“…if I should ever recover…”

“…if I should ever recover…”

Dieses hübsche Zitat von André Greipel, der am Sonntag coolerweise ebenfalls beim NRW Crosscup in Hürth-Kendenich am Start war, leitet meine heutige Trauma-Verarbeitung passend ein. Die Radflamingos haben sehr gelitten und befinden sich damit in guter Gesellschaft. Das tröstet ein bisschen.

Mit DEN Beinen kann das doch gar nicht so anstrengend sein!

Auf Instagram und Facebook habe ich bereits betont, wieviel Spaß ich beim Rennen hatte – und das stimmt! Doch genau wie die SPD “werden und müssen” die Radflamingos jetzt „die Gründe für das schlechte Abschneiden sorgfältig analysieren – auf allen Ebenen.” Einer der Gründe ist „sicherlich auch die schlechte Performance der großen Koalition in Berlin“ ohne Zweifel das quasi unbezwingbare Hindernis, das die Bombtrack Bicycle-Veranstalter in die Strecke integriert haben: die MAUER.

Großer Vorteil für Jon Snow und Konsorten – der Aufzug!                                             (Foto: GoT-Screenshot)

Da ich sehr lange brauchte, um sie zu erklimmen, hatte ich Zeit zum Nachdenken. Meine Erkenntnis: Cyclocross ist wie Game of Thrones. Es ist extrem brutal und macht süchtig.

Die Radflamingos analysieren weiter und machen es sich wahrlich nicht leicht. Eine meterhohe Wand kann und darf selbstverständlich nicht der Grund für unser Komplettversagen sein. Viel eher dann doch mangelndes Training die Tatsache, dass ich auf malerischen Waldwegen automatisch in eine “Spazierfahr-Geschwindigkeit” verfalle (anders sind die Rundenzeit auch nicht zu erklären).

Hürther Herbstidylle. Nicht zu hören: mein verzweifeltes Keuchen.

Ich werde wohl auch noch an meinen Auf- und Abspringfähigkeiten feilen müssen. Allerdings möchte ich nicht ohne Stolz darauf hinweisen, dass ich a) nicht umgekippt bin und b) vor allem im Sandkasten meine Stärke (locker joggen) ausspielen konnte. Doch um es mal in den Worten der SPD zu sagen: “Da ist Luft nach oben”. Sehr viel Luft sogar.

Mein ganz persönliches Luft-nach-oben-Ziel.

Vielleicht sollte ich auch darüber nachdenken, aggressiver zu starten. Wie ich nach wenigen Metern (und diesmal war ich nicht auf dem Mountainbike unterwegs) bereits den Anschluss verlieren konnte, ist mir äußerst rätselhaft. Zumal ich doch auf der Straße halbwegs vernünftig fahre.

Meine nächste Baustelle ist mir am allerpeinlichsten: die Berge der Anstieg. Ein Trikot mit roten Punkten steht mir seit diesem Sommer meiner “Ich-kann-alles-am-Besten-Meinung” nach ziemlich gut. Berge sind total mein Ding! Bis Sonntag, als sich hinter den ersten Kurven im Wald der Mount Kendenich erstreckte. Ein zugegebenermaßen sehr kleiner Berg. Aber ein steiler, giftiger Anstieg. Ich stecke in einem Dilemma. Ich könnte tatsächlich hochtrampeln, würde mich dabei aber so verausgaben, dass ich oben – falls ich ankomme und falls ich überlebe – nicht mehr weitermachen kann.

Was ich wirklich am besten kann: locker durch den Wald cruisen.

Option zwei: Ich muss den richtigen Augenblick erwischen, um abzuspringen. Das sollte nicht zu weit unten geschehen, weil bergauf schieben blöd ist, aber auch nicht so weit oben, dass ich beim Ausklicken sofort mit Quentin bergab rutsche. Ich entscheide mich für Letzteres und hänge bereits nach diesem ersten Hindernis nun endgültig hinterher.

Als ich irgendwann das Ziel erreiche, sind alle anderen schon längst da. Im Ergebnisplan statt einer Zeit nur “-1” zu lesen, deprimiert mich ja schon ein bisschen. Da hilft nur eins, sagt Ehrenflamingo Martin streng, und er will meine Rennanalyse gar nicht hören. “Mehr Training!”

