Radhose fürs Rennrad: Der Guide für Einsteiger

Radhose fürs Rennrad: Der Guide für Einsteiger

Nicht zu lang, nicht zu kurz, mit oder ohne Träger, das Polster nicht zu dick und nicht zu dünn – es gibt so viele unterschiedliche Rennradhosen*. Und mindestens genauso viele Fragen dazu. Schließlich kommt es auch sehr auf die Fahrradhose an, ob man schmerzfrei und bequem auch auf längeren Touren radeln kann, der Po ist einer von wenigen Kontaktpunkten des Körpers zum Rad. Ich habe mal versucht, die häufigsten und spannendsten Fragen rund um die Fahrradhose bzw. Rennradhose zu sammeln und für Dich zu beantworten.


Inhalt:

Radhose Rennrad

Was trägt man unter der Radhose?

Ich will gar nicht um den heißen Brei herumreden (wie ich das schon einmal mit einem Augenzwinkern getan habe). Unter der Radhose trägst Du am besten: NICHTS. Je weniger Du drunter trägst, desto weniger kann scheuern und desto mehr schmerzfreien Spaß hast Du beim Radfahren. Wo keine Nähte sind, können sie auch nicht stören. Also keine Scheu, wir Rennradfahrer(innen) sind (fast) alle untendrunter nackig.

Ist eine Radhose mit Polster überhaupt notwendig?

Natürlich kannst Du auch ohne Polster Rad fahren. Aber das Schöne an der Radhose ist: Sie ist eben genau fürs Radfahren gemacht! Während Du bei normalen Sporthosen sicherlich irgendwann die Nähte im Intimbereich schmerzhaft zu spüren bekommst und vielleicht auch die eine oder andere Druckstelle mitnimmst, kommt das Polster im Idealfall ohne Nähte an kritischen Stellen aus – daher kann an den kritischen Stellen erst einmal nichts scheuern, was von der Radhose kommt. Dazu bietet das Polster idealerweise an genau den richtigen Stellen Komfort. Meine Meinung also: Bei längeren Touren ist die Radhose mit Polster* für mich ein Muss! Warum auf diesen Komfort verzichten?

Dickes Polster oder dünnes Polster?

Eine ähnliche Diskussion gibt es auch beim Sattel: Lieber weich gepolstert oder hart gebettet? Wie beim Sattel lautet meine Faustregel: Je länger die Touren, desto weniger Polster ist für mich angenehm. Denn je mehr Du in den Sattel oder auch in Dein Sitzpolster in der Hose einsinkst, desto mehr Reibungsfläche kann entstehen. Daher rate ich Dir für längere Touren, auf eine Hose mit einem dünneren Polster zu setzen und mit einem härteren Sattel zu kombinieren. Außerdem mag ja auch niemand “Windeln”, oder? 🙂

Gibt es einen Unterschied zwischen Damenpolstern und Männerpolstern?

Ja, den gibt es. Erfahrungsgemäß kommt man zwar auch als Frau normalerweise ganz ordentlich mit einem Männerpolster zurecht. Weitaus weniger Probleme auf längeren Touren habe ich allerdings mit Radhosen, die extra für Frauen gemacht sind. Die Polster für Männer sind häufig recht breit geschnitten oder eben nicht perfekt auf die weibliche Anatomie angepasst, sodass das Polster eher stört als schützt. Andersherum werden Männer eher keine Radhosen für Damen* bevorzugen, nicht nur wegen der Farben der Damenradhosen. Die Polster sind oft zu schmal und knapper geschnitten als bei Männerradhosen* oder Unisexradhosen.

Wenn Du gerade anfängst und erst einmal kleine Runden drehst, dann muss das Sitzpolster natürlich nicht direkt perfekt passen. Du wirst den Unterschied nach ein paar Stunden aber auf jeden Fall bemerken und dann erkennen, ob die Radhose wirklich passt oder nicht. Ich fahre auf jeden Fall am liebsten mit Radhosen, die extra für Frauen hergestellt wurden. Wie beim Sattel gilt auch hier: es gibt nicht DIE beste Radhose. Da hilft nur ausprobieren, jeder Hintern ist anders!

Radhose mit Trägern oder ohne Träger?

Das ist Geschmackssache. Wer gerne Komfort bei der Pinkelpause genießt, der mag in der Regel Hosen ohne Träger lieber. Wer – wie ich – die Freiheit einer Trägerhose genießt, die nicht einschneidet und immer genau da sitzt, wo sie soll, der bevorzugt Hosen mit Trägern. Letztlich musst Du ausprobieren, welche Variante Du lieber magst.

Für Frauen gibt es von vielen Herstellern inzwischen sogar Radhosen, die Pinkelpausenkomfort und Trägerkomfort vereinen, indem ein Reißverschluss klug gesetzt oder die Hose als Neckholder konzipiert ist, den man einfach über den Kopf streifen kann. Also kein entweder oder sondern sowohl als auch.

Wie gut sind Radhosen vom Discounter?

Aldi, Lidl, Decathlon – überall gibt es Radhosen zu kaufen, die nur einen Bruchteil des Preises von Markenprodukten kosten. Auch hier gilt wieder: Für nicht ganz so lange Touren oder wenn Du nur hin und wieder mal unterwegs bist, ist das völlig ausreichend. Nicht jeder Anfänger muss sich gleich mit einer Assos- oder Rapha-Radhose für hunderte von Euros eindecken, für den Anfang ist eine Hose vom Discounter völlig in Ordnung. Passen sollte sie aber schon, egal wie günstig! Was mir außerdem aufgefallen ist: die günstigen Hosen sind von Haus aus oder werden recht schnell durchsichtig. Also am besten öfter mal im Spiegel kontrollieren, ob man sich noch rauswagen kann – also, falls Dich das stört. 🙂

Welche Radhose im Frühling, Herbst und Winter?

Was macht man, wenns kälter ist? Im Herbst und Frühling reichen oft Beinlinge* oder Knielinge* als Ergänzung zur kurzen Hose. Die sollten auf jeden Fall gut passen, sonst können sie unangenehm am Oberschenkel einschneiden. Also möglichst nicht zu eng kaufen.

Und wenn es dann richtig kalt wird, gibt es auch dafür die richtigen Klamotten. Hier hast Du ebenfalls wieder die Wahl zwischen Hosen mit und ohne Trägern – hier tendiere ich auf jeden Fall zu Hosen MIT Trägern, weil die am Rücken zusätzlich noch ein bisschen vor Kälte und Wind schützen. Und es gibt inzwischen auch lange Hosen für Damen mit Pinkelkomfortfunktion.

Winterradhose mit oder ohne Polster?

Winterradhosen* gibt es mit und ohne Polster – beide haben ihre Berechtigung. Lange Radhosen mit Polster sind praktisch, weil man keine kurze Radhose oder Unterhose drunter braucht und daher weniger Stoffschichten scheuern können. Auf der anderen Seite macht auch eine lange Hose ohne Polster Sinn – schließlich kann man dann eine kurze Radhose oder gepolsterte Unterhose drunterziehen und kann die lange Radhose öfter anziehen. Schließlich ist so eine richtig gute Winterradhose gar nicht mal so günstig und davon hat man üblichweise nicht zu viele zuhause. Außerdem hast Du noch eine wärmende Schicht zwischen der Kälte und Dir.

Wie ist das mit der Sitzcreme in der Radhose?

