch

Will man vor dem 4-Seen-Marsch eine kleine Wanderung machen, um etwas zu sehen ohne sich vor den 1.600 Hm zu verausgaben: auf zum höchsten Wasserfall Tirols! Der Stuibenfall liegt am Ortsrand vom Umhausen, ist über einen Klettersteig zu erreichen oder über einen zunächst breiten, bequemen Wanderweg. Der geht dann am Wasserfall in nicht enden wollende Treppen über, mit Aussichtsplattformen, die einen ordentlich nass machen. Die herunterrauschenden Wassermassen sind gewaltig. Schwer vorzustellen, dass der 159m hohe Wasserfall im Winter austrocknet. In einer großen Runde geht es durch den Wald dann zurück nach Umhausen (ca 10 km, 580 Hm).

Der Stuibenfall - der höchste Wasserfall in Tirol, bei Umhausen im Ötztal
Der Stuibenfall – der höchste Wasserfall in Tirol, bei Umhausen im Ötztal

Noch ein Tipp zur Vorbereitung

Der Gasthof Krone in Umhausen ist ideal für die Zeit zwischen Wasserfall-Tour und 4-Seen-Marsch. Traditionsreich, in einem historischen Gebäude, mit köstlichem Essen und sehr freundlichem Service. Zu empfehlen: ein Blätterteig Gericht namens Etztålar Håsnar mit Kraut, Schlutzkrapfen und Eis-Palatschinken…

Etztålar Håsnar mit Kraut im Gasthof Krone in Umhausen im Ötztal/ Tirol
Etztålar Håsnar mit Kraut im Gasthof Krone in Umhausen im Ötztal/ Tirol

Und ein Tipp für nach dem 4-Seen-Marsch

Der Aquadome in Längenfeld ist eine große Thermen-, Bade-, Saunaanlage, beliebt bei vielen Besuchern des Ötztals. Hier scheinen sich andere Leute zu tummeln als auf den Wegen, Pfaden und Steigen 2000 m höher, dies ist das Gegenteil zu einsamen, klaren Bergseen. Die Entspannungsbecken, Liegestühle und Saunen sind perfekt zur Erholung nach langen Touren, und während man im 30 Grad heißen Wasser vor sich hin dampft, blickt man auf Fingerspitzen, Hörndl, Gamskogel und Hahlkogel, und fängt schon mal an von den nächsten Bergtouren im Ötztal zu träumen.

 

Datum der Tour: 13. August 2017

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Gipfelbuch: Großes Wiesbachhorn 3.564 m

Gipfelbuch: Großes Wiesbachhorn 3.564 m

Das Große Wiesbachhorn gehört zu den schönsten Bergen in Österreich, oder in den Ostalpen, hört man oft. Über 3.500 Meter hoch ist tatsächlich etwas Besonderes, noch dazu ist die Besteigung des Wiesbachhorns relativ einfach, wenn man gutes Wetter erwischt und der Kaindlgrat so aper ist wie bei meiner Tour.

Was mich am Großen Wiesbachhorn begeistert hat: es sind zwar viele Menschen unterwegs an diesem Berg, aber man hat Ruhe. Ruhe für den Zustieg, Ruhe die Hütte zu genießen, hat keinen Zeitdruck auf den Gipfel zu gelangen oder wieder hinunter. Ist das Wetter gut, wie bei meiner Tour, ist das Wiesbachhorn ein entspannter Dreitausender mit einer fantastischen Hütte – das Heinrich-Schwaiger-Haus zwischen Gipfel und Kapruner Stauseen allein ein Ziel, ein Ort, wo Hüttenfans wie ich einfach einmal gewesen sein müssen.

Kaindlgrat am Großen Wiesbachhorn
Kaindlgrat am Großen Wiesbachhorn (Obacht, der Gipfel ist das hinten links, was gerade aus dem Bild verschwindet!)

Vom Moserboden auf 2.040m geht man rund 2 Stunden zum Heinrich Schwaiger Haus, normalerweise könnte man so losgehen, dass man zum Abendessen oben ankommt, oder evtl zum Nachmittagskaffee. Der Wetterbericht für den Nachmittag war allerdings schlecht, so dass wir auf Nummer sicher gingen – rechtzeitig los, ohne Risiko, ohne Gewitter am Horizont. Ca 9:30 Uhr Uhr Ankunft am Parkhaus, Bus, Standseilbahn, Bus, ca 10:30 Uhr Ankunft am Stausee, kurz vor 1, zum Mittagessen, auf der Hütte.