Radflamingo MO: Auf die Stufe stellen, Quentin hinterherziehen, verschnaufen. Nächste Stufe erklimmen, Quentin hinterherziehen…

P.S.
Ein riesiges Dankeschön an Christian Siedler, der die fantastischen Fotos gemacht hat! Er hat mich auch zu einem neuen Motto inspiriert, das, ähem, wahrscheinlich besser zu mir passt: “Erlebnis vor Ergebnis”. Schaut unbedingt mal auf Pushing Limits vorbei, Christian bloggt darüber, wie er und seine Freundin sich gemeinsam auf eine Langdistanz vorbereiten!

 

Crosse Leistung

Crosse Leistung

Mein Motto lautet “Ich kann alles am besten”. Wer diesen Blog aufmerksam liest und/oder mich kennt, stellt schnell fest, dass das eine dreiste Lüge ist. Vielmehr ist das meine Ausrede, neue Dinge auszuprobieren. Das mache ich nämlich wirklich gern, vor allem im sportlichen Bereich – auch wenn ich vorzugsweise Maren von ichhasselaufen die Schuld für meine Aktivitäten gebe. Das tue ich auch jetzt. Sie hat mich angestiftet, beim Cyclocrosscup NRW in Dorsten mitzufahren.

Maren (vorne in der Mitte auf Karlson) ist mir schon nach wenigen Metern (!) entschwunden.

Ich bin erst ein Mal Cyclocross gefahren. Mit mäßigem Erfolg, und leider besitze ich (immer noch) keinen Crosser. Wurscht! Voller Vorfreude auf Matsch und Hindernisse und mit der Aussicht auf eine Top-Ten-Platzierung schnalle ich mein Mountainbike aufs Auto. Auf dem Wulfener Marktplatz treffe ich Maren mit Familienfreundefanblock und lausche der Strecken-Fachsimpelei. Ich verstehe “Sandkasten” und “Treppen” und hyperventiliere heimlich. Ja, Maren hat mir ein Video der Strecke gemailt, und ja, ich hätte mir die Runde um den See anschauen können. Aber wer sich nicht vorbereiten will, muss eben fühlen.

Ich habe einiges gefühlt: Ein Vakuum, dort wo ich meine Lunge vermute, zum Beispiel. Einen Presslufthammer in der Herzgegend. Von innen brennende Luftröhren, weil ich gar nicht so schnell und tief atmen konnte, wie ich es gebraucht hätte. Ich bin sehr froh, dass es keine Tonaufnahmen vom Rennen gibt, und ich hoffe, dass auch keine auftauchen. Denn ja, ich habe gekeucht wie ein Schwein. Laut. Verzweifelt. Nicht schön. So. Jetzt ist es raus.

Dieses Foto macht mich sehr glücklich. Denn es beweist: Auch andere Menschen, einen Hauch professioneller unterwegs als ich, mussten vor Anstrengung keuchen.

Doch dazu hatte ich allen Grund. Zuerst führte die Strecke wie in einem Labyrinth im Kreis herum. Ich kippte nicht um. Ein Erfolg, den ich nicht lange genießen konnte, weil zwei Bretter im Weg standen – flach und rechteckig, nicht besonders hoch und ein paar Meter auseinander. Was ich, wie die anderen, hätte tun sollen: Im Fahren abspringen, mit dem Rad über der Schulter rasch hinüberschweben, kurz den Boden berühren, das nächste Brett überschweben, elegant aufsitzen und weitertreten. Tatsächlich habe ich vor dem Brett scharf gebremst, habe die günstigste Stelle gesucht, um Schnurri über das Holz zu wuchten. Schieben. Wieder wuchten. Dann aufsteigen. Die Pedalen in Position bringen. Ich trage Turnschuhe, die Pedalen sind nur von einer Seite flach und zum Antreten geeignet. Endlich. Schub. Schnell noch schalten. Hier auf dem Waldweg geht’s.

Doch dann. Noch mehr Bretter! Und gleich dahinter die “Dorstener Welle” – drei Holzböcke, die es zu überfahren gilt (was ich geschafft habe, Applaus!). Und jetzt wird’s eng und steil. Noch steiler. Sandig. Wieder schieben. Alle anderen sind schon längst sehr weit weg. Ich höre nur noch mein Keuchen. Ha, der Sandkasten! Vollgas vom Deich runter, das macht Spaß, ausruhen für fünf Sekunden und schließlich  Schnurri durch den Sand zerren.

