Ra(n)dnotizen #109

Ra(n)dnotizen #109

Erstkürzlich hatte ich mit einem Freund das Thema „chinesische Leihfahrräder“. Wir beide hatten dabei das obligatorische Halbwissen am Start: Stehen überall herum, bilden irgendwann riesige Schrotthaufen, die Bewegungsdaten der Benutzer werden gewinnbringend nach China verhökert. Umso erstaunter war ich dann, als ich just zwei Tage später über einen Artikel zu diesem Thema stolperte, der so richtig entspannt an die Sache herangeht. Dabei werden dann sowohl die Vorurteile, als auch die Möglichkeiten beleuchtet, die solche große Leihfahrradsystem mit sich bringen.

Ich glaube, dass die Räder für viele Städte eine gute Chance sein können. Zum einen könnte es sein, dass Städte, die selber kein Geld in eigene Leihsysteme ausgeben auf einmal eins bekommen. Das betrifft auch Städte, die seit Jahren planen, ein System einzuführen aber noch keine Ergebnisse vorweisen können. Aber auch die Städte, die bereits Systeme betreiben, sollten am Ende vom Innovationsdruck, der jetzt auf die deutschen Anbieter zukommt, profitieren. Der stationslose Betrieb der neuen Anbieter könnte Bikesharing auch für neue Zielgruppen interessant machen – etwa für Menschen, die nicht in der Nähe von bestehenden Ausleihstationen wohnen. Die asiatischen Anbieter betreiben alle ihre Systeme Stationslos, das heißt die Räder können an jeder Straßenecke abgestellt werden und eben dort auch wieder ausgeliehen werden. Gleichzeitig wird sich bei einer großen Anzahl an Rädern auch die Wahrnehmung von Verkehr ändern, Bewusstsein für andere Fortbewegungsmittel fördern.

Aber nicht nur wesentlich flexiblere Lösung stationslosen Bikesharings ist interessant, auch die Betrachtungen zum Thema OpenData, die im Artikel gemacht werden, sind interessant. Denn klar ist, das die deutschen Städte an neuen Verkehrskonzepten arbeiten müssen. Und was hilft da besser, als möglichst exakte (und umfassende) Bewegungsdaten. Wie dem auch sei, den Artikel sollte man – auch wenn er jede Menge Buchstaben hat – wirklich mal lesen.

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Hier in Berlin ist die CDU gerade dabei, ein wenig gegen den Radverkehr zu schießen. Gemeinsam mit der FDP holt sie immer wieder die alte Litanei vom ideologisch geführten Krieg hervor, den der rot-rot-grüne Senat gegen den Autofahrer führen würde. Erst kürzlich gab es da bei Facebook eine ganz interessante Diskussion, in der sich die CDU – oder vielmehr deren Social Media Team – zunächst beteiligte, dann aber plötzlich ganz schnell ausstieg. Und zwar exakt in dem Moment, in dem das Thema „Flächengerechtigkeit“ aufs Tapet kam.

Und genau dazu passte dann quasi wie die Faust aufs Auge, was man heute im Tagesspiegel lesen durfte. Die CDU echauffiert sich enorm wegen einer Fahrradspur, die stadtauswärts(!) auf der Frankfurter Allee eingerichtet werden soll. Betrachten wir mal die Lage: Drei Fahrspuren, von denen die rechte tagsüber fast durchgehend durch Zweite-Reihe-Parker und Lieferverkehr blockiert wird, ein enger Radweg, ein enger Gehweg, dazu alles kreuzend der Ausgang eines U-Bahnhofes. Neu angedacht ist: Zwei Fahrspuren, breiter sogar als bisher, eine Fahrradspur, ein breiterer Gehweg und Parkhäfen für den Lieferverkehr:

Nach Ansicht von Verwaltungssprecherin Dorothee Winden profitieren alle von der Idee: Fußgänger, weil sie sich nicht mehr den schmalen Gehweg mit Radfahrern teilen müssten; Radler, weil sie einen teilweise durch Poller geschützten Extraweg bekämen, Fahrgäste aus der U-Bahn, weil sie am Bahnhof Samariterstraße nicht mehr den Radweg kreuzen müssten, Autofahrer, deren zwei Spuren breiter würden; nämlich 3 Meter statt wie jetzt 2,66 Meter, und Lieferanten, weil es Extralieferzonen geben solle.

