Bikes and the city: Stadtrad Hamburg als Herzschlag der Elbmetropole

Bikes and the city: Stadtrad Hamburg als Herzschlag der Elbmetropole



Hamburg-Herzschlag morgens um 9 Uhr: Rote Kreise bedeuten mehr Stadtrad-Ausleihen als Rückgaben, blaue mehr Rückgaben als Anmietungen
Statistik! Ein Seegen. Oder Teufelszeug. Je nachdem, was damit gerade bewiesen oder widerlegt werden soll. Traue keiner Statistik, die du nicht selbst... und so weiter... . Vorsicht ist also geboten. Doch was mir jetzt ins E-Mail-Postfach geflattert ist, begeistert mich: Wann werden wo und wieviele Call-a-bikes ausgeliehen? Wie lange werden sie gemietet? Und welche Strecken damit gefahren? Das Ganze gibt es dann auch noch in interaktiver Form und als Video. Ein Blick auf das Schwarmverhalten von Stadtrad-Nutzern in Hamburg.
Alexander Eser, Co-Founder von kaufbertaer.io
"Wir wollten den Herzschlag einer Stadt einfangen", sagt Alexander Eser, Gründer des Internetportals Kaufberater.io aus Augsburg. Ob Autobatterie oder Dirndlschürze, dervKaufberater bietet umfangreiche Übersichten und Vergleiche von Konsumerprodukten aller Art. Aber was, bitteschön, hat das mit Bikesharing zu tun? "Mobilität ist ein wichtiges Verbraucherthema. Darum planen wir, verstärkt über Servicethemen wie Bikesharing zu berichten", erklärt Eser, der sein Startup als journalistisches Verbrauchermagazin sieht und auf Unabhängigkeit wert legt.

Um das Nutzerverhalten von Bikesharingkunden zu analysieren hat Eser einen Datensatz der Deutschen Bahn interaktiv und visuell aufbereitet. Eigentlich kein Hexenwerk und das Ergebnis ist auch nicht überraschend. Aber das Sichtbarmachen der Ausleih- und Rückgabevorgänge hat dennoch großen Charme. Zeigt es doch in der Tat so eine Art Herzschlag unserer Stadt.

Stadtrad-Aktivitäten im Dreijahresvergleich um 9 Uhr
Stadtrad-Aktivitäten im Dreijahresvergleich um 18 Uhr
Spannender Vergleich: Stadtrad-Ausleihen- und Rückgaben. Die linke Karte zeigt die Aktivitäten um 9 Uhr, rechts um 18 Uhr. Logisch, morgens werden in den typischen Innenstadt-Randlagen im Westen und Osten die meisten Räder ausgecheckt. Auffällig ist die besonders starke Nachfrage in Eimsbüttel und St.Pauli. Auch Winterhude (besonders Station 2324 Hofweg/Am Langenzug) gehört zu den morgendlichen Stadtrad-Hotspots. Umgekehrtes Bild dagegen in der Hafencity, an der Alster und Rotherbaum. Hier gibt es deutlich mehr Rückgaben als Ausleihen.

 Das Pulsieren entsteht dabei aus der Betrachtung des Netto-Fahrradverleihs, also Summe der ausgeliehenen Fahrräder minus Rückgaben an den einzelnen Stadtrad-Stationen im Tagesverlauf. Entstanden ist daraus einen spannende Stadtkarte mit jeder Menge roter und blauer Kreise. Diese zeigen nicht nur das relative Volumen der einzelnen Stationen - oder anders ausgedrückt die jeweilige Beliebtheit der Ausleih- und Rückgabepunkte -, sondern auch wie stark diese zu unterschiedlichen Uhrzeiten frequentiert werden.

Ein roter Kreis bedeutet, es gibt mehr Ausleihen als Rückgabevorgänge. Blaue Kreise dagegen dokumentieren das Gegenteil: Hier werden mehr Stadträder zurück gegeben als angemietet. Dass morgens vor allem die Randbereiche in den westlichen, östlichen und nördlichen Innenstadtlagen rot und die Citymitte blau eingefärbt sind, ist natürlich wenig überraschend. Denn der typische Stadtradnutzer mietet sein Leihbike etwa in Ottensen oder Wandsbek und pedalliert anschließend zur Uni in Rotherbaum, ins Büro an der Alster oder zum Termin in der Hafencity - typisches Großstadtpendlerverhalten eben. Ein Bewegungsmuster, in dem man tatsächlich so eine Art Herzschlag der City erkennen kann. Und Abends geht alles wieder in die andere Richtung: Anmieten direkt im Herzen der Stadt, Rückgabe in den Wohnquartieren wie Eimsbüttel oder Winterhude.