Ihr kennt das sicher aus Alpträumen – man müht sich durch tiefen Sand und kommt nicht vorwärts.

Weitere Hindernisse umfassen eine fast meterhohe Stufe (ich fahre sie runter, jawohl! Mehr Applaus!), eine unanständig steile Kante, unverschämt enge Kurven und zwei Treppen, die ich mein Rad hochtragen muss – um dann mitten im Wulfener Gemeindehaus zu landen, durch das die Strecke witzigerweise führt.

Inzwischen bin ich nicht mehr allein. Wegen den Überrundungen – und wegen der Fans! Denise und Markus und Jan und Marens Familie, alle feuern mich an! Ich lege mich ein bisschen mehr ins Zeug. Meine Lunge wird reißen. Ich falle gleich vom Rad. Sauerstoff! Diese unmenschliche Anstrengung hält doch niemand aus! Anscheinend doch: insgesamt werde ich  9,8 Kilometer leiden. Und dafür 44 Minuten brauchen. Also sehr sehr lange.

Jan hat nicht mit Photoshop gespielt – das Lachen ist echt. Ich habe wirklich Spaß!

Aber ich habe dafür sehr sehr viel Spaß. Und das mit der Top-Ten-Platzierung hat auch geklappt. Ich bin siebte geworden. Von sieben Frauen. Also: bis zum nächsten Mal!

P.S. 
Die fantastischen Fotos hat Jan aka @runboyrun_jd gemacht und ich darf sie netterweise benutzen. Danke, Jan!

P.P.S.
Maren ist Zweite geworden, yay! Herzlichen Glückwunsch!

Die Pässe bitte!

Die Pässe bitte!

Endlich Urlaub mit C. und Bonnie in den Bergen! Die Häuser in meiner Lieblingszweitenheimat bringen mich zum Weinen. Heller Stein, urgemütliche Holzbalkons mit – falls die Geranienpracht es zulässt – Blick auf den Wendelstein.

…meine Welt sind die Bee-heer-geee…

Leider habe ich keine Zeit, mich Schöner-Wohnen-Träumereien hinzugeben, denn ich rase mit C. und C2 (dem sportverrückten Schwager) Richtung Nußdorf am Inn. Denn erst dort geht es bergauf. Und nur das zählt.

Einrollen in Oberbayern (790 Meter)
Hier ist es so wunderwunderschön und ich pedaliere so munter bergauf, dass ich trumpartige Allmachtsgefühle hege: Sehr sehr viele Leute fahren diesen Berg hoch. Diese Leute machen einen guten Job. Einen fantastischen Job. Viele Leute meinen, ich würde diesen Berg nicht schaffen. Sehr sehr unfair. Fake news. Ich kann Fahrrad fahren. Ich fahre jetzt hier hoch. Ich mache das exzellent. Das kann jeder sehen. Ich bin ein stabiles Genie!

Die kleine Radflaminga möchte aus dem Bergeparadies abgeholt und ins Basecamp gebracht werden – vorzugsweise unter NN.

Stabil bleibe ich immerhin bis Törwang. Ich phantasiere von Sauerstoffzelten, Yetis und den Unterschenkeln von Peter Sagan. Was ich als Niederrheinerin eben so gemeinhin mit “Bergen” assoziiere. Unmittelbar bevor ich die C.s anflehe, mir bitte bitte eine Sauerstoffflasche zu organisieren, fällt mir ein, dass Bora Hansgrohe-Radprofi Marcus Burghard ja hier wohnt! Vielleicht sogar direkt hinter diesem Geranienbalkon!

Was wenn er mich sieht? Das wäre natürlich oberpeinlich. C. und C2 nicken bestätigend und sagen, dass ich mich in der Tat ein bisschen schämen sollte, warum nicht gleich auf’s E-Bike und ein Wunder, dass ich nicht rückwarts hinunterrolle. Gott sei Dank legen wir eine Pause ein und ich kann mich unauffällig regenerieren. Durchschnaufen. Es hilft. Berge are great again! Denn es geht bergab und dem Schnitzel entgegen.
Höhentraingslager Teil 1 – check!

