Auftaktfahrt

Auftaktfahrt

Was soll man schon machen, wenn es draußen über zehn Grad und knallblauen Himmel hat? Ja, genau, Radfahren. Und zwar diesmal nicht allein. Premiere. Der Mann ist seit drei Monaten auch Rennradfahrer und entsprechend motiviert. Und so reißt er mich aus meiner Rennradlethargie, die mich quasi seit der Cyclassics  im August überkommen hatte und wir fahren los. Ich gebe vorher zu bedenken, dass ich nicht besonders schnell bin, und dass er ohne mich deutlich zügiger unterwegs ist, aber guter Mensch, der er ist, will er mit mir zusammen fahren. Na, dann los.

Mann in Rennradkleidung repariert einen platten Reifen.
Bei Kilometer 3,6 ist der Mann platt.

Bis Kilometer 3.6 geht es ganz gut. Dann müssen wir ein Päuschen machen, weil das Rad des Mannes einen Platten hat. Er flickt, und ich twittere ein bisschen in der Sonne bis er wieder prall ist, der Schlauch, und wir weiter können.

Ohne großen Plan, aber inspiriert von den Tourenvorschlägen meines Radkollegen, fahren wir gen Norden zum Speichersee. Derart ungeplant kommen wir dann leider auf eine Matschpiste, die unsere Fahrt etwas entschleunigt. Aber eilig haben wir es ja eh nicht. Ich zumindest. Der Mann muss irgendwann mal Pause machen, um sich etwas mehr anzuziehen. Er friert bei diesem Tempo. Seine Probleme möchte ich haben.

Wir beobachten wie Norddeutsche nach Norden wollen aber nicht können, weil ganz viele das selbe wollen

Fahrten wie diese wird es vermutlich demnächst noch ein paar mehr geben, weil der Mann und ich haben tatsächlich dieses Jahr ein gemeinsames sportliches Ziel, nämlich sind wir beide angemeldet für den Velothon im Mai in Berlin. Für die Hundert-Kilometer-Strecke.

Ja, ich trau mich nochmal. Nachdem ich die sechzig Kilometer in Hamburg ja ganz gut geschafft habe, werde ich jetzt mutig. Statt der sechzig traue ich mich hundert, und außerdem ist Berlin brettleben.  Das wird schon hinhauen. Sag ich jetzt mal für mich.

Und das war Ziel Numero 2 für 2018.

2017 war OK

2017 war OK

Vor einem Jahr schrieb ich “2017 wird gut“. Rückblickend sage ich, 2017 war OK, aber mehr auch nicht.

Ich hatte mir ein Ziel gesteckt, dass ich leider nicht erreichte. Wollte ich doch gerne die 120er-Runde bei den Cyclassic mitfahren. Das wurde nichts. OK, ich bin die 60er gefahren. OK, war in einer mir bisher unbekannten Geschwindigkeit. OK, war ein schönes Erlebnis. Aber …

Für das Training auf dieses Rennen im August wollte ich viertausend Kilometer gefahren haben. OK, es fehlten 150. Und die fehlen immer noch, weil ich seither quasi nicht mehr auf dem Rad saß. OK, ich habe anderes gemacht, aber Radfahren war fast nichts mehr.

Dann hatte ich insgeheim die Hoffnung, mit diesem Trainingsanreiz auch ein wenig (=viel) Gewicht zu verlieren, was aber überhaupt nicht stattfand. Im Gegenteil: diese Trainingsapps und -armbänder rechneten mir immer utopisch hohe Werte von verbrannten Kalorien vor, was ich a) nicht hinterfragte und b) als Entschuldigung für allerlei Ungezügeltheiten hernahm. Das Ergebnis ist fatal, was man leider auf den recht teuren und daher messerscharfen Rennfotos der Cyclassics deutlich sieht.

OK, andere mit meinem BMI und meinem Alter fahren keinen dreißiger Schnitt, fahren vielleicht gar nicht. Weiß ich schon, aber wiederum andere in meinem Alter sind deutlich schlanker und fahren daher schneller und pusten nicht so schlimm. Kommt halt immer darauf an, mit wem man sich vergleicht.