Ankunft am Moserboden Stausee
Ankunft am Moserboden Stausee, nach der Fahrt mit Bus, Standseilbahn und noch einem Bus.

Ein wichtiger Zwischenstop muss noch erwähnt werden: da, wo die Staumauer in den Wanderpfad übergeht, befindet sich die Vorratskammer des Heinrich-Schwaiger-Hauses. Ein Stoß Holz, zwei Kühlboxen. Und ein Schild – alles muss rauf, bitte helft tragen. Wohlan, der eine nimmt ein Scheitl Holz, ich packe einen Kohlkopf in den Rucksack, Käse und Butter sind in der Mittagshitze doch sehr heikel. Die Dankbarkeit des Hüttenteams ist einem sicher, und begegnet man anderen Wanderern, wird kritisch begutachtet, was die wohl so mit herauftragen.

Vorratskammer des Heinrich Schwaiger Hauses am Stausee
Vorratskammer des Heinrich Schwaiger Hauses am Stausee

Dolce Vita, süßes Nichtstun, ein paar Stunden lang auf der Terrasse auf 2.802m. Blick auf den türkisgrünen Stausee unten, benachbarte Berge und Gletscher, auf rauschende Wasserfälle am Hang unterhalb von Wiesbachhorn und Bratschenkopf. Eine sonnige Terrasse mit Liegestühlen. Nudelsuppe, Kuchen, Weißbier und Kaffee. Da hält man es durchaus ein paar Stunden aus!

Dolce Vita - im Liegestuhl mit Bier und Gletscherblick am Heinrich Schwaiger Haus/ Hohe Tauern, Österreich
Dolce Vita – im Liegestuhl mit Bier und Gletscherblick am Heinrich Schwaiger Haus/ Hohe Tauern, Österreich

Pünktlich zum Abendessen starten Regen und Gewitter. Die Hütte ist pickepacke voll, für eine Handvoll Leute ohne Reservierung werden später Decken in die Stube gebracht, auf dem Fußboden ist gerade genug Platz zum Schlafen. Das Hüttenteam: immer noch freundlich und entspannt, offenbar immun gegen Stress, obwohl sie den ganzen Nachmittag eine volle Terrasse hatten.

Die Halbpension liest sich nach klassischer Hüttenkost, Suppe, Salat, Fleisch. Aber die Zubereitung ist raffinierter als anderswo, Dank nicht-typischer Gewürze im Möhrensalat, weicher Polenta zum Gulasch und Blüten auf der Panna Cotta – gute regionale Zutaten, auf der Karte ist aufgelistet, dass Mehl, Rosinen, Körner aus der Siegsdorfer St. Johann Mühle kommen, das Bier von der Klosterbrauerei Baumburg im Chiemgau (das Helle mit einer besonderen auf die Höhe angepasste Rezeptur), die Bienenstöcke für den Honig stehen an der Staumauer, Fleisch, Schnaps und Speck kommen von “der Familie Rieder vom Schloss Saalhof in Maishofen” – usw.

Die Hütte gehört „meiner“ Alpenvereins-Sektion München & Oberland und hat eine sehr interessante und tragische Entstehungs-Geschichte (siehe Link unten zur Hütten Website). Die Atmosphäre hier und Gemütlichkeit, das gute Essen, das ist es, warum ich Hüttentourn so mag!

Das Kuchenbuffet im Heinrich Schwaiger Haus.
Das Kuchenbuffet im Heinrich Schwaiger Haus – vom Abendessen gibt es leider keine Fotos, ups.

Der Gipfel des Großen Wiesbachhorns ist nur 762 Hm entfernt, man muss nicht allzu früh aufbrechen. 7:30 Uhr ist vollkommen ausreichend, nach einem Frühstück mit Müsli, Obst, frisch gebackenem Brot… Wir packen sicherheitshalber die Steigeisen ein, der Pickel bleibt in der Hütte: der Weg zum Wiesbachhorn ist eisfrei, wurde uns gesagt, höchstens für einen Abstecher Richtung Bratschenkopf oder Klöckerin bräuchten wir Steigeisen.

Das Wetter war übrigens besser, als manche Bilder den Anschein haben, aber durch Wolken und grelles Licht (und nur schnelle Schnappschüsse beim Fotografieren) erscheint der Himmel oft weiß, die Bilder haben deswegen einen dünnen Rahmen bekommen. Perfekt war es nicht, aber die ganze Zeit trocken, beste Hochtouren-Bedingungen.