Würzjoch (1987 Meter)
Fortsetzung des Höhentrainingslagers in Südtirol. C. und ich diskutieren, ob wir an der Höhenkrankheit leiden. Pro: Unsere Unterkunft befindet sich auf 1300 Metern und wir haben ein bisschen Kopfschmerzen. Contra: Unser Weinkonsum ist in den vergangenen Tagen signifikant gestiegen.

…duuunkle Tannen…

Wir wollen nur eine kurze Runde drehen, durch Orte, die Piccolina, Zwischenwasser, Rina und St. Martin in Thurn heißen. Es ist sehr heiß. Es ist sehr steil. Am Ende der steilsten Kehre ever steht ein Stall. Weil ich nicht mehr kann, fahre ich direkt darauf zu und kippe vor einer Kuh um. Irgendwann erreichen wir ein Schild. “Schau mal, nur 8 Kilometer bis zum Würzjoch! Lass uns einen Abstecher machen!”

Hier ahne ich noch nichts von C.s Pass-Plänen.

C. ist begeistert und biegt bereits auf die Passstraße ein. Mir bleibt also keine Wahl. Kurz vor einer kleinen Brücke wartet C. auf mich. Weil ich nicht mehr kann und mich außerdem dramatisch in Szene setzen möchte, werfe ich mich mit Bonnie auf den Boden und strecke die Beine in den Himmel.

Steilanstrengendunmöglichumkehrenjetzt. C. bespritzt mich mit Wasser aus der Trinkflasche und schiebt mir einen Riegel in den Mund. Das bedeutet wohl, dass ich weiterfahren soll. Das heißt Anfahren am Berg. Unschön. Bonnie schräg zur Straße stellen und panisch versuchen, einzuklicken. Funktioniert. Meine Motivation ziehe ich abwechselnd aus der kitschig-herrlichen Berglandschaft um mich herum und der Vorstellung, was meine Freunde wohl sagen werden, wenn ich ihnen von meinen Rennrad-Heldinnentaten berichte (Edit: Was Freunde hinterher tatsächlich sagen: “Warum machst du das?”).

Das ist ja die Höhe!

Ich schraube mich immer weiter nach oben und bemerke schließlich dass sich überhalb von mir nichts mehr befindet. Tatsächlich sehe ich hinter der nächsten Kehre eine Hütte! Sprich: alles, wovon ich jetzt träume (Cola, Schlutzkrapfen) liegen in sehr erreichbarer Nähe. Das spornt mich dazu an, trotz beachtlicher Steigung sehr schnell zu strampeln und jubelnd am Würzjoch-Schild auf den schnaufenden C. zu warten. Wir verleiben uns die von mir erträumten Köstlichkeiten ein und genießen dabei den unwirklichen Blick auf das Bergpanorama.
Fortschritte im Höhentrainingslager erzielen – check!

Passo di Giau (2236 Meter)
C. und ich schämen uns ein bisschen. Um den Passo die Giau hochradeln zu können, fahren wir nämlich zuvörderst über ein paar andere Pässe (Valparola und Falzarego) nach Pocol – aber mit dem Auto. Wir wollen nämlich da in Ruhe vor uns hinpendeln und ächzen, wo sich möglichst wenig Verkehr auf die Gipfel wälzt. Und tatsächlich, auf der Seitenstraße Richtung Giau unterbrechen allein unser Keuchen und die Kettengeräusche das alpine Schweigen.

…grüüüüne Wiesen im Sonnenschein…

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich gut in Form bin. Ob es das kühlere Wetter ist? Das Höhentraining? Schließlich wohnen wir derzeit nicht nur recht hoch, sondern wir haben uns gestern auch auf 2500 Meter gondeln lassen. Wenn ich die Mount-Everest-Abenteuerromane richtig in Erinnerung habe, ist das Prinzip schonmal richtig: Hoch und wieder runter, hoch und wieder runter. Jedenfalls erreiche ich (rückblickend zumindest) in erstaunlich kurzer Zeit, mühelos und mit Kraft für einen Gipfelspurt denselbigen.

Ich sonne mich noch im Lob des mir entgegenkommenden Radlers – “Bravo!” Kann aber auch sein, dass er die Landschaft meinte.