Nachdem diese Fotos da waren, war ich erstmal recht unglücklich, bis ich dann endlich die diversen Zaunpfählen, die auf mein Hirn fielen, bemerkte.  Den ersten warf die Hausärztin, die mich zum Kardiologen schickte wegen der Kurzatmigkeit. Bin ich natürlich nicht hingegangen. Immerhin fuhr ich neulich noch zwei Stunden mit einem 150er Puls ein Rennen ohne tot umzufallen. Sie hätte auch einfach sagen können: Sie sind zu dick. Nehmen sie ab. So ähnlich hat es dann die Homöopathin gesagt, die ich als nächstes konsultierte (ich hatte noch ein paar Tage Urlaub). Die hat mir empfohlen, den Sport so weiter zu machen wie bisher, nur drei Mahlzeiten zu essen und auf Zucker ganz und Kohlehydrate so viel wie möglich zu verzichten. Globuli wären mir lieber gewesen, aber zusammen mit einem Buch, dass mir als Rezensionsexemplar just am selben Tag ins Haus flatterte, waren das genug Zaunwinke – sogar für mich.

Ausdauer und Paleodiät

Mark Sisson und Brad Kearns versprechen Ultimative Ausdauer. Es geht es um Paleoernährung und Ausdauertraining.  Beim ersten Durchblättern erkenne ich mich nicht als Zielgruppe (eindeutig für eh schon fitte und amerikanische Männer geschrieben, die noch fitter werden wollen. Aber so ein paar Ideen bleiben dann doch hängen:  Paleo bedeutet quasi keine Kohlehydrate. Kommt mir bekannt vor. Und zum Ausdauertraining sagen die Autoren, dass sie sich von ihrem Körper leiten lassen anstatt von Trainingsplänen. Sehr sympatisch. Nein im Ernst, das hat echt funktioniert. Beim Schwimmen probierte ich es einfach mal aus, nahm das Tempo raus, von dem ich bisher dachte, dass es nötig sei, und prompt war die Ausdauer da. Bis dato konnte ich noch nie zwei oder dreitausend Meter kraulen ohne mal eine Bahn zu brusteln. Jetzt schwimme ich einfach langsamer in einem Tempo, dass ich noch hinterherkomme und auf einmal geht es viel länger. OK, hört sich jetzt banal an, aber dass ich dreitausendfünfhundert Meter am Stück Kraulen kann, wusste ich bisher noch nicht. Seither war ich viel Schwimmen und wurde auch schneller. Meine Fünfhundert Meter haben sich seit seit letztem Jahr signifikant verschnellert. Wenn ich gut in Mathe wäre, könnte ich jetzt einen Faktor angeben. So muss es reichen, dass ich sage, die Kurve geht recht steil nach oben. Das war schon eine schöne Erkenntnis. Und schön ist es auch, in der Umkleide angesprochen zu werden, ob ich nicht die mit der rosa Badekappe sei, die so schnell schwimmt. Honigkuchen ist nichts gegen mein Grinsen, sag ich Euch. In dem Moment war es mir auch mal kurz egal, dass andere zur selben Zeit im Becken schneller waren.

Die in dem Buch vorgeschlagene Paleo-/No Carb-/Ketogene Ernährung hielt ich drei oder vier Wochen sehr strikt durch und die Erfolge waren enorm: viel mehr Energie, bessere Verdauung, reinere Haut, gute Laune und einige Kilos weniger. Ich frage mich jetzt rückblickend, warum ich eigentlich aufgehört habe. Weiß ich gar nicht mehr. Aber ich weiß, dass ich wieder anfangen werde. In der Erinnerung ist die No Carb-Zeit schön. Auch wenn die Muffins aus Sonnenblumenmehl und Erbsenprotein schon recht gewöhnungsbedürftig sind. Kann sein, dass ich in der nächsten Zeit ein bisschen mehr über diese Ernährungsweise sprechen werde; wenn nicht hier dann da oder dort.  Das weiß ich noch nicht. Aber das Thema Gewicht ist ein gewichtiges und ich muss es endlich thematisieren.