Ich benutze Sitzcreme* nicht bei jeder Tour, aber Mehrtagestouren oder sehr lange Touren macht eine Sitzcreme auf jeden Fall angenehmer. Aufgetragen wird die Sitzcreme aufs Polster, bevor Du die Radhose anziehst. Die Auswahl an Sitzcremes ist groß, aber nicht alles, was schmiert und pflegt, eignet sich für alle als Sitzcreme. Ich selbst benutze ganz gerne Melkfett – ich habe allerdings schon von mehreren Radlern gehört, dass Melkfett und Hirschtalg bei ihnen die Poren verstopft und zu bösen Entzündungen führen kann. Deswegen auch hier: Ausprobieren, was man verträgt und keine Experimente vor wichtigen Touren.


Noch mehr Lesestoff gefällig? Hier gibts noch mehr Radsporttipps!

 

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San Marino mit dem Rennrad: Kletterparadies für Genießer

San Marino mit dem Rennrad: Kletterparadies für Genießer

Pressereise – Vorne weiß, hinten weiß, weiß überall. Nebel. Richtig dichter Nebel. Ein paar Meter weiter vorne sehe ich ein paar rote Fahrradlichter, denen ich mit meinem Leih-Fondriest-Rennrad einfach blind folge. Wo wir genau sind? Keine Ahnung. Was ich weiß: Wir sind irgendwo in San Marino, dem Zwergstaat mitten in Italien, zwischen der Emilia Romagna und den Marken. Von hier aus sieht man normalerweise – also ohne Nebel – das adriatische Meer. Einfach mal auf Verdacht fahren, ohne zu wissen, wie ich mir die Kräfte noch einteilen muss. Ob es gleich hoch oder runter geht? Keine Ahnung. Es kostet zwar viel Konzentration, hat aber auch ein bisschen was von Freiheit, so gar nicht zu erahnen, was gleich auf einen zukommt.

Nebel San Marino
Wie Sie sehen – sehen Sie nichts.

Freiheit ist übrigens ein ziemlich wichtiger Begriff in San Marino. Der kleine, stolze Staat legt auf seine „Libertas“ viel Wert und hat sie seit Jahrhunderten standhaft verteidigt. Ein kleiner Staat inmitten von immer größer werdenden, genauer gesagt: der fünftkleinste Staat der Welt. Die historische Altstadt auf dem Monte Titano ist aus massivem Stein gebaut, mit Schießscharten und allem Pipapo. Drei Festungen wachen über San Marino,  eine ziemlich martialisch wirkende Trutzburg klebt also an diesem Berg. Dabei hat San Marino schon lange nur noch eine eher symbolisch anmutende Armee, der letzte Krieg wurde 1463 geführt, seitdem setzen die Zwergstaatler auf Diplomatie.

San Marino Tourism
So schön ist es ohne Nebel – Foto: Daniel Terranova

Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass der Erfolg der san-marineser Diplomatie viel mit der lokalen Küche zu tun hat. Wer solches Essen kredenzt, mit dem kann man doch eigentlich gar keinen Krieg führen wollen. Vom Käse über ricottagefüllte Ravioli bis hin zum Pistazientiramisu. Dazu ein leckerer san-marineser Rotwein und ein guter Espresso zum Abschluss oder während der Tour. Hmmm… aber eine Warnung vorab: Wer am Wettkampfgewicht feilen möchte, der sollte sich der bergigen Republik besser fernhalten.

San Marino Cycling Experience

Unabhängigkeit und Eigenständigkeit, das zeichnet San Marino aus. Hier läuft alles etwas anders und sowohl Italiener als auch San-Marineser bestehen darauf, dass es große Unterschiede zwischen den beiden Ländern gibt. Es gibt in San Marino beispielsweise immer zwei Staatsoberhäupter gleichzeitig, die nur für sechs Monate am Stück an der Macht sind, nach dem Vorbild der römischen Konsulen. Der Kleinstaat versteht sich als neutral, wie beispielsweise die Schweiz, und ist entsprechend nicht Teil der Europäischen Union, bezahlt wird trotzdem mit dem Euro.

Der Staat wurde außerdem der Legende nach bereits im Jahr 301 von einem Heiligen, nämlich San Marino, gegründet, dessen Statue bis vor ein paar Jahren in der Hauptkirche sogar höher als die Jesu Christi stand – erst nach einer Intervention von Papst Benedikt wurde Jesus am Kreuz über dem Schutzpatron befestigt. Das Tempolimit liegt bei 70 km/h außerorts. Und die Straßen selbst folgen sowieso ganz eigenen Gesetzen – wie sonst kommen hier auf 60 Kilometern 1500 Höhenmeter zusammen?

San Marino Verkehr
In San Marino läuft alles etwas anders.

Die älteste Republik der Welt ist bislang vor allem bei Tagesausflüglern beliebt, die entweder auf der Durchreise sind oder an der nahen Adria strandurlauben. Und jetzt sollen mit der Radoffensive “San Marino Cycling Experience” auch verstärkt Rennradfahrer und (E-)Mountainbiker in die Region gelockt werden. San Marino ist gut vorbereitet auf die Besucher auf zwei Rädern: Die Hotels, die wir besichtigen, zeigen uns alle stolz ihre nagelneuen Fahrradkeller. Nicht selten sind die Hoteliers selbst begeisterte Radfahrer. Kein Wunder, bei diesen Strecken. Natürlich sind für die Gäste der Hotels der San Marino Cycling Experience auf Wunsch auch Leihräder sowie Tourenvorschläge und Bike Guides geboten. Radsport hat hier ohnehin Tradition: Das Team Saeco, Vorgänger des Lampre-Teams, fuhr früher mit san-marineser Lizenz – hättest Du es gewusst?

San Marino Cycling Experience
Fahrradkeller des Grand Hotel San Marino

Mit dem Rennrad unterwegs in San Marino

Die Strecken sind wunderschön, aber auch wirklich anspruchsvoll. Es geht in San Marino entweder lange hoch oder lange runter – dazwischen findet man recht wenig. Ein Terrain für alle, die die maximale Höhenmeterausbeute suchen. Und für alle, die für jeden Höhenmeter mit atemberaubenden Ausblicken belohnt werden möchten – wenn man nicht wie wir gerade das Pech hat, im dreitägigen Novembernebel zu landen. Glücklicherweise haben wir am Anreisetag kurz das Glück, die geballte Schönheit der Region im Abendlicht zu sehen (natürlich kein Foto gemacht, man hat ja noch drei Tage Zeit, haha 😛 ) – danach versinkt San Marino in einer weißen Nebelsuppe bis zu unserer Abreise. Und das, obwohl ich immer aufgegessen habe, auch wenn es richtig hart war. Ich schwöre!

Der Nebel ist zwar etwas ärgerlich, aber er tut einerseits dem Spaß keinen Abbruch und andererseits sind die Straßen ja trotzdem befahrbar. Und das nutzen wir auch ausgiebig (wenn wir nicht gerade mit Essen beschäftigt sind…). Zwei Touren mit je ca. 60 Kilometern, auf denen jeweils locker über 1000 Höhenmeter zusammenkommen.

Rennradfahren San Marino

Castello - San Marino

Die erste Tour führt uns an den Grenzen von San Marino entlang. Wir entdecken einige der neun “Castelli” – so heißen die Gemeinden von San Marino. Wir kämpfen uns Anstiege hinauf und düsen Abfahrten mit 20% bergab. Zum Abschluss erkunden wir einige Kilometer der 9. Etappe des Giro d’Italia 2019, ein Zeitfahren von Riccione hinauf nach San Marino mit anspruchsvollem Profil.  Damit wir Nichtprofis den Anstieg zum Abschluss unserer Tour schaffen, entern wir erst einmal einen Imbiss und machen uns an dessen Eis-, Bier- und Kaffeevorräte. Danach geht es mit frischen Kräften bergauf.

Imbiss Bier San Marino
CyclingOlli genießt ein Tourbier.
Radfahren in San Marino
Mit Jule von radelmaedchen.de gings meistens im Gruppetto hinauf.