Zusammengefasst bedeutet das: Radfahrer haben mehr Platz und Sicherheit. Fußgänger haben mehr Platz und Sicherheit. Lieferanten können jetzt legal zum Be- und Entladen halten. Autofahrer haben genauso viel Spuren auf denen sich etwas bewegt wie vorher, nur sind die jetzt breiter. Und dazu kommt noch ein ganz interessanter Punkt, nämlich die schon erwähnte Flächengerechtigkeit. Nimmt man die Zahlen von 2008, dann hatte der MIV im Modal Split einen Anteil von 32%, der Radverkehr einen Anteilvon 13%. Also in etwa 2:1. Und wenn ich das jetzt mal auf drei Fahrspuren projiziere, dann komme ich irgendwie auf, ja, tatsächlich, genau 2:1. 🙂

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Wobei natürlich die Presse nicht ganz unschuldig daran ist, das viele Menschen weiterhin ihren Hass auf alles pflegen, was des deutschen liebstes Kind ein wenig in Bedrängnis bringt. So war es bspw. der Spiegel, der erst kürzlich in seiner Autorubrik titelte: „Aggressive Radfahrer: Gewalt auf zwei Rädern„. Schon diese Headline, und mehr lesen vermutlich nur die allerwenigsten, hat jede Menge Potanzial Vorurteile zu pflegen. Wer es noch bis zum ersten Absatz schafft, der sieht sich dann auch prompt bestätigt:

Fahrradfahrer waren immer schwächer als Autofahrer. Daraus leiten sie offenbar das Recht ab, Verkehrsregeln zu brechen – wie in dieser sonderbaren Begegnung.

Es ist dunkel, es regnet, und die Konturen der anderen verwischen hinter den Schlieren auf der Scheibe. Als ich noch täglich mit dem Fahrrad zur Lehrstelle oder zur Uni fuhr, war ich bei so einem Wetter alarmiert. Autofahrer konnten einen schlicht nicht sehen. Innenstadt-Vorfahrthaber, die sich permanent im Recht wähnten, entwickelten sich zu gefährlichen Feinden in massiven Burgen. Also fuhr ich umsichtig, passiv und ließ den Blechkisten häufiger mal den Vortritt, man hängt ja an seinem Leben.

Interessant ist dabei ja, das der Autor etwas tut, was viele in den immer wiederkehrenden Diskussionen tun: Er verweist darauf, das er selbst ja auch Fahrrad fährt (bzw. fuhr). Was ihm natürlich hinreichend Kompetenz gibt, die Gesamtverkehrssituation in Deutschland sauber zu beurteilen und empirisch gesicherte Aussagen zu treffen. Anschließend folgt das Übliche. Radfahrer fahren ohne Licht, Radfahrer fahren ohne Helm, Radfahrer fahren ohne Warnweste und am schlimmsten, alle, ja wirklich alle Radfahrer ignorieren rote Ampeln.

Gerade letzteres hat ja erst kürzlich die Hamburger Polizei überprüft, also – löblich, löblich – mal nicht nur gezielt auf Radler oder Autofahrer abzielte, sondern eine ganz allgemeine Rotlichtüberwachung, unabhängig vom verwendeten Fahrzeug, vornahm. Und dabei alle Vorurteile zu bestätigen wusste. Nur leider nicht die der Autofahrer, denn von denen fuhren zehnmal mehr bei rotem Licht. Wobei man das tatsächlich immer öfter beobachtet. Ich meine, vor einigen Jahren war es bei weitem noch nicht so schlimm, da fühlten sich Autofahrer schon als schlimme Lümmel, wenn sie mal bei gelb fuhren, heutzutage meinen die meisten, die erste Sekunde rot wäre sogar erlaubt. Aber okay, Unkenntnis geltender Regeln ist ja dann auch nochmal ein Kapitel für sich.