Während ich das hier schreibe, denke ich, dass dieses Jahr vielleicht doch ganz OK war – und nicht nur O-keeeh. Die Fahrradreisen mit dem Sohn zum Beispiel waren mehr als OK. Die Spreewaldtour im Regen mit dem Mann auch. Die vielen Berlinreisen, zuletzt als Marathon-Groupie für den Mann. Sogar der Fünfzigste Geburtstag und seine diversen Feiereien war ganz OK in der Retrospektive.

Das nächste Jahr fängt gleich an. Pläne habe ich natürlich auch schon. Über die schreibe ich aber ein ander Mal. Hier geht es nämlich weiter bei Andraktiv.de, weil Alexandra ist aktiv. DE

 

Ungebremst auf dem Ring unterwegs

Ungebremst auf dem Ring unterwegs

Wieder ein Fahrrad-Event in München: die Initiative Radlhauptstadt München lädt zur Ringparade auf dem Mittleren Ring. Für die Nicht-MünchnerInnen: Der Mittlere Ring ist ein vierspurige Straße um München herum, ist offiziell ein Teil der B2, hat eine Länge von etwa 28 Kilometern und gilt als Deutschlands staureichste Strecke, sagt Wikipedia und ich kann bestätigen, dass “Stau am Mittleren Ring” zum Münchner Autosalltag gehört. Auch so heute. Für die Ringparade war nämlich fast die ganze westliche Hälfte in einer Richtung für den Autoverkehr gesperrt. Die Autos, die das nicht wussten, stapelten sich schon weit vor der Sperrung. 

Einige Radfahrer mit weißen T-Shirts mit der Aufschrift des MVG Bikes Stau im Candidtunnel Zwei Gesichter Radfahrer auf dem Mittleren Ring. Leute auf einer Brücke klatschen.

Für die Radlerinnen und Radler blieb es weitgehend staufrei. Der Mann und ich kommen zügig voran (nein, wir sind natürlich nicht gerast, könnte ich ja auch gar nicht, aber wir waren doch vornehmlich auf der linksten Spur unterweg).

Mit Genuss beobachte ich wieder die Diversität der Radszene. Im Gegensatz zu den vorherigen Veranstaltungen (z. B. hier) sind etliche Kinder dabei, manche mit wirklich sehr kleinen Reifen, sie mühen sich ab, aber haben offensichtlich Spaß. Bassdröhnen kündigt so ein paar wirklich ganz coole Teenager mit Musikmaschine und Skateboard hinten drauf an. Wir sehen die Hipster mit Bärten auf Single Speed oder Retro-Peugeot-Rennrad. Bei diesem Anblick muss der Mann unweigerlich immer bedauern, dass er “damals” sein altes Rennrad wegwarf anstatt es aufzuheben. Tja, wenn man immer wüsste, welcher Schrott irgendwann mal wieder cool wird.

Wir überholen weiter: die lässige Oma auf einem Brompton, den wirklich sehr schweren Mann auf einem Rad, das aussieht als könne es nicht mehr. Noch mehr Bäuche in grellbunten nagelneuen Rennoutfits, die Damen auf Hollandrad mit Korb vorne (wahlweise mit oder ohne Hund), die Mütter, die während der Fahrt gekonnt Flaschen austeilen und Jacken im Korb hinten verstauen, die Väter, die den Burley oder den FollowMe mit dem Nachwuchs ziehen und und und

So vielfältig die Radszene ist, so viele Klischees bedient sie auch. “Zeig mir dein Rad, und ich sag dir, wer du bist”, ein Spiel, dass ich genauso gerne spiele wie die Ähnlichkeiten zwischen Hund und Herrchen bzw. Frauchen festzustellen.