Sehr diplomatisch, ganz wie es sich für San Marino gehört, sind unsere Bikeguides Sauro und Narciso. “Lasst Euch ruhig Zeit, Ihr seid gar nicht zu langsam” – sagen sie Jule von Radelmädchen und mir, während wir hochkeuchen, den anderen hinterher (ja, auch für jemanden aus dem Alpenvorland sind die Anstiege in San Marino durchaus signifikant!).

Höhenprofil Tag 1

 

Unsere Gruppe besteht aus 13 Bloggern, Journalisten und Reiseveranstaltern. Darunter der ehemalige italienische Meister der Amateure und ein amtierender Altersklassen-Weltmeister der Journalisten. Also genau meine Preisklasse. Ähem. Ich bin jedenfalls regelmäßig Anstifterin für ein gemütliches Gruppetto. Die  deutschen Farben werden außer meinem besten fotografierenden Mann der Welt, Jule und mir von unserer “German Gang” vertreten: Wiebke, CyclingOlli für CyclingClaude und Miri für Speedville. Was für eine coole Truppe!

Fast die komplette deutsche Gang in San Marino.

San Leo hat heute leider keinen Ausblick für uns

Die zweite Ausfahrt soll uns an spektakuläre, mittelalterliche Orte führen, auch über der Grenze in Italien. Zunächst geht’s aber erst wieder lange bergab im Nebel, zur Königsetappe unseres Trips in San Marino. Jedoch wird sie wegen des Nebels etwas entschärft. Wir lassen Montegrimano aus, weil man von dort heute sowieso nix sehen würde, erklärt uns Sauro. Also weiter durch die Nebelwand, die jetzt ein bisschen aufklart. Wir treffen zahlreiche andere Rennradfahrer, heute ist Feiertag in Italien, das merkt man.

San Marino Castelli

Wir fahren an einigen beeindruckenden Burgen vorbei und ich entledige mich langsam meiner Beinlinge. Schließlich geht es jetzt wieder bergauf, an einem der vielen öffentlichen Trinkwasserbrunnen vorbei. Außerdem hat Optimismus noch nie geschadet! Wir kurbeln bergan, lassen uns von Narciso den Ausblick beschreiben, den man sonst hier hätte. Sind ein bisschen wehmütig ob der verpassten Aussichten, erklimmen Serra San Marco und damit die 1000-Höhenmeter-Schwelle und erreichen bald San Leo, wo wir über das nebelnasse Kopfsteinpflaster ins Dorfzentrum wackeln.

Serra San MArco PAss 1006

San Leo
San Leo im Nebel. Da oben ist irgendwo eine wunderschöne Burg, versprochen.

Der Nebel hat inzwischen schon wieder zugelegt. Das mittelalterliche San Leo hat heute leider keinen Ausblick für uns auf seine hoch oben über dem Dorf gelegene Burg. Sehr schade. Dafür bekommen wir wunderbar warmen Kaffee und ein Schokocroissant. Das nehm’ ich auch gern, bevor wir uns wieder aufs Rad schwingen. Aber fürs nächste Mal würde ich dann gerne schon einmal Ausblick vorbestellen. Danke im Voraus!

Höhenprofil Tag 2

Ein bisschen vermisse ich an den langen Anstiegen meine 34-34-Übersetzung auf meinem Trek Émonda – mit 34-28 grenzt meine Trittfrequenz hier ein bisschen an Tierquälerei. Aber hilft ja nix, wer was sehen will, muss treten. Und tatsächlich, es lohnt sich! Der Nebel reißt ein bisschen auf, man sieht immer mehr von den sanft geschwungenen Hügeln, den klar strukturierten Weinbergen, den Herbstfarben, den kleinen Orten, die sich an die Hügel schmiegen. Aha, so sieht das hier also aus, wie schön! Warum versteckt man sowas denn nur?

Nun noch der letzte Anstieg hinauf, zurück Richtung Altstadt – und schon ist unsere San Marino Cycling Experience vorüber, zumindest der Teil auf dem Rad. Natürlich lassen wir uns das leckere Abendessen nicht entgehen, feiern die tolle Zeit und damit der Abschied von San Marino nicht gar so schwer fällt, haben wir Wein, Süßes und Amaretto im Gepäck für die Heimreise. Aber wir brauchen auf jeden Fall Nachschub. Bald. Außerdem habe ich mit San Marino jetzt ohnehin eine offene Rechnung: Eine Tour ohne Nebel steht immer noch auf meiner Bucket List. Bist Du dabei? 🙂

REnnrad Carpegna San Marino

 


Für wen ist ein Rennradurlaub in San Marino empfehlenswert?

Prinzipiell ist San Marino als Urlaubslocation jedem zu empfehlen. Die historische Altstadt, die Landschaft mit dem Gegensatz von Meerblick und steil aufragenden Hügeln, das wunderbare Essen – man kann hier wirklich nichts verkehrt machen. Um den kleinen Staat richtig würdigen zu können, sollte man am besten eine Stadtführung mitmachen. Die Eigenheiten der san-marineser Geschichte sind bemerkenswert und das spiegelt sich in den sehenswerten Gebäuden wider.

Piazza della liberta san marino

In Sachen Radfahren ist San Marino eher kein klassischer Ort für ein Wintertrainingslager – außer der Saisonhöhepunkt liegt früh im Jahr. Denn hier gibts richtig Höhenmeter zu erklimmen, in dieser Gegend brachte sich Pantani in Form für die großen Rundfahrten – “Il carpegna mi basta”, der Carpegna, ein Anstieg nahe San Marino, reichte ihm zur Vorbereitung für seine Siege. San Marino eignet sich perfekt zum Klettertraining oder für anspruchsvolle Genießertouren. Eher kein Terrain für Anfänger, zu bedenken ist: Je näher die eigene Unterkunft an der historischen Altstadt auf dem Monte Titano ist, desto anspruchsvoller wird der letzte Anstieg jeder Tour. Denn der tiefste Punkt des Kleinstaats liegt auf 55, der höchste auf 739 Metern über dem Meer!

Altstadt San Marino

Was Du bei einem Leihrad in San Marino beachten solltest

Gerade Flachlandtiroler und alle, die bisher noch nicht so fleißig Höhenmeter gesammelt haben, sollten beim Leihrad in San Marino ein paar Punkte beachten: Wenn Du noch nicht so viel Erfahrung bei Abfahrten hast, dann sind Scheibenbremsen zu empfehlen, denn die Abfahrten sind lang und manchmal auch recht steil. Und wer (noch) keine Bergziege ist, sollte auf eine geeignete Übersetzung achten. Denn mit Heldenkurbel und 25er Ritzel hat man recht wenig Freude – ich hab meine tolle 34-34-Übersetzung am Trek Émonda jedenfalls sehr vermisst auf meinem Fondriest-Leihrad mit 34-28.