Aber zurück zum Spiegel, dieser Artikel steht nur stellvertretend für etlich andere die in genau der gleichen Tonlage geschrieben sind. Vermutlich macht so etwas tatsächlich Auflage, anders ist es zumindest nicht zu erklären. Und wenn die Damen und Herren Lokalpolitiker dann zwar von der Lebens- und Alltagswirklichkeit der Bürger reden, diese aber nur aus solchen Zeitungsartikeln kennen, dann muss man sich über solche Dinge, wie sie die Berliner CDU heute brachte, auch nicht wundern… 😮

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RadlerTweet der Woche: Traumhaftes Stettin

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Die Ra(n)dnotizen bei FacebookRa(n)dnotizenDie Ra(n)dnotizen sind ein unregelmäßig erscheinendes Sammelsurium von Meldungen rund um das Fahrrad. Dabei geht es oft um den Radverkehr in Berlin, aber auch um kurioses oder bemerkenswertes aus anderen Städten. Hast auch Du ein Fundstück zum Thema Fahrrad, dann bin ich für sachdienliche Hinweise dankbar. Die Ra(n)dnotizen sind ebenfalls als RSS-Feed verfügbar.
Ra(n)dnotizen #108

Ra(n)dnotizen #108

Alter Verwalter, da hat sich ja die Berliner Regierung ein echt dickes Ding geleistet. Hier in Person der Chef der Senatskanzlei für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Jens-Holger Kirchner. Der nämlich schlägt vor, „um die Sicherheit der Radfahrenden zu erhöhen“, in eine geplante Bundesratsinitiative für mehr Verkehrssicherheit eine Helmpflicht für Kinder aufzunehmen, ebenso wie schärfere Sanktionen gegen Radfahrer, die trotz bestehender Benutzungspflicht eines Radweges auf der Fahrbahn radeln.

Gut, das muss man erstmal sacken lassen. Fangen wir mit den Sanktionen an. Auf den ersten Blick hört sich das ja durchaus gerecht an. Man will einerseits den Radverkehr fördern, packt deshalb aber auch das „Problem“ Verkehrsverstöße durch Radfahrer mit an. Aber eben nur auf den ersten Blick, denn will man tatsächlich Verkehrsverstöße stärker ahnden, muss hier jeder Verstoß gleichermaßen in Angriff genommen und dabei seine Gefährlichkeit ins Verhältnis zur Strafe gesetzt werden.

Und mal ehrlich, wieviele Unfälle gibt es durch Radler auf der Fahrbahn, und wieviele weil der Radweg zugeparkt und der Radler deshalb in den fließenden Verkehr gezwungen wurde? Und da ist auch schon eine der Hauptursachen, weshalb benutzungspflichtige Radwege nicht benutzt werden. Es geht einfach nicht, weil PKW darauf parken. Und weil deren Benutzung auch aus anderen Gründen lebensgefährlich ist.

Ein weiterer Punkt ist dann natürlich noch der bauliche Zustand. Gerade in Berlin gilt dabei, „je kaputter der Radweg, desto benutzungspflichtiger“. Da wundert es natürlich nicht, wenn sich Radfahrende auf ihr gutes Recht berufen, den Radweg wegen Unzumutbarkeit nicht zu benutzen. Und ja, viele weichen dann auf den Gehweg aus, was genauso Scheiße ist. Muss man auch mal sagen. Auch wenn es in vielen Fällen daran liegt, das man dann auf der Fahrbahn auch nur tot gefahren wird, die Gehwegnutzung also nur lebenserhaltender Selbstschutz ist.

Helmpflicht für Kinder. Ja selten habe ich gröberen Unfug gehört. Schaut man sich die meisten Kinder mit Fahrradhelm an, dann sind die Dinger eher gefährlich als schützend. Denn viele Eltern sparen hier gern mal ein paar Euro und dann wird der Helm gleich drei Nummern zu groß gekauft. Oder er passt eigentlich, aber es wird noch eine Mütze und eine Kapuze unter dem Helm getragen, so dass der Helm nicht mehr den Kopf bedeckt, sondern im Falle eines Sturzes nur den Hebel erhöht, damit das Genick auch wirklich bricht. 😯

Darüber hinaus ist die Helmpflichtdiskussion ohnehin eher Fachgebiet populistisch agierender Parteien und eher im konservativen und rechten Lager zu finden. Da befremdet es also besonders, solche Töne aus der Senatskanzlei zu hören. Und wie immer gilt auch hier: Schauen wir doch mal nach der tatsächlichen Gefährdung. Wer hat öfter Kopfverletzungen bei Unfällen, Radfahrer oder Autofahrer? Richtig, die Autofahrer, Warum fordert eigentlich niemand eine Helmpflicht für Autofahrer? Im Rennsport ist das doch auch üblich, und zwar mit Erfolg.