7.000 Zweiräder waren heute unterwegs, trotz unsicheren Wetters. Respekt, München!

Franken erradeln

Franken erradeln

Boot auf der Regnitz, Bamberg im Hintergrund

Noch ein paar Tage Urlaub übrig, der Sohn hat noch Sommerferien, was fällt mir da sofort ein: Eine Radtour. Der Sohn ist aus Reflex erstmal dagegen, aber mit ein paar Überredungstricks gelingt es ihn zu überzeugen. Start soll Ingolstadt sein, weil das das Ende der letzten Tour war, Ziel ist die Oma in der Rhön. Die gesamte Strecke werden wir in den drei möglichen Tagen nicht schaffen, daher plane ich so, dass wir in der Nähe von Bahnstrecken bleiben.

Am Ende ist es so, dass wir am Montag am Nachmittag in Nürnberg starten. Das Loch zwischen Ingolstadt und Nürnberg müssen wir halt wann anders füllen. 

Tag 1: Nürnberg – Erlangen – Forchheim (37 km)

Nürnberg stresst uns gleich mal ordentlich, und zwar nicht nur der Burgberg sondern auch der Stadtverkehr. Der Sohn wird von einem Laster angehupt und verliert verständlicherweise gleich mal die Fassung. Der Arme. Es dauert ein bisschen bis er wieder fahrfähig ist und noch ein bisschen mehr bis wir endlich aus diesem Verkehr raus sind. Zum Glück führt uns der Weg bald einen breiten neuen Radweg, der uns geschützt bis Erlangen bringt. Aber schön ist was anderes. Direkt an einer vierspurigen Bundesstraße entlang, viel Rad(gegen)verkehr. Insgesamt ein stressiger Beginn. In Erlangen gönnen wir uns die erste Pause. Der Sohn hat ein neues Smartphone/Kamera und muss immer mal wieder Fotos machen. Aus Erlangen raus wird es langsam besser, noch ein Stückchen an der Autobahn entlang und dann wird es tatsächlich ruhig. Am Main-Donau-Kanal entlang, über die Regnitz und nach Forchheim rein. Forchheim ist wunderschön und das schönste ist das Kopfsteinpflaster in der Innenstadt. Es sieht aus wie ein Killerpflaster lässt sich aber überraschend gut fahren, überhaupt nicht holprig (könnte man das nicht allen anderen hübschen alten Innenstädten verkaufen?). Der Abend klingt aus auf dem Marktplatz mit einem spitzen Burger und selbstgemachtem Eistee. Passt.

Der Marienplatz von Erlangen mit einem Brunnen Räder im Zugabteil Junge steht an der Autobahn und filmt mit dem Handy Marktplatz mit Fachwerkhäusern

Tag 2: Forchheim – Bamberg – Haßfurt (61 km)

Es gelingt mir tatsächlich, dass wir schon um halb zehn im Sattel sitzen. Ganz hinten in meinem Kopf habe ich als Ziel Schweinfurt, was gut achtzig Kilometer wären. Der Sohn  ist skeptisch. Wir fahren einfach mal los. Bis Bamberg ist es toll: Am Kanal entlang, schön ruhig, gut zu fahren, noch nicht zu heiß. Der Sohn gibt wieder den Navigator und macht das wirklich gut. Kurz vor Bamberg sehen wir das Schild zu Fähre von Pettstadt. Der Sohn drängt auf den Umweg. Ich wundere mich, aber dann nicht mehr als ich sein langes Gesicht sehe beim Anblick der Fähre. Die bringt einen nämlich nur von einem Flussufer zum anderen und nicht, wie er annahm, bis Bamberg oder darüber hinaus. Ich glaube, er hatte noch von den Schwedenfähren im Kieler Hafen ein anderes Bild im Kopf. Also doch weiterradeln. Jetzt auf der “falschen” Seite der Regnitz werden wir in Bamberg vor die Wahl gestellt: 60 Stufen zum Stephansberg hoch oder nochmal Fähre fahren.  Wir sind uns einig. Keine Diskussion nötig.