Auch wenn ich versuche, sehr professionell und lässig zu erscheinen, kann ich am Pass-Schild einen Jubelschrei nicht unterdrücken. C. und holt uns etwas zu trinken und er schenkt mir einen coolen Aufnäher, auf dem “Passo di Giau 2236 m” steht. Wir feiern mit Cappucino und bedenken Menschen, die mit einem Bus hergekarrt wurden, mit mitleidigen Blicken. Bergab testet C. seine Kamera-Skills und filmt, wie ich an bimmelnden Kühen vorbei ins Tal sause.
Höhentrainingslager Bosslevel – check!

Staller Sattel (2048 Meter)
Wir wollen den Autos entgehen. Also fahren wir mit dem Auto über den (wunderwunderschönen) Furkelpass nach Antholz, um den Staller Sattel auf der italienisch-österreichischen Grenze in Angriff zu nehmen.

Timing ist am Staller Sattel alles.

Wir parken an einem Sporthotel, in dem bereits viele berühmte Biathleten zu Gast waren. C., den ich in Verdacht habe, heimlich von einer Karriere als Leistungssportler im deutschen Biathlonkader zu träumen, ist beeindruckt. Natürlich besuchen wir auch noch das Stadion für die schießenden Skifahrer gleich daneben. Dann kommen wir in einen Stau. Mit den Rädern.

Weil der Weg hinauf superschmal ist, wird die Passstraße nur jeweils 15 Minuten pro Stunde geöffnet. Unten warten dann alle, die hochwollen. Das Hinaufradeln wird erst gemütlich, wenn die motorisierte Kolonne vorbeigedonnert ist. Die Straße ist im Top-Zustand, windet sich durch Tannenwald und lässt kaum Zeit zum Ausruhen. Wir pedalieren konzentriert und ohne Pause – auch das dauert weniger lange als erwartet.

Bergfazit: die Aussicht ist immer fantastisch!

Am funkelblauen See auf dem kleinen Plateau schlemmen wir Flädlesuppe und ich überlege, ob ich eventuell colasüchtig geworden bin. Bevor wir hinter der röhrenden Autoschlange wieder ins italienische Tal düsen, radeln wir zwecks weiteren fantastischen Bergaussichten noch zur anderen Seite der Hochebene.
Höhentrainingslager erfolgreich abgeschlossen!

P.S. Für die Nerds
Bei den Höhenangaben handelt es sich nicht um die tatsächlich gefahrenen Höhenmeter, sondern um den bei der Tour jeweils höchsten erreichten Punkt.

…brauch ich zum glücklich sein!

Hätte hätte… Dixitoilette

Hätte hätte… Dixitoilette

Samstag
Heute hat C. mich, unsere Gasttochter Jocelyn und meinen Glücksbringer-Plüschflamingo Klaas nach Rotterdam kutschiert. Wir treffen alle Teilnehmer vom Projekt Dein erster Marathon und holen unsere Startnummern ab. Wir diskutieren unseren Trainingsstand (mehr geht nicht), Zielzeiten (4:30) und Nervositätslevel (tiefenentspannt) und freuen uns.

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Der erste Schritt zum erfolgreichen Marathon: Wir sind im Besitz der Startnummern.

Dann folgt die erste Herausforderung: Ich muss mich am Pasta-Buffet beherrschen. Sonst ist morgen rollen angesagt. Auf ein Glas Rotwein verzichte ich sicherheitshalber auch. Von wegen “Pasta-Party”. Aber das hole ich nach, wenn ich eine Finisherin bin. Dafür folge ich den Anweisungen erfahrener Marathonis und schütte sehr viel Wasser in mich hinein: “Morgen wird es heiß und anstrengend. Nur ein hydrierter Körper kann volle Leistung erbringen.” Ich tanke mich leider derart auf Leistung, dass ich kaum schlafe und ständig zum Klo rennen muss.

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Viel zu laufen ich noch habe.

Sonntag. Raceday
Ich denke, ich werde demnächst einen Marathonratgeber schreiben. Meine Vorbildfunktion lässt mir keine Wahl! Gestern Wasser statt Rotwein, und heute starte ich den großen Tag mit einer Runde Yoga! Außerdem verhalte ich mich am üppigen Frühstücksbuffet äußerst diszipliniert. Dafür sollten hinterher Minuten gutgeschrieben werden.