Nun denn, letztlich muss man aber neben dem tatsächlich völlig hirnrissigen Charakter dieses Vorschlages betrachten, wie es dazu kam. Ich habe da folgende Theorie: R2G bemüht sich ja, angeblich nach Kräften, das in der Koalitionsvereinbarung für das Frühjahr 2017 zu verabschiedende Mobilitätsgesetz noch irgendwie vor BER fertig zu bekommen. Dafür gibt es Schelte von der Opposition, allen voran CDU und besonders FDP. Diese reden hier ja gern von ideologisch geprägter Klientelpolitik des Senates. Wobei sich ja gerade die FDP mit Klientelpolitik auskennt. 😉

Nun fehlt es R2G aber an genau zwei Dingen: Mut und Rückgrat. Mut fehlt, einfach mal das Gesetz, das ja nun fertig geschrieben ist, durchzuwinken und einfach so schnell wie möglich umzusetzen. Denn was da drin steht, dient letztlich allen, viele müssen es eben nur erst merken und das geht nur, wenn einfach mal umgesetzt wird. An Rückgrat fehlt es, weil man hier eben zu sehr auf die Opposition hört und Angst hat, Wählerstimmen zu verlieren.

Logisch, wenn man immer nur redet und nicht liefert, nicht beweist das man die bessere Idee hat, dann hört der Wähler irgendwann auf die Opposition. Und die hat hier eben ganze Arbeit geleistet. Was den Chef der Senatskanzlei nun zu dieser beknackten Idee brachte, denn damit hofft er, so vermute ich mal, das die Autofahrer besänftigt werden, weil es „ja nun endlich mal den Radelrambos an die Geldbörse geht“.

Was also diesen Vorstoß auch wieder nur als verzweifelten Versuch dastehen lässt, Wählerstimmen zu retten. Womit aber die Opposition ganze Arbeit geleistet hat. Und auch wenn am Ende nicht viel von diesem Schreiben übrig bleiben wird, es wurde wieder jede Menge Porzellan zerschlagen. Für nichts. Außer dass dem Ruf von R2G sinnlos Schaden zugefügt wurde und die Umsetzung eines hoffentlich wirklich noch vor BER kommenden Mobilitätsgesetzes ein stückweit mehr Diskussionen erforderlich machen wird.

Vielen Dank auch!

RadlerTweet der Woche: Nur übersehen…

RadlerAllerlei liegengebliebene Links

Da es kaum zu schaffen ist alle (oftmals kommentierenswerten) Fundstücke hier in den Radnotizen redaktionell zu „verwursten“, gibt es hier noch eine kurze Übersicht über weitere Artikel zum Thema Radverkehr. Dabei handelt es sich meist um kleinere, lokale Meldungen oder Dinge, die hier in ähnlicher Form schon zu Sprache kamen und nicht unbedingt noch einmal aufgewärmt werden müssen. Einen Klick dürften die meisten davon dennoch wert sein.

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Die Ra(n)dnotizen bei FacebookRa(n)dnotizenDie Ra(n)dnotizen sind ein unregelmäßig erscheinendes Sammelsurium von Meldungen rund um das Fahrrad. Dabei geht es oft um den Radverkehr in Berlin, aber auch um kurioses oder bemerkenswertes aus anderen Städten. Hast auch Du ein Fundstück zum Thema Fahrrad, dann bin ich für sachdienliche Hinweise dankbar. Die Ra(n)dnotizen sind ebenfalls als RSS-Feed verfügbar.
Als Fahrradpendler in Berlin unterwegs, oder: How to survive your Heimweg!

Als Fahrradpendler in Berlin unterwegs, oder: How to survive your Heimweg!