San Marino Rennrad

Hotels für Rennradfahrer in San Marino

  • Grand Hotel San Marino
    Das Grand Hotel am Eingang zur San Marineser Altstadt ist nicht nur eine wirklich repräsentative Unterkunft, sondern auch eine sehr herzliche, in der man als durch die Lobby klickernder Radfahrer in voller Montur bestimmt nicht schief vom Personal beäugt wird. General Manager Daniel Terranova hat uns direkt eingefangen mit seiner unglaublichen Gastfreundschaft und seiner Fähigkeit, innerhalb kürzester Zeit eine Lösung für alle Widrigkeiten zu finden. Eine sehr angenehme Atmosphäre und ein toller Fahrradkeller mit einer Grundausstattung an Werkzeug. Zudem die perfekte Lage, um die historische Altstadt zu erkunden.
  • Garden Village
    Für alle, die für Ihren Aufenthalt in San Marino eigene Chalets, Camping oder Glamping (also Edelcamping im Bungalow) einem Hotelaufenthalt vorziehen, ist das Garden Village in San Marino die richtige Anlaufstelle. Chef Paolo kümmert sich rührend um das Wohlergehen seiner Gäste und für das leibliche Wohl gibt es ein wirklich empfehlenswertes Restaurant auf dem Gelände (für Euch getestet!). Die Fahrräder finden hier natürlich auch ihren Platz, auch Leihräder sowie ein umfassender Service rund ums Rad sind verfügbar.
  • Palace Hotel
    Das Palace Hotel ist das tiefstgelegene Hotel, das wir in San Marino kennenlernten – hier ist der tägliche Weg zum Hotel also am wenigsten beschwerlich, wenn man von der Radtour zurückkehrt. Das Palace Hotel ist vielfältig, es gibt sowohl Räume für (Business-)Veranstaltungen als auch einen Spa-Bereich mit Sauna, Dampf- und Schwimmbad. Wie mir Mitarbeiter Matteo (selbst begeisterter Radfahrer) verriet, wurde auch hier fleißig am nagelneuen Radkeller gebastelt, damit sich radfahrende Gäste rundum wohl fühlen können.
  • Hotel La Grotta
    Klein, aber fein: Viel authentischer als das Hotel La Grotta geht eigentlich nicht in San Marino. Die Unterkunft liegt direkt in der Altstadt, nicht einmal 2 Gehminuten von der Piazza della Libertá entfernt. Das Hotel ist seit Jahrzehnten in Familienbesitz, Chefin Marcella ist eine echte San-Marineserin und ein wirkliches Goldstück. Mit einem eigenen Fahrradkeller kann das Altstadthotel leider nicht dienen, jedoch bestehen hier Kooperationen mit umliegenden Hotels, sodass auch Radfahrer sich hier rundum wohlfühlen können.
  • Hotel iDesign
    Hier durften der beste Mann der Welt und ich während unseres Trips nach San Marino gastieren. Das Hotel ist stylisch gestaltet, der Chef Francesco und seine Angestellten sind herzensgute Menschen, es gibt einen nagelneuen Fahrradkeller und die Zimmer sind teilweise sogar mit einem Whirlpool ausgestattet. Ziemlich cool, oder? Darüber hinaus ist der Blick hinunter ins italienische Flachland atemberaubend uuund noch ein Pluspunkt: Das iDesign-Hotel liegt nicht ganz oben am Berg, man muss also nicht ganz so viel hochstrampeln am Ende der Tour. 🙂



Transparenzhinweis: Alle Kosten der Reise wurden von “San Marino Cycling Experience“ und der Tourismusbehörde der Republik San Marino übernommen.


 

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Alles neu macht der BDR: Das neue Lizenzsystem für den Amateur-Straßenradsport

Alles neu macht der BDR: Das neue Lizenzsystem für den Amateur-Straßenradsport

Immer weniger Rennen, immer weniger Rennfahrer mit einer Lizenz, immer weniger Nachwuchs. Der Amateurradsport erlebt gerade definitiv nicht seine glorreichsten Zeiten (Gerade deswegen: Support your local Radrennen!) – und das, während der Jedermannsport boomt. Das soll sich ab 2019 ändern: Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) hat ein neues Amateur-Lizenzsystem für den Männer-Straßenradsport beschlossen. Hier gibt es alle Infos, was das neue System für die Fahrer bringt und warum ich denke, dass es den Lizenzradsport nicht retten wird.

Neu ab 2019: Nur noch zwei Lizenzklassen

Für Frauen bleibt alles wie gehabt – hier gab es auch bisher (leider aufgrund von zu wenigen Teilnehmerinnen) nur eine Amateurklasse. Bei den Männern dagegen ändert sich einiges. Bisher war es so: Jeder konnte sich eine C-Lizenz lösen und mit entsprechenden Platzierungen oder Siegen in die B- und A-Klasse aufsteigen. Das konnte bedeuten: Ein Rennen, ein Sieg, zack: Aufgestiegen.

Ab 2019 läuft die Sache etwas anders im Straßenrennsport: Es gibt nur noch zwei Lizenzklassen. Die “Elite Amateure” und die “Amateure”. Die “Elite Amateure” entsprechen quasi den bisherigen A- und B-Klassen, die Zugehörigkeit wird über die rad-net-Rangliste bestimmt. Die ersten 500 der rad-net-Rangliste gehören zu den “Elite Amateuren”, außerdem die ersten 30 der Mastersrangliste sowie die 50 besten Junioren aus der vergangenen Saison. Zusätzlich sind auch alle Fahrer der Radbundesliga automatisch in der Elite-Amateurklasse.

Die bisherige C-Klasse entspricht der Klasse “Amateure” und soll als niedrigschwelliger Einstieg dienen für neue Rennfahrer. Künftig soll es auch keine gemeinsamen Rennen der beiden Lizenzklassen geben, um das Einstiegsniveau niedrig zu halten für Anfänger. Den Einstieg einfach gestalten soll auch die Tageslizenz, die es seit 2017 gibt. Damit können auch Fahrer teilnehmen, die keine Vereinszugehörigkeit haben. An nationalen Meisterschaften und UCI-Rennen dürfen jedoch nur Fahrer mit Jahreslizenz teilnehmen.

Dürfen Amateure mit Lizenz bei Jedermannrennen starten?

Sowohl “Elite Amateure” als auch “Amateure” sind für Jedermannrennen startberechtigt, aber die Veranstalter der Jedermannrennen entscheiden selbst, ob sie “Elite Amateure” zulassen oder nicht. Damit hat das bisherige Startverbot für die A- und B-Klasse seitens des BDR keinen Bestand mehr und das Problem der notorischen “Aufstiegsverweigerer” – also Fahrer, die absichtlich nicht in die Platzierungen fahren, um weiterhin Jedermannrennen bestreiten zu dürfen – sollte sich damit auch lösen.

Stichtage für den Auf- und Abstieg

Statt direkt mit Platzierungen oder Siegen aufzusteigen, wird die Zugehörigkeit zu den Klassen mit der rad-net-Rangliste bestimmt. Ein Aufstieg oder Abstieg wird nur an zwei Tagen der Saison möglich sein. Die zwei Stichtage sind folgende:

  • 20. Mai 2019
  • 31. Juli 2019

Übersicht für Lizenzfahrer

Elite Amateure Amateure
Wer ist dabei?
  • Die ersten 500 der rad-net-Rangliste
  • Die ersten 30 der Mastersrangliste
  • Die ersten 50 der Juniorenrangliste des vergangenen Jahres
  • Fahrer der Radbundesliga
  • Fahrer außerhalb der Top500 der rad-net-Rangliste
  • Tageslizenzler
Bei Jedermannrennen startberechtigt? Ja, aber der Veranstalter kann Elite Amateure ausschließen (Ausschreibung beachten!)  Ja
Entspricht… Bisheriger A-Klasse und B-Klasse Bisheriger C-Klasse
Start mit Tageslizenz… Nicht möglich Möglich

Was soll das bringen?

Der BDR begründet den Schritt einerseits mit der besseren Übersichtlichkeit des Lizenzsystems. Statt drei nur noch zwei Lizenzklassen – keine einzelnen Platzierungen mehr zum Aufstieg, sondern die Platzierung in der rad-net-Rangliste an den Stichtagen entscheidet. Außerdem ist das neue System eine Angleichung an die Amateursysteme anderer Länder, in denen auch zumeist nur zwei Amateurklassen bestehen.