Wegweiser zum Großen Wiesbachhorn
Da lang – von der Hütte zum Gipfel.

5 min eingehen auf einem Pfad hinter der Hütte, dann folgt bereits die Schlüsselstelle des Tages, eine seilversicherte Kletterstelle, wie man sie auf Hochtouren antrifft. Es geht durch eine Art Kamin hinauf, eine Spaßkletterei, gestört nur durch Stellen mit feuchtem Sand der Vor-Geher; wer sich gut am Seil festhält, kommt problemlos rauf. Selbst als Hund, wie man sieht, nur eine Stelle erfordert einen so großen Schritt, dass der Hund kurz getragen werden muss (klar, dass ich genau vor dieser Stelle dann etwas Bammel im Abstieg habe – aber sowohl der Hund als auch ich sind gut runter gekommen, wieder einmal besser als befürchtet).

Anstehen zum Klettern: die Schlüsselstelle auf dem Weg zum Wiesbachhorn
Anstehen zum Klettern: die Schlüsselstelle auf dem Weg zum Wiesbachhorn

Ein wenig Blockkletterei, die an den Hohen Riffler im Zillertal erinnert, dann blicken wir zum berühmten Kaindlgrat. Links Gletscher und die Felswände Richtung Hoher Tenn, rechts Gletscher und die prächtige Kulisse aus Bratschenkopf und Klöckerin, hinter denen recht bald auch der Großglockner auftaucht, die Spitze meist in Wolken versteckt.

Bröselig auf dem Weg zum Kaindlgrat
Bröselig auf dem Weg zum Kaindlgrat
Der erste Blick auf den Grat und auf den Gipfel des Großen Wiesbachhorns
Der erste Blick auf den Grat und auf den Gipfel des Großen Wiesbachhorns

Vom Kaindlgrat sieht man oft grandiose Fotos. Eisig, weiß, steil nach beiden Seiten, ein einzelner Bergsteiger, der Farbe ins Bild bringt. Bei uns: Der Weg auf dem Grat ist komplett eisfrei, entsprechend ist er viel breiter als auf Bildern, bequem zu gehen, und alles ist voller Menschen. Neben den 80 von der Hütte sind inzwischen auch diejenigen dabei, die mit dem ersten Bus im Tal losgefahren sind und das gute Wetter nutzen. Tolle Fotos ohne Getümmel bekommt man trotzdem hin! Auch Fotos Richtung Großvenediger, zur Glockner Hochalpenstraße im Fuscher Tal unten, zu den Steinbergen und dem Kaisergebirge am Horizont.

Komplett aper, der Kaindlgrat. Eisfreie Hochtour im August.

Der Pfad ist generell gut zu gehen, am Ende des Kaindlgrates, am Beginn des Gipfelaufbaus, kann man links am Steinmandl über den Nordwestgrat gehen oder rechts, weniger ausgesetzt, in einem Bogen. Der Pfad ist oft ein bröseliger Sand, teilweise ganz weich. Der Endspurt zum Gipfel ist noch mal steil, jeder sucht sich irgendwie seinen Weg über gestapelte Felsbrocken, durchsetzt von dünnen Neuschnee-Flecken.

Die letzten Meter zum Gipfel am Großen Wiesbachhorn in den Hohen Tauern
Die letzten Meter zum Gipfel am Großen Wiesbachhorn in den Hohen Tauern

Und dann wird es flach, und mit sicher 20 anderen stehen wir am Gipfel des Großen Wiesbachhorns auf 3.564m. Prompt ziehen Wolken auf, Sicht ist kaum noch vorhanden, der Wind ist frisch, aber die Stimmung gut.

Gipfelglück am Großen Wiesbachhorn, 3.564m
Gipfelglück am Großen Wiesbachhorn, 3.564m

Was man durch die Wolken im Osten nicht sieht: die Ostwand ist die “höchste durchgehende Flanke der Ostalpen”, mit 2.400 m ins Fuschertal hinunter. Wolken und Sonne malen dafür wundervolle Muster auf die Gletscher ringsherum, oder das, was von ihnen noch übrig ist. Ich habe die große Kamera wieder einmal im Tal gelassen, die Bilder vom Handy sind nicht schlecht, aber kein Vergleich zur Realität. Die echten Bilder bleiben im Kopf!