In Bamberg gibt’s was leckeres zu essen und nach einer klitzekleinen Stadtverfahrung sind wir auch schon am Mainradweg. Inzwischen ist es wirklich heiß geworden. Das Windchen vom Wasser hilft nicht viel. Der Sohn zeigt jetzt schon Ermüdungserscheinungen, rote Handflächen und Poweh. Ich verspreche, dass Schweinfurt heute nicht mehr unser Ziel sein wird, und dass wir vorher ein Bett finden. Weil uns die Hitze beide ganz schön nervt, googlen wir nach Bademöglichkeiten in der Nähe. Diesmal dachten wir nämlich an Badesachen. Schade, die letzte Badestelle im Main liegt hinter uns. Keine Option also. Der nächste See ist der Baggersee in Sand am Main. Noch acht Kilometer. Kurz: Wir erreichen den See, kühlen uns auch kurz darin ab, aber ein Genuss war das nicht, dazu war das Wasser zu schmutzig und das Kieswerk am anderen Ende zu laut. Und es hing so ein komischer Geruch in der Luft. Aber egal, wir sind wenigstens soweit wieder hergestellt, dass wir die restlichen zehn Kilometer oder so bis Haßfurt schaffen.

Zwei Fahrräder auf einer Flussfähre mit dem Fährmann im Hintergrund Steile Straße mit einem Straßenschild mit 20% Steigung Gerader Radweg, Autobahnbrücke im Hintergrund Hotel mit Raddekoration auf dem Balkon Boot auf der Regnitz, Bamberg im Hintergrund Fluss mit spiegelglatter Oberfläche

Tag 3: Haßfurt – Schweinfurt (22 km) – Würzburg (74km)

Plan für heute: Bis Schweinfurt mit dem Rad, dann mit dem Zug nach Bad Kissingen und von dort bis in die Rhön hoch. Wie gesagt, Plan. Das schöne an Plänen ist ja, dass man sie umwerfen kann.

Teil eins ziehen wir noch durch, und wie. Der Sohn scheint gedopt. Er legt ein Tempo vor, dass mir für den frühen Morgen und überhaupt zu ungemütlich ist. Weil auf dem Mainradweg nicht viel passieren kann und Verfahren auch nicht so leicht ist, lasse ich ihn ziehen. Am Ortsschild von Schweinfurt wartet er dann auf mich, total happy über seinen Schnitt von knapp 22 km/h. Und dann hält er mir noch einen Vortrag über wie schön Radfahren ist, aber nur wenn man den Weg noch nicht kennt und immer weiter fahren kann. Zur Schule radeln oder im heimatlichen Umland ist zu langweilig. Ich freue mich.

Dann formuliere ich meine Idee, die ich schon eine Weile denke: Wie wäre es, wenn die Mutter einfach weiter auf dem Mainradweg fährt und der Sohn allein in die Rhön abbiegt. Dreizehn Kilometer müsste er allein bewältigen. Navi lesen kann er ja. Zu meiner Riesenüberraschung sagt er ja. Um dann kurz darauf doch Muffensausen zu bekommen. Aber: Er organisiert, dass die Großeltern ihn abholen in Bad Kissingen und als ich ihn in Schweinfurt in den richtigen Zug gesetzt habe, darf ich allein weiterfahren.  OK. So einfach ist das jetzt mit einem Teenager. Muss ich mich auch erst dran gewöhnen.

Den Mainradweg habe ich schnell wieder gefunden, alles super ausgeschildert. Jetzt zur Mittagszeit ist er auch schön leer. Die Rentnertrupps sind entweder schon am Ziel oder gerade am Essen. Ich möchte heute noch nach Würzburg und von da mit dem Zug heim. Mainradweg dachte ich, aber irgendwann sehe ich ein Schild nach Würzburg, dem ich folge. Der Weg geht weg vom Main, hinein ins tiefste unterfränkische Hinterland. Zwischen Werneck und Würzburg ist nichts außer leere Dörfer, und ich meine leere Dörfer. Inzwischen sind meine beiden Trinkflaschen nämlich fast leer und ich halte aktiv Ausschau nach Menschen, die ich um einen Tropfen Wasser anbetteln könnte. Nichts. Wo sind die alle? Zwischendurch twittere ich an den Fränkischen Tourismusverband, sie mögen doch mal über Trinkwasserbrunnen in den Dörfern nachdenken. Die Radwegführung ist auch nicht eben hilfreich, denn die leitet einen eher zu einer Wallfahrtskirche als durch ein Dorf mit Laden oder Tanke, was vielleicht auch daran liegt, dass ich tatsächlich auf dem Fränkischen Marienweg unterwegs bin.