Die Änderung soll außerdem den Lizenzradsport attraktiver machen für Einsteiger, die sich bislang eher (massenhaft) an die Jedermannrennen rantrauen als an die Lizenzrennen. Ist ja auch irgendwie klar: Zwar ist die Startgebühr meist um ein Vielfaches höher, allerdings bekommen die Teilnehmer attraktive Runden, oft mitten durch die Innenstädte. Dazu muss man sich wirklich anstrengen, um nicht ins Ziel zu kommen: Der Mindestschnitt liegt meist bei etwas über 20 km/h, das schaffen normalerweise auch blutige Radlanfänger.

Die Lizenzrennen dagegen geraten gefühlt immer weiter aus dem Blickfeld, sogar viele Radsportler bekommen nicht einmal mit, wo ein Radrennen in ihrer Nähe stattfindet. Sonntägliche 50 Runden im Industriegebiet ziehen meiner Meinung nach keine Einsteiger ein ihren Bann. Dazu sind die Rennen selbst nicht wirklich anfängerfreundlich – wer aus dem Feld fliegt oder überrundet wird, ist draußen. Das kann ganz schön frustrierend sein und Einsteiger nach wenigen Rennen schon wieder abschrecken. Zwar könnte man hier die Velominati-Rule #5 anbringen: “Harden the fuck up!” – oder man überlegt sich doch mal, wie man sich den wenigen verbleibenden Nachwuchs sichert.

An diesem Problem ändert meiner Meinung nach auch die folgende Maßnahme nichts: Um das Niveau bei den Amateuren niedrig zu halten und den Einstieg zu erleichtern, sollen keine gemeinsamen Rennen der beiden Lizenzklassen mehr stattfinden. Also Rennen, die früher mit der Einstufung “KT-A-B-C” Einsteiger gegen gestandene Kontinentalprofis antreten ließen, kann es so nicht mehr geben. Ob das allerdings reicht, um Einsteiger in Scharen anzulocken? Ich hoffe es, aber ich glaube es nicht. Denn an den Grundproblemen ändert das leider wenig.

Warum es den Lizenzradsport nicht retten wird

Problem 1: Fehlende Präsenz

Meiner Meinung nach ist die fehlende Präsenz der Lizenzradrennen in der Öffentlichkeit ein großer Teil des Problems. Anstatt nur Imagekampagnen mit den Profis und Olympioniken zu fahren, sollten Lizenzradfahrer auch vom BDR stärker in den Mittelpunkt gestellt werden. Schließlich ist der Nachwuchs, der über das Lizenzsystem kommt, die Basis für den künftigen Spitzensport! Ich sehe da ziemlich schwarz für die mittelfristige Zukunft. Es gibt schlicht kaum mehr Nachwuchs in den Vereinen. Sogar viele Radsportinteressierte wissen gar nicht, dass es das Lizenzsystem gibt – dagegen weiß jeder, dass es Jedermannrennen gibt. Da hapert es doch eindeutig an der Öffentlichkeitsarbeit.

Problem 2: Fehlende Attraktivität

Die Lizenzradrennen müssen attraktiver werden! Dabei mache ich wirklich nicht den Veranstaltern einen Vorwurf. Ein Radrennen organisieren ist alleine schon ein Kraftakt, sich eine landschaftlich tolle Runde zusammenzulobbyieren ist in manchen Orten schier unmöglich. Aber seien wir ehrlich: 800-Meter-Runden sonntags irgendwo im leeren Industriegebiet – und so sehen leider viele Rennen aus – haben einfach mal null Anziehungskraft außer für die alten Rennhasen, die einfach nur Rennen fahren wollen und Kriterien geil finden. Was toll wäre: Runden durch die Innenstädte, während des Volksfests, spektakuläre Strecken – schlicht: Radrennen sichtbar und attraktiv machen!

Problem 3: Immer weniger Radrennen

Radsport ist ein teurer und aufwändiger Sport. Materialkosten und Zeitaufwand sind für die Aktiven – zumindest, wenn man den Spaß ernsthaft betreibt – um einiges höher als in anderen Sportarten. Dazu kommen gerade in Flächenländern die langen Anfahrtswege zu den Radrennen, noch heftiger wird es bei nationalen Meisterschaften. Das Problem wird sich verschärfen, denn die Radrennen werden immer weniger. Das neue Lizenzsystem soll mit mehr Fahrern auch mehr Rennen generieren. Ich befürchte, der Plan geht so nicht auf.

Dass es immer weniger Radrennen gibt, hängt – neben dem Nachwuchsmangel in den Vereinen – mit immer strenger und teurer werdenden Sicherheitsauflagen und Genehmigungen zusammen, die von den Organisatoren verlangt werden. Hier sollte sich vor allem der BDR dafür einsetzen, dass die Organisation von attraktiven Radrennen vereinfacht wird bzw. Veranstalter unterstützt werden. Irgendwann ist es sonst zu spät – dann gibt’s keine Radrennen mehr auf Amateurebene. Und dann braucht man auch kein neues Lizenzsystem mehr.

 

Was sagst Du? Sinnvoller Schritt oder sinnlose Änderung? Diskutiere mit auf Facebook, Twitter oder Instagram! Hashtag: #LocalRadrennen

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Mallorca im Februar – Paguera: Rennradfahren am Fuße der Tramuntana

Mallorca im Februar – Paguera: Rennradfahren am Fuße der Tramuntana

Zum ersten Mal ein richtiges Trainingslager im Frühjahr. Zum ersten Mal auf DER Radfahrerinsel. Zum ersten Mal Mallorca. Also wenn das nicht gut wird, dann weiß ich auch nicht. Die Erwartungen – man merkt es vielleicht so ein kleines bisschen – sind hoch vor dem Abflug.


Inhalt:


 

Und es beginnt alles ziemlich geschmeidig: Es ist Mitte Februar, früh um 8 geht unser Flug von Stuttgart nach Palma de Mallorca. Wir starten bei 0 Grad und landen bei 12 Grad, so hatten wir uns das vorgestellt! Der erste Tag hält, was der Frühling verspricht: In der Sonne werdens bis zu 15 Grad und wir schauen uns bei bestem Wetterchen Palma an.

Sightseeing in Palma.

Abends geht es ins Hotel nach Paguera. Der Mann und ich senken den Altersschnitt unserer Unterkunft deutlich, ein Radfahrerhotel für jüngere Menschen ist das hier nicht. Macht aber gar nix, das Essen ist gut, die Tischnachbarn nett, unser Zimmer im Erdgeschoss und einen versteckten Balkon, auf dem wir die Räder lagern können, haben wir auch. Alles gut also. Nach dem reichlichen Abendessen fiebern wir dem nächsten Tag entgegen. Schließlich gibts da 1. Frühstück (nicht, dass ich verfressen wäre… aber ich liebe Halbpension!) und 2. können wir ab neun Uhr unsere Leihräder abholen und endlich radfahren.

Unser Plan geht aber nicht so richtig auf. Es waren zwar Schauer angesagt, aber während wir am nächsten Tag beim Frühstück sitzen, regnet es sich so richtig ein. Das Regenradar macht uns immer wieder falsche Hoffnung, nur um dann doch immer wieder neue Regenwolken aus dem Hut zu zaubern. Na wunderbar.

Trotzdem laufen wir los und holen bei Ride Mallorca, nur zwei Querstraßen vom Hotel entfernt, unsere Rennräder ab. Da es genauso viel gekostet hätte, unsere eigenen Räder mitzunehmen, entschieden wir uns lieber für das stressfreie Mieten vor Ort. Bei Ride Mallorca empfängt uns direkt ein überdimensionales Sagan-Poster – es stellt sich heraus, dass der Besitzer wie Peter Sagan aus der Slowakei und natürlich mächtig stolz auf seinen Landsmann ist. Netterweise bekommen wir sogar etwas Rabatt wegen des Regenwetters, echt klasse Service! Ich nehme mein gebuchtes Specialized Tarmac in Empfang, der Mann setzt sich auf sein Merida Scultura und wir machen uns auf den nassen Weg zurück ins Hotel.