Gletscherblick.
Gletscherblick.
Blick hinunter auf die Großglockner Hochalpenstraße, Österreich
Blick hinunter auf die Großglockner Hochalpenstraße, Österreich

An der Wielingerscharte (3.265m) ist Pause angesagt, es ist weniger windig, die Sonne wärmt tshirtfähig, wir beobachten ganze zwei Bergsteiger auf dem Gletscher, die in voller Gletschermontur am Bratschenkopf unterwegs waren.

Glockner, Bratschenkopf uvm. Aussicht!
Glockner, Bratschenkopf uvm. Aussicht!
Grauer als die Realität, das Foto, aber das Erlebnis haftet fest in der Erinnerung. Der Kaindlgrat.
Grauer als die Realität, das Foto, aber das Erlebnis haftet fest in der Erinnerung. Der Kaindlgrat.

Der Blick beim Abstieg ist herrlich, tief unter uns leuchtend blau die Stauseen, davor winzig, auf dem einzigen flachen Stück weit und breit, das Schwaiger-Haus.

Ausblick Moserboden und schweiter Haus
Ausblick im Abstieg: Hütte und See.
Ein Ort näher am Himmel. Die Terrasse des Schwaiger Hauses im Salzburger Land/ Österreich.
Ein Ort näher am Himmel. Die Terrasse des Schwaiger Hauses im Salzburger Land/ Österreich.

Der Weg zwischen Hütte und Stausee ist dann irgendwie nur noch Pflichtprogramm – jeder will einfach nur noch runter. In ca 50 Serpentinen, auf staubigem, sandigem Untergrund, zum Pfeifen der Murmeltiere, mit Blick auf die Stauseen und auf heranziehende Wolken Richtung Zivilisation. Auch wenn diese die ganze Zeit im Blick war – auf der Hütte und weiter oben ist man halt doch weit weg. Weg vom Alltag, weg vom Lärm, weg vom Asphalt. Unter Bergsteigern. Dem Himmel ein Stück näher.

Venediger Hohe Tauern in Österreich
Blick zum Großvenediger und seinen Nachbarn

Fazit: Unter den guten Wetterbedingungen, die wir hatten, ist das Große Wiesbachhorn ein relativ einfacher 3.000er, ohne große Kletterstellen, ohne Gletscherspalten, ohne Orientierungsschwierigkeiten. Sobald es vereist ist, man mit Regen, Schnee, Nebel zu kämpfen hat, sieht es schon ganz anders aus. Und auch bei gutem Wetter darf man die Höhe nicht unterschätzen, eine Übernachtung in einer vollen Hütte auf 2.800m ist kein Schönheitsschlaf.

Das Schwaiger Haus ist eine wundervolle Hütte, in grandioser Lage und vielleicht gerade durch die Nähe zu den Stauseen und ihrem Massentourismus mit einer sehr besonderen Atmosphäre.

Datum der Tour: 26. und 27. August 2017

Alle Höhenangaben aus der Broschüre des Alpenvereins zum Heinrich Schwaiger Haus.

Schwarz Weiß Panorama. Kaindlgrat in den Hohen Tauern.
Schwarz Weiß Panorama. Kaindlgrat in den Hohen Tauern.
Blick zum Kitzsteinhorn über den Kapruner Stauseen samt Kaindlgrat
Blick zum Kitzsteinhorn über den Kapruner Stauseen samt Kaindlgrat
Endspurt zum Gipfel Wiesbachhorn. Ohne Menschen auf dem Foto, seltsam...
Endspurt zum Gipfel. Fast ohne Menschen auf dem Foto, seltsam…
Gletscherformen und Gletscherfarben, Hochtouren-Freuden.
Gletscherformen und Gletscherfarben, Hochtouren-Freuden.
Gletscher und Wasserfälle - Blick von der Terrasse des Schwaiger Hauses am Wiesbachhorn
Gletscher und Wasserfälle – Blick von der Terrasse des Schwaiger Hauses am Wiesbachhorn
Und näher dran - der Wasserfall an der Berghütte, Schwaiger Haus
Und näher dran – der Wasserfall an der Berghütte, Schwaiger Haus
Mittagessen auf dem Heinrich Schwaiger Haus, idyllisch mit Bier und Wäscheleine.
Mittagessen auf dem Heinrich Schwaiger Haus, idyllisch mit Bier und Wäscheleine.

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Website des Heinrich Schwaiger Hauses (mit vielen interessanten Hintergründen zur Geschichte der Hütte, lesenswert!)
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