Leere Felder und ein einsamer Radweg Fahrrad vor einem Fußballplatz

Inzwischen weht auch noch ein richtig fieser Wind, der den nahen Wetterumschwung ankündigt, aus der Fahrtrichtung natürlich. Auf den baumlosen Höhen kann er sich auch so richtig austoben.  Und endlichendlich in einem Dorf sitzt eine Frau mit ihrem Kind im Hof, und ich bekomme meine beiden Flaschen gefüllt. Und ich erfahre, dass Würzburg nun gar nicht mehr weit ist. Nur noch da im Bachgrund lang und über den Berg und schon da! Über den Berg schiebe ich, und auf der anderen Seite vom Berg freue ich mich über meine neuen Bremsen. Und dann bin ich tatsächlich da. Noch Zeit für ein Stück Zwetschgendatschi und kurz darauf sitze ich im Zug nach München. In der Zugtoilette versuche ich mir und meinen Mitreisenden einen Gefallen zu tun, und den gröbsten Kleb und Stink von mir zu waschen. Und weil ich fürchte, dass es nicht gut gelungen ist, bewege ich mich einfach so wenig wie möglich. Anschlusszug in Nürnberg wartet schon auf mich, die passende S-Bahn in München auch, und der Mann daheim auch. Fertig. Drei tolle Tage, mit Sohn, mit Fahrrad, mit Sonne und wieder einem Flussradweg zum Abhaken.

Siehste wohl, geht doch!

Siehste wohl, geht doch!

In der Morgensonne warten Frauen auf Rennrädern auf den Start

Was hab ich mir Gedanken gemacht, gerechnet, gezweifelt, geplant, gegrübelt. Und dann ging alles ganz schnell und es war super schön. Acht Monate Vorbereitung physisch wie psychisch für zwei Stunden und vierundvierzig Sekunden Rennen. Siehste wohl, geht doch. Und wie es ging!

Tag 1 vor X : Ausflug nach Hamburg für 1. Startnummer abholen 2. Wettkampf-Tüte mit Werbung und Alpecin-Shampoo entgegennehmen 3. Exhibition auf dem Rathausmarkt genießen 4. Handschuh-Schnäppchen kaufen 4. mit Onkel und Tante treffen 5. essen gehen, 6. Elbphilharmonie angucken und 7. wieder heimfahren 8. Siebensachenpacken 9. früh schlafen gehen.

Plastik-Beutel auf dem Rücken des Sohnes Zielleinlauf noch ohne Räder Lange Theke mit Leuten, die ihre Startnummer abholen Alexandra hält ihre Startnummer und grinst in die Kamera Zielbogen in der Mönckebergstraße Elbphilharmonie
Morgendämmerung vor einer Waldsilhouhette.
Vor dem Aufstehen aus dem Haus. Müdigkeit schlägt Nervosität.

Tag X: Der Wecker klingelt als noch eine vier vor den zwei Punkten steht und es noch nicht mal hell ist. Um sechs fährt der Zug im etwas entfernten Ort. Eine weitere Stunde später sind wir in Hamburg Dammtor, mit genügend Zeit vor dem Start. Genügend Zeit, um über die Kleidungsfrage nachzudenken. Ich entscheide mich gegen Jacke und für Kurz, obwohl es noch ein bisschen frisch ist. Der Mann gibt mir den Rat: Wenn dir kalt wird, musst du schneller treten. Ich sortiere mich in den Frauenblock ein, mittleres Starterfeld. Lauter Frauen wie ich, von Form und Alter her. Ich fühle mich wohl, die Nervosität schwindet deutlich. Schwätzchen mit einer, die genauso unerfahren ist. Das tut gut. Nach dem Start fahren wir ein Stücken nebeneinander her und treffen uns immer mal wieder. Genauso wie ich immer mal wieder die selben Namen sehe. Die Rücken von Sandra, Nina, Jessica kenne ich jetzt gut, ihre Gesichter weniger.