Ich fahre nun schon seit einigen Jahren generell mit dem Fahrrad zur Arbeit und wieder heim. In Berlin ist das einfach die schnellste Lösung, denn so spare ich mir etliche Stunden Stau, schon meine Nerven und die Umwelt, tue etwas für meine Gesundheit und habe immer etwas zu berichten. Also immer dann, wenn die Nerven doch mal nicht geschont wurden.

So wie heute, denn auch wenn ich eher zu der Gruppe Radfahrer gehöre, die inzwischen hupresistent sind, bei Nahtoderlebnissen tendenziell eher gelassen bleiben und sich auch sonst nicht wirklich aus der Ruhe bringen lassen, war der heutige Heimweg nach der Nachtschicht irgendwie bezeichnend für Berlin, für das, was viele Radfahrer hier tagtäglich erleben und woraus – in Notwehr – der so genannte Radelrambo hervorgeht. Ein Hindernisparcour.

Mein Heimweg führt mich für gewöhnlich von Charlottenburg-Nord über den Kronprinzessinnenweg und die Havelchaussee nach Spandau. Das ist zwar ein Umweg, aber ich fahre ihn um so nach der Arbeit noch ein Stündchen Bewegung zu haben, um den Kopf frei zu bekommen. Und weil es Spaß macht. Dabei fahre ich vornehmlich auf der Fahrbahn, denn ich habe nur recht wenige Abschnitte, bei denen der Radweg benutzungspflichtig ist.

Heute früh jedoch war es nicht nur dunkel, sondern es regnete recht heftig, weshalb die Sicht ziemlich schlecht war. Und immer wenn das so ist, weiche ich auf den Radweg aus, denn der Berliner Autofahrer hat eine komische Eigenart. Immer dann, wenn seine Sicht durch die Kombination von Dunkelheit und Regen stark eingeschränkt ist, reduziert er nicht etwa seine GEschwindigkeit und fährt besonders vorsichtig, sondern er gibt einfach Vollgas und fährt schneller als gewöhnlich. Frei nach dem Motto „Augen zu und durch!“.

Los ging es heute auf dem Siemensdamm. Hier ist es sonst ziemlich lustig, denn ich komme vom Nikolaus-Groß-Weg und will nach wenigen hundert Metern wieder links in den Wohlrabedamm abbiegen. Deshalb bleibe ich gleich in der linken Fahrspur. Nun weiß der gemeine Berliner Autofahrer zwar, das er nach §7 Abs. 3 StVO innerorts bei mehrspurigen Straßen freie Fahrstreifenwahl hat und nutzt dies auch reiflich aus,einem Radfahrer gesteht er dieses Recht jedoch nur äußerst ungern zu. Besonders dann, wenn rechts neben der Straße ein Dingens ist, das vor Jahren mal ein Radweg war.

Besagtes Dingens habe ich also heute genommen und wurde erstmal ordentlich durchgeschüttelt. Es handelt sich dabei nämlich um den typischen Berliner Gehwegplattenradweg. Die Gehwegplatten liegen dabei nur in wenigen Fällen auf gleichem Niveau, so dass der geneigte Radler alle 40 Zentimeter einen Höhenunterschied zwischen 1 und schlimmstenfalls 5 Zentimetern zu ertragen hat. Beim Abbiegen in den Wohlrabedamm wird dann Geduld gefordert.

Radfahrer bekommen fast nur auf Anforderung grün und müssen dem geradeaus fahrenden Autoverkehr schon gern mal 2 Grünphasen lang zusehen, bis sie selbst abbiegen dürfen. Schlimmer ist es noch auf der Fahrbahn, hier darf man wirklich nur dann fahren, wenn auch Autos unterwegs sind, denn die Linksabbiegerampel ist induktionsgesteuert. Kommt ein Radler allein daher, kann er bis zum jüngsten Tag warten.

Weiter geht es auf dem Wohlrabedamm, der sich ausgesprochen gut fährt. Bis zum Rohdamm, wo es heute wieder auf dem Radweg weiterging. Gehwegplatte, was sonst. Kurz hinter der Rohrdammbrücke war die erste Vollbremsung nötig. Hauchfein zusammengerolltesAbsperrband quer über dem Radweg. Soll wohl auf irgendeine Gefahrenstelle hinweisen bzw. den Radverkehr drumherum leiten. Nur eben kaum zu sehen und bei Dunkelheit eine böse Falle.