Ride Mallorca in Paguera.

Unsere Radtouren ab Paguera

Angeblich war der Februar schon vor unserer Ankunft der verregnetste seit Beginn der Wetteraufzeichnung und auch die Temperaturen lagen weit unter dem Durchschnitt. Eigentlich müsste man ja meinen, das dreht sich irgendwann. In den ersten beiden Tagen spüren wir da leider nichts davon. Die ersten beiden Tage platscht ein Schauer nach dem anderen herunter und wir trauen uns nur für eine 30 und eine 50 Kilometer Ausfahrt nach draußen – dabei werden wir nass bis auf die Knochen, aber bekommen schon einmal einen Eindruck von der Umgebung – und von der Mandelblüte.

Tag drei ist dann endlich unser Tag – die Sonne scheint fröhlichst vom Himmel und wir können endlich eine der größeren Touren in Angriff nehmen, die wir zuhause geplant haben. Quasi ein bisschen Sightseeing mit dem Rad – wir fahren von Paguera nach Palma und weiter nach El Arenal. So sieht der Ballermann also aus, jetzt hab ich das auch mal live und in Farbe gesehen. Weiter gehts nach Llucmajor, dort gönnen wir uns eine Kaffeepause. Von hier aus kann man den berühmten Randa schon aus der Landschaft ragen sehen – wollen wir da noch hoch, obwohl es noch gut 70 Kilometer zurück ins Hotel sind? Die Umfrage in meiner Insta-Story spricht eine klare Sprache: Randa muss sein. Also los.

Hinauf auf den Randa – dieser Berg brummt vor Radfahrern!

Fünf Kilometer geht es hinauf, der Berg brummt förmlich vor Radfahrern. Uns sind zwar den ganzen Tag schon viele Radgruppen begegnet, aber was an diesem Berg los ist, übertrifft alles, was ich bisher außerhalb eines Rennens gesehen habe. Die Krönung ist dann, als Tony Martin bergauf an uns vorbeirauscht und John Degenkolb uns mit einem Teamkameraden fröhlich plappernd entgegen kommt. Not bad, das passiert mir zuhause nicht so häufig! (Na gut, Marcus Burghardt oder Leif Lampater fetzen da schon hin und wieder vorbei.)

Mallorquinischer Mandelkuchen – Himmlisch!

Wir kommen dann auch mal oben an, am Gipfel des Randa, und genießen den Rundumblick über die Insel – die Kletterei hat sich gelohnt! Noch ein paar Fotos und weiter geht die wilde Fahrt. Wir düsen mit Rückenwind Richtung Santa Maria di Calmi, weiter nach Establiments und Calvia und kommen – nach noch einem Mandelkuchenstopp – nach 135 Kilometern und 1300 Höhenmetern mit den letzten Sonnenstrahlen und pünktlichst zum Abendessen in Paguera an. Ein Traum, so kann es weiter gehen!

Mit den letzten Sonnenstrahlen rollen wir in Paguera ein…

Panoramatour zum Durchatmen in den Ausläufern der Tramuntana

Am nächsten Tag brauche ich ein bisschen, bis ich in Schwung komme. Die Tour heute sollte locker werden, sonst hab’ ich ein Problem. Zum ersten Mal fällt mir ganz bewusst auf, dass es irgendwie immer bergauf geht, wenn man aus Paguera raus will. Tramuntana eben. Und heute fällt das besonders schwer.

Für diese Landschaft lohnen sich so einige Strapazen!

Aber diese Tour entschädigt mit wunderbaren Ausblicken. Wir fahren zunächst über die Küstenstraße Richtung Palma, um kurz vor der Inselhauptstadt Richtung Norden nach Genova abzubiegen. Von dort geht es weiter zum ruhigen aber absolut lohnenden Anstieg nach Galilea und schließlich über Es Capdella und Andratx wieder zurück nach Paguera. Landschaftlich ein wirkliches Highlight – dafür stehen am Ende auch wieder 1000 Höhenmeter auf der Uhr. Beinchen not amused – dabei haben wir doch noch was vor!

 

Königsetappe über Valldemossa und Port de Soller

Denn die Königsetappe steht an. Wir fahren nicht ganz den berüchtigten Küstenklassiker – aber einen Teil davon. Reicht jedenfalls, um mich nervös werden zu lassen. Wir radeln wieder Richtung Palma und hinauf nach Genova, um von dort aus nach Valldemossa zu gelangen. Zur Info: Das ist ein Bergdorf. Es geht hoch. Echt lang. Und es ist Februar. Und warm ist es auch. Und ich bemitleide mich und meine geschundenen Beine sehr. Aber ich bekomme es irgendwie hin und kurble stetig nach oben.

Hoch, hoch, nach Valldemossa!

 

Gerade, als ich kurz vor dem Platzen bin, erreichen wir Valldemossa und der Anstieg hat zunächst ein Ende. Jetzt kommt erst einmal die Kür, bevor die Pflicht erneut ruft. Denn wir cruisen entlang der wunderschönen Küstenstraße nach Deía, und ich überlege kurz, ob ich nicht einfach dableiben und ins Postkartenbusiness einsteigen soll.

Vielleicht mach ich ab sofort in Postkarten.

Die Ausblicke sind der Hammer! Wir lassen uns die Serpentinen hinab Richtung Port de Soller treiben und genießen dort einen feinen Mandelkuchen (Kuchen ist sehr wichtig zum Radfahren, keine Widerrede!), während die berühmte Soller-Bahn an uns vorbeischnauft.

Den Kuchen können wir sehr gut gebrauchen, denn jetzt geht es noch einmal bergan. Der Soller-Pass steht auf dem Menü und ich bin anfangs ein bisschen traurig, dass wir mit den Rädern nicht durch den Tunnel abkürzen dürfen. Nach wenigen Metern bergan hat sich das aber gelegt: Die Haarnadelkurven sind dank des Tunnels fast autofrei und die Steigung ist völlig akzeptabel. Das Tollste am Soller ist jedoch die Abfahrt: Diese Kurven – ein Traum, sogar für mich Angsthasen. Glücklich und jetzt aber dann doch richtig zerstört nach 120 Kilometern und 1800 Höhenmetern kommen wir wieder in Paguera an.

Soller – Fast autofrei hinauf…
… und in wunderbaren Serpentinen bergab.

Jetzt sind die Kräfte endgültig alle. Deswegen rollen wir zum Abschluss unseres kleinen Trainingslagers nur noch lockere 30 Kilometer und hinterlassen eine Spur der Verwüstung in den Eisdielen am Wegesrand. Das haben wir uns verdient!

Fazit: Wir sind so k-l-u-k! Und haben trotzdem Spaß.

Zugegeben – das war wahrlich kein Trainingslager, wie es im Lehrbuch steht. Völlig untrainiert angereist, keinen wirklichen Ruhetag, der Ausgangspunkt Paguera am Fuße des Tramuntana-Gebirges ohne Möglichkeit, mal richtig flach zu fahren. Macht aber nix: Es war ganz wunderbar. Immerhin knapp 450 Kilometer und 6000 Höhenmeter haben mich richtig vorangebracht und ich hatte zudem das Glück, nicht direkt krank zu werden trotz der plötzlichen Belastung. Da hab’ ich meinen Körper gut überrumpelt, haha!

Obwohl es ein paar Regentage gab und auch die Temperaturen keine Rekordwerte erzielten, können wir sehr zufrieden sein. Denn wenn Deutschland gerade bei -20 Grad in Schockstarre verweilt, sind 13 Grad ein sehr guter Deal.