Kilometer 0
Ich bin gerüstet und immer noch tiefenentspannt. Ehrenflamingo Martin (der heute den langsamsten Marathon seines Lebens laufen wird) steht neben mir. Ich habe meinen durchgeplanten Energiegelvorrat in meiner Energiegelvorratsgürteltasche verpackt und den Rest mit Magneten am T-Shirt befestigt.

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Ein bisschen Radsport muss sein.                                                                                                       (Foto: C.)

An den Dixieklos ist mächtig was los. Ha. Das habe ich erfolgreich gelöst. Zwei Stunden vor dem Start nichts getrunken und soeben noch die Vorteile der Hoteltoilette genutzt. Jetzt kritzele ich meinen Lieblings-Motivationsspruch auf den Arm. Spätestens ab Kilometer 30 werde ich mir den mal anschauen müssen. So. Bereit. Es kann losgehen.

Kilometer 1
Und es geht los. Die Kulisse auf der Erasmusbrug ist der Wahnsinn! Tausende Läufer, Zuschauer, Hubschrauber kreisen, Wasserfontänen spritzen. Und da steht C. und winkt!

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Nicht im Bild: Ich, wie ich mit offenem Mund staune.

Kilometer 3
Ich glaube, ich muss mal.

Kilometer 4
Die Lage ist ernst. Gibt es auf der Strecke denn gar keine mobile Toiletten?

Kilometer 5
Da sind Dixiklos! Ich kann nicht anders. Ich reihe mich in die meterlange Warteschlange ein. Nach einer zweistelligen Minutenzahl entfleuche ich der blauen Plastikhölle. Ihr 42 Kilometer, ich bin sowas von ready für Euch, kommt doch! Und sie kommen. Mit Lichthupe. Es ist der Besenwagen.

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C. hat meine fantastische Laune auf Kilometer 0,8 eingefangen.

Kilometer 6 bis 17
Das hatte ich mir ein klein wenig anders vorgestellt. Martin verzieht keine Miene. Wir rollen den Marathon in unserem niederrheinischen-Feldwege-Lauftempo von hinten auf: Die Allerletzten, die Letzten, der 5:00-Pacemaker, immer weiter. Nicht zu schnell am Anfang – lautet so nicht der ultimative Marathontipp? Ehrenflamingo Martin fragt nach meinem Puls (166) und beruhigt mich. “Bis 170 ist alles im grünen Bereich.” Also weiter.

Kilometer 18
Das niederländische Staatsfernsehen filmt, wie meine Mutter und Jocelyn meinen Namen kreischen, ich zurücklaufe und wir uns in die Arme fallen, küssen, herzen und rasch ein paar Selfies schießen. Ich habe meine Mutter im Verdacht, dass sie am liebsten nebenher radeln würde, um meine Nahrungsaufnahme zu überwachen (“Kind, bitte, nimm noch ein Butterbrot!”). Bei Kilometer 20 würde sie das Fahrrad quer vor mich stellen und resolut sagen: “Das reicht jetzt aber! Die Hitze!”

Kilometer 19 bis 24
Die Hitze macht mir nicht so arg zu schaffen, wie ich befürchtet habe. Dabei habe ich den letzten langen Lauf bei -5 Grad und Schneetreiben absolviert. Allerdings bin ich voll gewappnet: Mütze, Sonnenbrille, UV 50, Israel-abgehärtet, hervorragend hydriert, und ich nehme jeden Schwamm, Schlauch und Verpflegungsstand mit.

Kilometer 25 bis 29
Das ging jetzt aber irgendwie schnell. Ich wundere mich ein bisschen, dass alles soweit in Ordnung ist. Magen, Waden, Knie, Kopf – check. Ich freue mich jedes Mal sehr, wenn ich die Stationen mit den Wasserbechern sehe, also alle fünf Kilometer. Gehen, trinken, ein Gel schlürfen, Wasser über den Kopf gießen, langsam weitertraben. Ich gucke nicht auf die Pace oder die Zeit, sondern nur ab und zu auf meinen Puls. Grüner Bereich. Weiter.

Kilometer 30 bis 32
Bin ich schonmal gelaufen. Kann ich.

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I guess we’re not in Kempen anymore.

Kilometer 33
Warum eigentlich weiter? Ach ja. Ich habe monatelang dafür trainiert. Sehr diszipliniert sogar. Doch ich habe nicht den kompletten Winter auf matschigen Feldwegen anstatt auf der Couch verbracht, um jetzt aufzuhören!  Außerdem tut nix weh. Es ist nur einfach sehr – anstrengend.