Hundert Meter weiter wieder eine Absperrung. Wieder quer über den Radweg diesmal aber besser sichtbar. Und wieder heißt es absteigen, ein paar Meter auf dem Gehweg schieben und anschließend weiterradeln. Es polterte also weiter bis zum Krankenhaus Westend. Dort ist eine recht fiese Einfahrt, die heute aber keine Überraschungen bereithielt.

Um mal etwas abzuschweifen: Vor zwei oder drei Wochen war ich hier schon einmal wegen Dunkelheit und Regen auf dem Radweg unterwegs. Und da kam ein BMW ohne zu schauen direkt vor mir vom Krankenhausgelände gebrettert und blieb direkt auf dem Radweg stehen. Ich blieb auch stehen. Ungefähr 3 Zentimeter tief in seiner Fahrertür. Sein Pech, aber da die ganze Sache von der Polizei beobachtet wurde, hat er sich lediglich bei mir entschuldigt und dann zugesehen, das er Land gewann.

Es folgte die Königin-Elisabeth-Straße. Die fährt sich eigentlich sehr gut, auch wenn es hier immer wieder Autofahrer gibt, die wild hupend jeden Radfahrer abdrängen, den sie auf „ihrer“ Fahrbahn sehen. Heute aber eben der Radweg. Wieder Gehwegplatte. Und Knut. Denn die Fahrt hier wurde zum echten Hindernislauf, alle 25 Meter lag ein Weihnachtsbaum auf dem Radweg. Zwischendurch sind dann auch mal Geländer zwischen Geh- und Radweg, die man im Dunkeln nicht sieht und so Gefahr läuft, das man voll dagegen knallt, wenn man um den Weihnachtsbaum herumgekurvt ist.

Inzwischen taten meine Handgelenke ordentlich weh. Klar, wenn man mehrere Kilometer Waschbrettuntergrund hinter sich hat. Diese Rüttelwege sind übrigens exakt das, was Autofahrer von ihrem Fahrersitz aus als „tolle Radwege“ bezeichnen. Klar, von dort aus sehen die ja auch gut aus und man merkt nicht, wie derb uneben die sind. Aber weiter…

Kurz den Kaiserdamm queren und weiter geht es auf dem Messedamm. Jetzt schlängelt sich der Radweg irgendwie um ein paar Bäume und kaum das ich an der dortigen Tanke vorbeikam, wollte mich ein Autofahrer auf die Haube nehmen, als er ohne zu schauen das Tankstellengelände verließ. Vollbremsung sei Dank konnte ich das verhindern.

Um dann wenige Meter weiter in der Einfahrt zum ZOB beinahe von einem Flixbus umgeholzt zu werden. Also der typische Rechtsabbiegerunfall – Busfahrer biegt ohne zu schauen rechts ab, geradeaus fahrender Radfahrer hat kurz darauf dessen rechtes Vorderrad im Brustkorb stehen. Auch hier wieder eine Vollbremsung um schlimmeres zu verhindern. Der Bus war weg, ich fuhr weiter und machte sofort wiedder eine Vollbremsung.

Denn neben dem Bus wollte ein PKW den ZOB verlassen und hielt es nicht für nötig, mal zu schauen ob da ein Radler kommt. Aber das war noch nicht alles. Nur wenige Meter weiter, auf der Masurenallee gab es eine Premiere. Ich kam dort an, just in dem Moment schaltete die Fahrradampel auf grün und ich radelte weiter. Erste Spur. Zweite Spur. Vollbremsung. Kam da doch tatsächlich ein Geisterfahrer aus der Masurenallee heraus.

Dessen Glück war wohl, das er mich irgendwann sah und deshalb auch bremste, anderenfalls wäre er wohl direkt in den Querverkehr gedonnert. Mein Glück hingegen war, das ich ihn irgendwie wahrgenommen habe, denn für gewöhnlich kommt dort ja kein Auto, man schaut deshalb auch nicht wirklich hin. Der Verkehr von rechts kommt ja erst nach der Mittelinsel.

Nach dem Messedamm gab es erstmal nur noch eine Herausforderung. Die Kreuzung an der AVUS-Tribüne, wo der Hauptverkehr vom Messedamm rechts in die Jafféstraße einbiegt bzw. aus dieser kommt und in den Messedamm einbiegt.