Ansonsten hat Mallorca seinen Ruf als DIE Radfahrerinsel völlig bestätigt: Zufriedenstellende Infrastruktur und sehr rücksichtsvolle Autofahrer, bei denen stark fühlbar ist, dass sie den Umgang mit Radfahrern einfach gewöhnt sind (auch, wenn es nur kurz nach unserem Trainingslager leider tödlich gekracht hat#machdenbogen). Im Vergleich zu Sizilien fällt vor allem der sehr gute Straßenzustand auf und die Geschwindigkeitsbegrenzungen für Autofahrer zugunsten der Radfahrer auf vielen Nebenstrecken ist eine schöne Maßnahme.

Schilder weisen auf den Überholabstand hin.

 

Mallorca, wir kommen wieder!

 

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Pantanissima – Gran Fondo Marco Pantani: Der Pirat lebt weiter

Pantanissima – Gran Fondo Marco Pantani: Der Pirat lebt weiter

Pressereise – Ich stehe in der ersten Reihe, direkt unter dem Startbogen. Es ist 7 Uhr 15 und hinter mir stehen tausend Radfahrer und Radfahrerinnen. Neben mir stehen unter anderem Alessandro Vanotti, früher Nibalis Edelhelfer, oder der unglaublich fit aussehende Manuel Senni, letztes Jahr Sieger der Tour of Colorado. Vor uns läuft Tonina Pantani, Marcos Mama, herum, begutachtet die VIP-Gäste und grüßt hier und da. Gleich starte ich zu meinem allerersten Gran Fondo in Italien – genauer gesagt zum Gran Fondo Marco Pantani in Cesenatico. Ich bin Gast von Terrabici und darf daher von da starten, wo ich eigentlich so gar nicht hingehöre.

Tonina Pantani stromert am Start herum.

Der Radmarathon wird auch Pantanissima genannt. Es ist quasi das pantanigste, was man als Nichtprofi so machen kann. Der Start erfolgt in der Heimatstadt des Pirata, die Strecke führt über seine Lieblingsberge der Region und Mama Pantani schwenkt die Fahne für den Start.

“Direkt nach dem Start fährst Du an die Seite und versuchst, bei mir zu bleiben. Die sind verrückt. Verrückt!”, rät mir Alessandro Malaguti, Ex-Profi und schon die letzten beiden Tage mein Guide in der Emilia Romagna. Hinter mir scharren die Rennfahrer mit den Vorderrädern. Jap.  Denen mach ich Platz, ich bin noch zu jung zum Sterben. Es wird gescherzt, fotografiert, heruntergezählt, und schon wird das Rennen freigegeben.

Der Start ist angeblich neutralisiert, zu merken ist davon nicht viel. Ich fahre direkt an den Rand und schwimme in der Menge mit. Ich bekomme gar nicht mit, wo sich der scharfe Start befindet, so tief hänge ich im Unterlenker. Ich versuche nur, Ales Hinterrad vor mir zu halten und die Emilia-Romagna-Trikots nicht aus den Augen zu verlieren. Kurz wirds brenzlig, einer unserer Terrabici-Gang hat die Trinkflasche wegen eines Schlaglochs in einer Unterführung verloren. Die Flasche kullert mir zwischen die Laufräder, ich slide kurz – aber netterweise kullert die Flasche gleich wieder weg. Hui, das war knapp.

Ich versuche mit zunehmend schmerzenden Beinchen, mein Feld zu halten. Nach 15 Kilometern am Anschlag und einem 36er Schnitt gebe ich auf und falle hinten raus. Alter. Noch mindestens 55 Kilometer zu fahren und ich bin eigentlich schon mausetot. Ich werde von Feld um Feld aufgefahren und hinten wieder ausgespuckt. Irgendwann kann ich dann doch eine Gruppe halten, mit der ich zügig Richtung Hügel düse.

So langsam beruhigt sich auch meine Atmung und die Kilometer fliegen nur so vorbei. Ich bekomme Hunger. Nach 25 Kilometern – ich bin so eine Lusche. Aber so früh vor dem Rennen bringe ich nun mal kein Frühstück runter, also muss ich halt während des Rennens nachfüllen.

Mein Nebenfahrer erzählt mir: “I am *nuschel* hungry.” Ich wähne in ihm einen Verbündeten und schreie ihm entgegen: “Me too!” Er lächelt und schaut verwirrt. Fünf Sekunden später dämmert mir: Der gute Mann wollte mir sagen, dass er aus Ungarn kommt. Hungary, nicht hungry. Ähm ja. Jedenfalls krame ich kurz darauf meine erste Verpflegung von Ethic Sports aus der Trikottasche.

Die Strecke teilt sich. Meine Beine sind inzwischen wieder gut dabei und das bisschen Hunger habe ich auch in den Griff bekommen. Also kurze Strecke mit 73 Kilometern? Oder doch die mittlere mit 108 Kilometern? Oder doch kurz? Aaaah  – ach egal. Volle Kraft voraus auf die mittlere Strecke. Ich bin ja hier, um was zu erleben!

Kurz danach beginnt die Straße, stärker anzusteigen. Ja, Mist. Vielleicht wäre die kurze Runde doch ganz geil gewesen, finden die Beine, die die letzten beiden Tage schon gut performt haben. Meine Gruppe ist mir weggefahren, hinter mir sehe ich niemanden. Bin ich jetzt die Letzte? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen nach diesem crazy Tempo zu Beginn – da müssen noch welche kommen. Aber wo sind denn alle? Abgebogen auf die kleine Runde? Egal, solange es Pfeile gibt, komme ich da schon durch.

Die Straße wird langsam steiler, der Beginn des Anstiegs nach Ciola ist jetzt auch per Schild manifestiert. 6 Kilometer, durchschnittlich 5,5 Prozent. Dann auf in die Serpentinen! Es macht gerade nur so mittelmäßig Spaß, der Tacho scheint irgendwie stehengeblieben zu sein. Ich schalte in den kleinsten Gang, Hauptsache in Bewegung bleiben. Irgendwann rollen mich von hinten doch noch Teilnehmer auf. Juhu! Doch nicht allein auf der Strecke!

Anstieg nach Ciola.

Ich hänge mich an zwei nette Frauen aus Venedig dran. Sie erzählen, sie machen sowas fast jedes Wochenende. Irgendwann enteilen sie mir ein paar Meter. Ich fahre dafür auf zwei ältere Herren auf. Die können zwar kein Englisch, aber mit meinen drölf Worten italienisch und Händen und Füßen verständigen wir uns. Sie erklären mir, dass der zweite Anstieg zwar kürzer, aber steiler ist. Und ich doch ruhig vorbeifahren soll, wenn ich will. Och nö, tutto bene, grazie. Das gemächliche Tempo passt mir gerade ganz gut.

Langsam wachen die Beinchen auf, der Tritt wird lockerer – da ist der Anstieg aber schon wieder vorbei. Dafür erspähe ich direkt die Verpflegungszone, Ristoro heißt das hier. Bananen, Plätzchen, Minipizza – ein Träumchen! Ich kralle mir von allem etwas, fülle Wasser nach, schalte auf das große Blatt und stürze mich in die etwas neblige Abfahrt. Tja, da hab ich natürlich nicht mit diesem fiesen Gegenanstieg gerechnet – es geht noch einmal ein paar hundert Meter steil bergauf.

Essen!

Aber dann gehts endlich runter. Erst steiler in Haarnadelkurven, unten im Ort Mercato Saraceno könnte man dann auf die lange Route mit 145 Kilometern weiterfahren, ich biege aber auf die mittlere ab. Das reicht heute locker. Ich kreisele kurz mit einem Herren, bis uns die nächste Gruppe auffährt. Leicht bergab geht es jetzt flott Richtung Höhepunkt dieses Gran Fondo.