Kilometer 34
Ja, die Beine sind schwer. Aber das ist wirklich alles. Reiß dich z’amm, zefix! Woanders müssen Sportler gerade übers Pavé brettern und du jammerst.

Kilometer 35
Duuuurst! Aber wenn ich zuviel auf einmal trinke, gluggert es im Magen.

Kilometer 36
Ich lese, was auf meinem Arm steht. Fremde Menschen feuern mich an “Hup Annette! Dat ziet mooi uit! Goed gedaan!” Konfettiraketen, Gartenpartys, Musikbands, coole Schilder (“Chuck Norris never ran a marathon!”) und Jubelschreie tragen mich weiter.

Kilometer 37
Jemand reicht mir ein Orangenviertel! Oh mein Gott! Es ist die leckerste Zitrusfrucht, die ich je gegessen habe!

Kilometer 38
Da sind meine Eltern, Jocelyn und C.! Wir feiern! Leider kann ich nicht viel sagen, weil eine halbe Apfelsine in meinem Mund steckt.

Kilometer 39
Meine Beine. Herr im Himmel. Meine Füße sind ziemlich lädiert, aber ich glaube, das tut erst später weh. Moment. 39 Kilometer sind ja fast 40 Kilometer! Also quasi schon 42. Theoretisch bin ich bereits im Ziel!

Kilometer 40
Theoretisch. Praktisch klebe ich auf dem Asphalt. Hebe ich meine Beine eigentlich noch?

Kilometer 41
Noch 1195 Meter. Ein Klacks. Renne ich beim Intervalltraining im 4er-Pace. Warum geht es hier so lange geradeaus? Das Ziel müsste längst in Sicht sein! Die haben sich doch vermessen!

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500 Meter vor dem Ziel und die Erkenntnis: Ich schaffe es tatsächlich!

Eine Rechtskurve. Ziel in Sicht. In Sicht! Ja Wahnsinn. Menschenmassen säumen den Straßenrand und jubeln wie bescheuert! Da steht schon wieder meine Familie! C. drückt mir Klaas, den Glücksbringer-Flamingo in die Hand, und ich fliege fast.

Marathon
4:51:13. Ich habe es geschafft! Noch etwas ungläubig falle ich Ehrenflamingo Martin um den Hals. Es ist vorbei. Ich darf wieder gehen. Wenn ich denn nur könnte. Eine unfassbar große Goldmedaille, eine Rose und soviel Getränke wie ich will, lenken mich kurzzeitig von meinen Schmerzen ab.

Meine Garminuhr, die nur die reine Bewegungszeit erfasst, bescheinigt mir sogar eine Zeit von 4:38. Aber das ist mir egal. Der Rotterdam Marathon 2018 und der Weg dorthin waren ein unglaublich tolles Erlebnis! Vielen Dank an das Bunert Team, New Balance und unser #DeinersterMarathon-Team. Und ganz besonders an Ehrenflamingo Martin und C.! Und nicht zu vergessen Christian Siedler, von dem die fantastischen Fotos sind (falls nicht anders gekennzeichnet). Danke!

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Das trägt man jetzt so.                                                                                                                          (Foto: C.)

Fazit
Vorteile eines Marathons: Riesige Goldmedaille. Ruhm für immer. Nachteile eines Marathons: Man kann Paris-Roubaix nicht live gucken und verpasst die RTF Grefrath. Große Schmerzen während des Laufs. Die Frage nach dem Warum. Große Schmerzen nach dem Lauf. Ergo: Nie wieder!

 

Ich mache eine Ausnahme

Ich mache eine Ausnahme

Ich bin ein echtes Glückskind. Im letzten Sommer habe ich bei einem Gewinnspiel auf Facebook einen Startplatz für den Rotterdam Marathon 2018 gewonnen – inklusive Leistungsdiagnostik, Trainingsplan und Ausstattung mit tollen Klamotten von New Balance und Laufsport Bunert. Hurra! Wie cool!

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Gleich fließt Blut. Wegen der Leistungsdiagnostik.