In der Morgensonne warten Frauen auf Rennrädern auf den Start
Frauenblock vor dem Start

Fünf – zehn – fünfzehn Kilometer. So langsam komme ich in Tritt. Finde immer wieder Löcher in den Menschenknubbeln, die mich entspannt fahren lassen. Lieber fahre ich mal ein bisschen langsamer und lasse eine Gruppe vorbei, als dass ich mich in den Pulk einsperren lasse, denn inzwischen sind wir schon am zweiten Unfall vorbeigekommen. Auf einer großen Bundestraße, autobahnähnlich und gesperrt für uns fällt vor mir ein alter Mann vom Rad. Ich steige ab und helfe ihm und seinem Rad von der Straße bevor er von der heranfahrenden Meute überfahren wird. Mit etwas schlechtem Gewissen fahre ich weiter, bevor der Notarzt da ist.
Etwa zur Hälfte der Rennstrecke schaue ich mal auf mein Garmin. Bisher hatte ich nur die Kartenansicht in der Anzeige, hatte mir die Geschwindigkeitsanzeige verboten. Aber: 29 km/h Durchschnitt. Wow!

Die zweite Hälfte der Strecke begrüßt uns mit einigen Gegenwind-Kilometern und nicht ganz so perfektem Straßenbelag. Jetzt sind alle nicht mehr so hektisch, habe ich den Eindruck. Ich genieße die Landschaft, den Blick auf die Elbe irgendwann, winke den Winkern am Straßenrand zu (weil ich weiß, dass die sich freuen, wenn ein Feedback aus der Masse kommt). Und kurz denke ich über die 120-Kilometer-Runde nach. Ein bisschen bin ich enttäuscht, dass die vielen Monate und Trainings-Kilometer nicht die Form dafür brachten, aber was soll’s. Ist halt so.

Rennradfahrer und -fahrerinnen, die ihr Rad durch die Finisher-Zone schieben.
Wir sind fertig.

Kurz vor Kilometer vierzig werde ich nervös, denn da kommt der schlimme Anstieg von Blankenese. Innerlich auf Absteigen vorbereitet bin ich sehr erstaunt, dass ich zum einen fahre und zum anderen sogar an einigen vorbeiziehe. Gutes Gefühl — trotz des 170er-Pulses. Und dann ist der Anstieg geschafft. Ich bemühe mich um ein Lächeln in die automatische Fotoanlage, fahre durch das Luftschlauch-Tor und genieße die Abfahrt. Das war’s. Die restlichen fünfzehn Kilometer trete ich zügig und oft zeigt der Tacho ordentlich über dreißig.

Selfie
Lacht sie oder weint sie? Sie weiß es selbst nicht.

Dann der Zieleinlauf. Die berühmte Mönckebergstraße. Eng abgesperrt, ordentlich Zuschauer, die Radau machen. Plötzlich bildet sich ein superfetter Kloß in meinem Hals der unweigerlich aufsteigt. Ich trete in die Pedale, damit ich sagen kann, dass die Tränen vom Fahrtwind kommen. Ziel. Ausrollen, ein paar hundert Meter um den Block. Finisher-Medaille einsammeln, Selfie machen, Breze essen. Fertig. Das war es. Ich habe es geschafft. Die Familie findet mich und gratuliert. Ich habe es tatsächlich geschafft. Ein Twitter-Kommentar fasst alles in kurzen Worten zusammen: Siehste wohl, geht doch!

Für die Statistik:

Offizielle Streckenlänge 56,7 km
Durchschnittliche Geschwindigkeit 28,18 km/h
Platzierung unter 992 Frauen 559
Platzierung unter 269 Seniorinnen 2 161
Platzierung unter allen 4841 Männern und Frauen 3716