Darum ist auch gut zu beobachten, dass diese Stationen am Tagesende meistens mit zurückgegebenen Stadträdern überquellen. Stadtrad-Mitarbeiter steuern darum diese Punkte an, verladen Stadträdern und bringe diese an die leergefegten Stationen in den zentralen Citylagen. Denn dass der Bike-Überschuss am nächsten Morgen von den Mietern quasi auf natürliche Art und Weise ausgeglichen wird, erfüllt sich offensichtlich nicht regelmässig und ist wohl auch stark vom Wetter abhängig.

Motivation für diese anschaulichen Auswertung war für Alexander Eser auch pure Neugier. "Ich programmiere am Wochenende ganz gerne mal was", erzählt er am Telefon. Als er neulich ein Datenprogrammierungsbuch geschenkt bekam, wollte er das angelesene Wissen umsetzen und machte sich auf die Suche nach frei verfügbaren Daten. Bei der Deutschen Bahn wurde er fündig. Die deutschlandweiten Call-a-bike-Aktivitäten sind über die Bahn-Webseite für jedermann zugänglich.

Dass Datenschutz dabei aber sehr wichtig genommen wird, spürte Eser sofort nach der Veröffentlichung. Seine Formulierung "Ein großer Werttreiber für Anbieter von Bike-Sharing sind gesammelte Daten. Mit mehr als 12 Millionen Fahrten registriert die Deutsche Bahn reges Interesse an dem Service und weiß angeblich genau, wann sich welcher Nutzer wo aufhält und über welchen Zeitraum.", rief die Bahn auf den Plan. Sie registriert nach eigener Darstellung nur den Ausleih- und Rückgabepunkt, nicht aber den genauen Verlauf der gefahrenen Strecke. Dass die Bahn hier so sensibel reagiert liegt wohl auch an den Aktivitäten asiatischer Leihradanbieter wie Obike, die mit Macht auf den deutschen Markt drängen. Ihnen wird unterstellt, dass sie vorrangig an den wertvollen Nutzerdaten Interesse haben.
Beliebte Stadtrad-Routen: Das Schaubild zeigt, welche Strecken besonders oft gefahren werden

Alexander Eser hat aus den Daten auch noch eine Routenkarte erstellt, die zeigt welche Strecken mit den Stadträdern gefahren werden. Sie belegt wie die anderen Schaubilder, wo gewohnt und wo gearbeitet wird.

Nicht allein zur Unterhaltung ist Esers Fleißarbeit geeignet. Auch für die Planer und Entwickler bei Stadtrad Hamburg dürfte die Datenvisualisierung auf Interesse stossen. Zeigt die Grafik doch auf einen Blick, wo neue Stationen Sinn machen und wo weniger. Vielleicht sind einzelne Stationen auch so unlukrativ, dass man sie besser schließt. Neben den spannenden Grafiken hat Eser nämlich auch einige verblffende Details ans Tageslicht befördert.

-Die beliebteste aller Stadtrad-Stationen ist der Allendeplatz mit 174037 Fahrten, gefolgt von Schulterblatt (160807), Goldbekplatz (128838) und Jungfernstieg (126957)



Die Stadtrad-Station 2690 auf der Veddel vorm Leonardo Hotel


-Die Stationen mit den wenigsten Anmietungen und Rückgaben sind:

Sieldeich/Gresham carat Hotel (99)
S-Bahn Nettelburg (1259)
Krankenhaus Altona (1308)

-Die kürzeste Standzeit aller Stationen betrug fünf Sekunden. "Ein Muster, das sich öfters in Daten wieder findet", sagt Alexander Eser. Grund dafür dürfte sein, das Nutzer das Bike kurz an einer Station auschecken, um es sofort wieder anzumieten. So lange sie unter der 30 Minuten-Grenze bleiben, ist die  Fahrt kostenlos.

-Die längste Standzeit betrug 970 Tage. Ehrlich? Wie kann das sein? So eine "Stadtradleiche" dürfte ja nur noch wenig Luft in den Reifen und eine verrostete Kette haben. Eser hat festgestellt, dass dieses Bike während seiner Standzeit die Station gewechselt hat. Mögliche Erklärung: Der Stadtrad hat das Bike zwischnzeitlich eingesammelt, gewartet und dann wieder an einem anderen Punkt ausgesetzt, wo es aber weiter verschmäht wurde - armes, rotes Stadtrad...

-Die durchschnittliche Standzeit lag bei 56 Minuten und 36 Minuten wenn man den Median betrachtet, also Ausreißer wie den Fünfsekünder und den 970-Tage-Langsteher ausklammert. Hier wäre es sehr spannend  zu sehen, wie sich das bei den Carsharern Car2Go und DriveNow verhält. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Standzeiten kürzer sind.

Und hier ist der Stadtrad-Herzschlag als Video im Zeitverlauf zu sehen - sehr cool!