Was ich nicht bedacht habe: Marathonvorbereitung findet nicht auf dem Rennrad statt. Außerdem ist sie anstrengend und zeitintensiv. “Jetzt heißt es wohl ‘Quäl dich, du Sau!'”, denke ich, als ich meinen meterlangen Trainingsplan an den Kühlschrank klebe. Das findet auch der beste Läufer der Welt, Ehrenflamingo Martin. Ich hege den Verdacht, dass es ihm a) große Freude bereitet, mir bei der Umsetzung der Trainingskilometer behilflich zu sein und b) mich dabei leiden zu sehen.

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Seit ein paar Monaten verläuft mein Leben nach Plan.

Zu meinem großen Bedauern lässt er keine einzige meiner ständigen und sehr kreativen Ausreden, warum das Training heute unbedingt ausfallen muss, gelten.
“Zu dunkel!” – “Super, dann kriegen wir keinen Sonnenbrand.”
“Es regnet!” – “Die meisten Tropfen fallen daneben.”
“Zu kalt!” – “Dann trainierst du nicht hart genug.”
Kurz gesagt: Ich profitiere enorm von Ehrenflamingo Martins Laufenthusiasmus und seiner Erfahrung.

Außerdem kommt mir während meiner Marathonvorbereitung zugute, dass C. Lehrer ist. Ihn haut nichts um, und sogar Engel beneiden ihn ob seiner Geduld. Das ist sehr praktisch. Zum Beispiel, wenn ich abends nach Hause komme und direkt meine Laufklamotten anziehe, anstatt mit ihm und unserer Gasttochter zu kochen. “Nur rasch ein bisschen Fartlek in hügeligem Gelände”, sage ich und verschwinde mit Ehrenflamingo Martin auf niederrheinische Feldwege. Wenn ich dann eine Stunde später – geplättet, ausgehungert, muskelverkatert – zuhause auftauche, steht das Essen auf dem gedeckten Tisch.

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Voll gelenkig. Vielleicht hilft das ja.

Meine Erwartungen: Als ich im Juli die frohe Botschaft erhielt, eine von den “Dein erster Marathon”-Gewinnerinnen zu sein, malte ich mir mein tägliches Training aus: in fantastischen Sportklamotten schwebe ich mühelos und in vorbildlicher Lauftechnik kilometerweit über Straßen und Wege. Im Sonnenschein, versteht sich. Vögel singen. Menschen am Wegesrand klatschen Beifall. Mein perfekt frisiertes Haar flattert leicht im Wind, eine sanfte Röte umschmeichelt meine Wangen, und ein zufriedenes Lächeln ob meiner Tüchtigkeit umspielt meine Mundwinkel. Ich bin das fleischgewordene Model aller Laufmagazine, die neue Lauf-Fluencerin am Instagram-Himmel. Jaaaa! Herrlich wird das!

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Immerhin: die Stimmung in unserer Marathon-Truppe ist fantastisch.

Reality-Check: Im Dezember ist es um 18 Uhr sehr dunkel. Nach Hause geradelt, im bescheuerten Regen klatschnass geworden und fast erfroren. C. liegt auf dem Sofa und netflixt. Umziehen. Lampen und Reflektorgedöns anschnallen. Weinen. Gleich kommt Martin. 75 Minuten GA1. Es gibt kein Entrinnen. Ich platsche in Pfützen. Da vorne ist Schlamm. Im Lauf-Delirium male ich mir aus: “Wenn ich darin versinke und umknicke, dann muss C. mich abholen und die Qualen haben ein Ende.” Aber ich werde nur dreckig und schwitze. Naja, immerhin das mit den fantastischen Sportklamotten stimmt – auch wenn die im Dunkeln niemand sehen kann.

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Eiseskälte! Aber in bester Gesellschaft.

Plötzlich sind es nur noch 4 Wochen! Kreisch! Panik! Laufe ich schnell, weit, intensiv genug? Sind die Bauchmuskeln stabil? Meine Psyche gefestigt, damit ich nicht an der ersten Versorgungsstation versehentlich in einen Liegestuhl gleite? Drückt mir die Daumen.

Fazit: Ich bin eine echte Ausnahmeläuferin, denn ich mache das bestimmt nie wieder. Doch mehr dazu kann ich wohl erst nach dem 8. April berichten… See you in Rotterdam and see you soon, Bonnie!

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Lassen Sie mich durch! Ich muss 42 Kilometer laufen!

P.S. Die fantastischen Fotos hat natürlich Christian Siedler gemacht. Danke!