Jafféstraße Ecke Messedamm

Hier gilt für Radfahrer, die wie ich geradeaus in den Eichkamp wollen, immer erst drei Sekunden verstreichen zu lassen, wenn die Fahrradampel auf grün schaltet und dann erst zu fahren. Anderenfalls wird man gnadenlos von den Autofahrern umgenietet, die hier noch fix bei rot fahren. Und das sind nicht wenige.

Der Eichkamp selbst fährt sich dann in aller Regel recht ruhig, einzig man wird hier sehr häufig überholt. Auch dann, wenn man die erlaubten 30km/h fährt. Und weil die Straße recht schmal ist, beträgt der Überholabstand selten mehr als 50 Zentimeter. Schwache Nerven sind hier also eher ungünstig. Dafür wird es dann auf dem Kronprinzessinnenweg sehr ruhig.

Hier stören eigentlich nur bei Dunkelheit entgegenkommende Radfahrer, die ihr Licht nicht korrekt eingestellt haben und deshalb blenden. Ja, auch die gibt es, und nicht einmal wenig. An manchen Tagen sind es 3 von 5, die ihr Lichtschwert fein in den Gegenverkehr richten. Muss ja auch mal erwähnt werden.*

Dann die Havelchaussee. Eigentlich bekannt für jede Menge Radler, wird sie dennoch gerade zum Berufsverkehr sehr gern von Autofahrern genutzt, um hier schnell nach Spandau zu kommen. Der Kronprinzessinnenweg übrigens auch, immer wenn auf der AVUS Stau ist, nutzen den, trotz klarem Verbot, etliche Autofahrer als Schleichweg. Und die Rennleitung interessierts nicht.

Nun ist die Havelchaussee aber 10 Kilometer lang und es gilt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30km/h. Das ist vielen Autofahrern wohl zu langsam, also wird der sprichwörtliche Hebel auf den Tisch gelegt. Ich radle nun also meist mit glatten 30km/h die Havelchaussee entlang und erlebe nur äußerst selten, also vielleicht einmal im Monat, das ein Autofahrer dann auch wirklich hinter mir bleibt. Überholen verbietet sich dann ja, schließlich geht das nur mit Geschwindigkeitsüberschreitung.

Bis auf diesen einen überholt also nun wirklich jeder, wobei ich im Laufe der Zeit folgende Beobachtung machen konnte. Schwere Limousinen, also S-Klasse und ähnliches, sind zumeist recht gelassen und überholen eher gemach. Kleinwagen, also die Ford-Fiesta-Klasse hingegen, müssen wohl das zu klein geratene Auto resp. die zu klein geratene Penisverlängerung durch hohe Geschwindigkeiten kompensieren. Die donnern dann gern mit 80 und mehr km/h am Radler vorbei.

Dabei gilt dann, je schneller überholt wird, desto dichter wird auch überholt. Selbst wenn die Gegenspur komplett frei ist, macht ein Spurwechsel zuviel Arbeit. Getoppt wird der Kleinwagen nur durch einen: Den Lieferwagen. Umso Lieferwagen umso schneller. Selten erlebt man Lieferwagen die auf der Havelchaussee langsamer als 80km/h fahren. Und das in einer Gegend, in der die Wildschweindichte so hoch wie sonst fast nirgends ist. Die Steckdosen laufen hier auch gern mal auf der Straße herum und ich frage mich dann immer ganz besorgt, wie der Lieferwagenfahrer seinem Chef erklären will, das er mit 80 Sachen einen ausgewachsenen Keiler erwischt hat. Viel bleibt dann nämlich nicht übrig. Weder von der „Steckdose“, noch vom Lieferwagen.

Und da ich sowieso schon am abschweifen bin, eine kurze Anekdote von kurz nach Weihnachten. Ich kam abends nach dem Tagesdienst die Havelchaussee entlang und schinderte den Willi hinauf. Insgeheim hoffte ich, das oben ein Sauerstoffzelt steht und war dementsprechend in Gedanken, als mir plötzlich ein Lieferwagen entgegen geflogen kam. Geflogen, wirklich. Der zog mit wenigstens 100km/h, wenn nicht sogar mehr, über den Berg und ich rechnete damit, das er unten in der scharfen Rechtskurve die der südlichen Abfahrt folgt, direkt in die Leitplanke knallt. Er schaffte es aber irgendwie, schlingernd zu bremsen und unfallfrei durch die Kurve zu kommen. Die Bremsspuren konnte man noch am folgenden Tag sehen.