Der Höhepunkt, das ist der Anstieg nach Montevecchio, auch Cima Pantani genannt, weil der Pirat hier oft trainierte. Vier Kilometer, durchschnittlich 8 Prozent, maximal mehr als 15 Steigungsprozente. Gleich zu Beginn ragt die löchrige Straße steil nach oben. “No sono  Pantani” – ich bin nicht Pantani, seufze ich zu einem Mitfahrer. “Nemmeno io” – ich auch nicht, sagt er und lacht.

Cima Pantani – Anstieg nach Montevecchio.

Die ersten zwei Kilometer lassen kaum Gelegenheit, die Beine mal kurz zu entspannen. Alle paar hundert Meter steht in leuchtendem Rosa “Pantani” auf dem Asphalt. Mitten in einem der steilen Stücke spricht mich Sebastiano an. Wir unterhalten uns kurz und kurzatmig in italienisch-englisch darüber, wo wir herkommen, in welchem Hotel ich wohne. Und ich soll ihm doch bitte meine Telefonnummer geben, er will mich auf ein Eis einladen. Ähm ja, ne danke, gerade nicht. Außerdem bin ich mit Atmen beschäftigt, ich schätze mal so 8% hat die Straße gerade.

Er bleibt hartnäckig. Ich fahre extra langsam, damit er vorausfahren kann, und spiele den sterbenden Schwan – aber er bleibt bei mir. Dann halt anders: Ich sammle Kräfte, bitte in Gedanken Pantani um Hilfe und trete an. Sebastiano kann mir nicht folgen und ich gewinne Abstand. Ha! Klappt ganz gut und ich sammle noch ein paar Mitfahrer ein. Am Tacho fliegen die Zahlen der Kilometeranzeige nur so dahin. Schnell sind 3,5 Kilometer um, weit kann es nicht mehr sein. Währenddessen fliegen die beiden Führenden der langen Runde an mir vorbei: Profi Manuel Senni und Christian Barchi, manchen vielleicht vom Ötztaler Radmarathon bekannt. Was für ein Tempo!

Die letzten paar hundert Meter gehen fix vorbei. Die “Bergwertung” kommt direkt in Sicht. Davor steht in rosa auf der Straße geschrieben: “Sempre con te, Marco” – “Immer an Deiner Seite, Marco”, oben auf dem höchsten Punkt ist ein riesiger Felsen mit Foto von Pantani und rosa und gelben Bändern geschmückt, zum Gedenken an das 20-jährige Jubiläum von Giro- und Tour-Sieg von Marco Pantani. Cima Pantani eben.

Sempre con te, Marco.
Denkmal oben an der Cima Pantani.
Ristoro an der Cima Pantani.

Ich bediene mich auch hier am vollen Ristoro-Buffet, betrachte kurz das Pantani-Denkmal und schwinge mich wieder aufs Rad. Damit habe ich die beiden großen Anstiege der mittleren Runde hinter mich gebracht. Glaube ich zunächst. Dann erinnere ich mich an das, was Alessandro mir am ersten Tag gesagt hatte: “Die Cima Pantani ist gar nicht so schlimm. Du verzweifelst eher an den vielen kleinen Gegenanstiegen, die danach kommen”. Richtig, die hatte ich vergessen. Nix mit 25 Kilometer bergab. 10 Kilometer lang macht die Straße jetzt einen auf Achterbahn. Runter, hoch, runter, hoch, rechts, links, runter, hoch. Wie anstrengend!

Zumindest verfahren kann ich mich nicht, freundliche Streckenposten mit roten Fahnen weisen mir an Kreuzungen den richtigen Weg. Aber von mir aus dürfen die Gegenanstiege jetzt aufhören. Das grenzt langsam an Körperverletzung. Kurz, bevor ich absteigen und mich einfach an den Straßenrand legen möchte, erreiche ich das Flachstück. Ein freundlicher Herr spannt sich vor mich und lässt mich nicht arbeiten. Pfüh! Irgendwann biegt er ab – der gehörte gar nicht zum Gran Fondo, der wollte nur spielen. Und ich bin wieder allein.

Noch 15 Kilometer bis zum Ziel. Wo sind denn alle? Versprengte schnelle Gruppen von der langen Runde düsen an mir vorbei. Hin und wieder kann ich mich kurz an die Düser hangeln, aber meist bin ich gleich wieder weg. Also Unterlenker gekrallt und alleine los. Ich passiere das 10-Kilometer-Schild. Von hinten höre ich die nächste Gruppe heranfliegen. Ich beschleunige und ha, jetzt klebe ich dran am Hinterrad. Ich sitze im Expresszug Richtung Ziel – gutes Tempo und gerade noch so von mir zu halten. Bis die nächste Autobahnbrücke kommt – da platze ich leider weg. Zusammen mit einem Mitstreiter, der aber so grau ist, dass er gar nicht mehr vorankommt. Also wieder alleine weiter.

Die Kilometerschilder häufen sich. Noch 5. Noch 3. Noch 2 – ein Streckenposten ruft mir zu: “Ultimo kilometro!” und ich biege auf die ewig lange Zielgerade ein. Ein paar Zuschauer sind noch da und feuern kräftig an, ich trete nochmal rein und versuche, mich in vernünftigem Tempo über die Ziellinie zu retten. Geschafft! 108 Kilometer, 1200 Höhenmeter – das reicht dann jetzt für heute. Das Zielbier zusammen mit den Terrabici-Jungs ist hart verdient.

Geschafft!

Eine richtig schöne Runde war das und mit der Cima Pantani auch noch eine richtig emotionale Tour, ob man will oder nicht. Die Straßenmalereien sind wirklich rührend und man kann sich gut vorstellen, wie Marco Pantani sich seinerzeit am Anstieg nach Montevecchio den letzten Trainingsschliff geholt hat. Die Verpflegung während des Gran Fondo war klasse und auch über die Streckensicherung kann ich mich nicht beklagen. Der Gran Fondo Marco Pantani macht Lust auf mehr – es gibt ja noch genügend Events in der Region. Ich komme wieder! Das ist ein Versprechen. 🙂

Das Höhenprofil der mittleren Runde beim Gran Fondo Marco Pantani 2018.

Zwei Stunden nach meinem Zieleinlauf schnappe ich mir ein Leihrad vom Grand Hotel Cesenatico und rolle noch einmal zurück zum Zielbereich. Und da ist noch richtig was los! Die Siegerehrungen sind immer noch in vollem Gange. Ganz vorn dabei, mal wieder: Tonina und Paolo Pantani, Marcos Eltern. Ich komme gerade an, als Fabio geehrt wird. Fabio sieht kaum älter aus als 22, er war also vielleicht 8 Jahre alt, als Marco Pantani im Hotel “Le Rose” in Rimini starb. Er erzählt von seinem ganz persönlichen Giro d’Italia, bei dem er Geld gesammelt hat für die Fondazione Marco Pantani, eine karitative Stiftung, die von Tonina Pantani ins Leben gerufen wurde. Während er, umringt von Tonina und Paolo, erzählt, dass Marco sein großes Vorbild war, bricht er in Tränen aus. Tonina nimmt ihn fest in den Arm, Paolo legt die Hand auf seine Schulter.

Tonina und Paolo bei der Ehrung von Fabio, dem karitativen Radler.

Da wird mir nochmal richtig klar: Marco Pantani lebt weiter. Und zwar als Held in der kollektiven Erinnerung, sogar als Held der nächsten Generation, egal wie ambivalent man zu ihm stehen mag. Pantanissima ist nicht nur einmal im Jahr, Pantanissima ist immer, zumindest in Cesenatico.

Pantani-Statue in Cesenatico, enthüllt zu seinem 10. Todestag.

Transparenzhinweis: Alle Kosten der Reise wurden von Terrabici übernommen.

 

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