Und so gab es auch heute die üblichen Überholer, die gnadenlos mit wenigen Zentimetern Abstand an mir vorbei zogen. Havelchaussee fahren ist manchmal eben auch echter Nervenkitzel. Am Ende der Havelchaussee geht es für mich dann rechts in die Angerburger Allee. Vergleichsweise steil bergauf. Mit ein paar Kurven. Und recht schmal. Was die Autofahrer natürlich keineswegs davon abhält, hier noch rasant zu überholen, denn an der Kreuzung zur Glockenturmstraße steht eine Ampel. Und die könnte man ja – welch Drama! – bei rot erwischen, nur weil man hinter einem Radfahrer hinterher fährt.

Nach der Glockenturmstraße folgt noch ein Stück Heerstraße. Hier ist benutzungspflichtiger Radweg angesagt. Und das, was mal der Radweg war, ist ein katastrophaler, handtuchbreiter Streifen Buckelasphalt, der bestenfalls als Teststrecke für Full Suspension Mountainbikes herhalten kann. Weshalb vor einiger Zeit auf gemeinsamen Geh- und Radweg umbeschildert wurde.Aber auch der Gehweg ist keine echte Freude, denn, was auch sonst, hier gibt es wieder die niveauunterschiedlichen Gehwegplatten. Und haufenweise Wurzelaufbrüche.

Haben sich die Handgelenke bis hierhin ein wenig erholt, kommt also noch mal die volle Ladung drauf. Und selbst auf der nagelneuen Freybrücke (und die 100m davor und danach) wird man reichlich geschüttelt. Denn auch wenn hier ganz frischer Asphalt liegt, eben ist der noch lange nicht. Keine Ahnung wie das durch die Bauabnahme gekommen ist. Im Straßenbau dürfen, wenn ich mich recht erinnere, die Unebenheiten auf einer 4m langen Messstrecke nicht mehr als 1,5 Zentimeter betragen. Für Geh- und Radwege gilt das wahrscheinlich nicht, denn anderenfalls hätte der Bauträger hier noch einmal alles neu machen dürfen.

Nun denn, am Ende noch ein paar Meter heimische Straße und es ist geschafft. Heute früh mit reichlich schmerzenden Handgelenken dank „feinster“ Berliner Gehwegplattenradwege, einem Hindernisparcous aus Baustellenabsperrungen und Weihnachtsbäumen, vier Nahtoderlebnissen durch unachtsame Bus-, Auto- und Geisterfahrer und unzählige Nervenkitzler durch zu knappes Überholen mit überhöhter Geschwindigkeit. Also ein typischer Tag für Radfahrer in Berlin…

* Ja ja, ich weiß. Das sollte besser nicht erwähnt werden, denn damit richtet sich die gesamte Diskussion, wo auch immer sie entstehen mag, auf genau dieses Thema. Die bösen Radler die mit ihren falsch eingestellten Lichtern den Gegenverkehr blenden und damit Autofahrer gefährden. Die vielfachen Fälle von echt brisanten Situationen drumherum werden dann immer ganz gern vergessen. Aber hey, es gehört einfach der Vollständigkeit halber dazu.

tl;dr Ein „ganz normaler“ Tag für einen Radfahrer in Berlin. Ich schildere meinen Heimweg nach der Nachtschicht, der witterungsbedingt auf Radwegen, die den Namen nicht verdienen und vornehmlich für ernsthafte orthopäische Probleme sorgen, zurückgelegt wurde. Mit dabei dann Hindernisse auf Radwegen, die irgendwie ganz normal sind, allerlei kritische Momente die ohne Weiteres auch tödlich hätten enden können, sowie jede Menge Nervenkitzel durch viel zu schnelles und viel zu knappes Überholen. Und ein Geisterfahrer. Der war diesmal auch dabei.